Gliederung der deutschen Auswanderung nach Herkunftsgebieten und Berufen.

Aus: Die deutsche überseeische Auswanderung seit 1871 . . .
Autor: Josephy, Fritz Dr. (?-?), Erscheinungsjahr: 1912
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Auswanderung, Auswanderer, Deutschland, Amerika, USA, Vereinigte Staaten, Auswanderungsschiffe, Auswanderungshäfen, Auswanderungsländer, Auswanderungsgründe, Auswanderungsagenten
Die Herkunft der deutschen Auswanderer wird durch die Reichsstatistik erst seit 1887 vollständig notiert. Nach der vorhandenen Statistik waren in allen Jahren alle deutschen Einzelstaaten an der Auswanderung beteiligt, jedoch naturgemäß in ungleicher numerischer Stärke. Bis 1896 stellten die meisten Auswanderer die preußischen Provinzen: Westpreußen, Pommern, Posen, Schleswig-Holstein, Hessen-Nassau; ferner von den süddeutschen Staaten: Württemberg, Baden, Bayern und Hessen; von den mitteldeutschen Staaten: das Großherzogtum Sachsen, Sachsen-Meiningen, Sachen-Coburg-Gotha und Reuß j. L.; von den norddeutschen Staaten: die beiden Mecklenburg, Oldenburg, Waldeck, Lübeck, Bremen und Hamburg 33). Am niedrigsten waren während des ganzen Zeitraumes die Auswanderungsziffern von Schlesien, Westfalen, ferner des Königreichs Sachsen und Anhalt.

33) Näheres siehe Tab. VII.

In diesem Verhältnis ist seit 1896 eine teilweise Verschiebung eingetreten, in dem nunmehr die Hafenstädte Bremen und Hamburg als deutsche Auswanderungsstaaten an der Spitze stehen.

Nach der wirtschaftlichen Tätigkeit der einzelnen Teile Deutschlands haben wir überwiegend agrarische und überwiegend industrielle Auswanderungsgebiete zu unterscheiden. Die Auswanderung aus den Industriegegenden Deutschlands war durchweg erheblich geringer als diejenige aus den landwirtschaftlichen Gegenden. Die Industriegegenden hatten im Gegenteil sogar teilweise eine starke Zuwanderung zu verzeichnen, wie dies hauptsächlich für das rheinisch-westfälische Industriegebiet der Fall ist. Die Ursachen für die Zuwanderung liegen klar zutage, da eben die immer stärker anwachsende Industrie einen größeren Bedarf an Arbeitskräften beanspruchte. Im engsten Zusammenhange hiermit steht auch die gelegentliche Ab- bzw. Auswanderung. Letztere setzte meist dann ein, wenn nach einer günstigen Konjunkturperiode ein Abflauen oder sogar eine Krisis eintrat. Dadurch wurden natürlich viele Arbeiter entbehrlich, die nach anderweitigen Erwerbsgelegenheiten! sich umsehen mussten. Zahlreiche Existenzen wandten sich zu diesem Zwecke dem Auslande zu. Nicht immer aber sind es Krisen und allgemeine Rückgänge in der Konjunktur, vielmehr zuweilen ganz partielle Vorgänge, die mit der Entwicklung der Industrie eng verknüpft sind. Denn diese ist in viel höherem Maße als irgendein anderer Wirtschaftszweig von einer Unzahl anderer Faktoren, wie Veränderung der Bedürfnisse der Menschen, vor allem aber auch der Vervollkommnung der Technik und Erfindungen beeinflusst. Denn die Verbesserung letzterer führt nicht sowohl auch zu veränderten und verbesserten industriellen Betrieben, sondern hat häufig ein vollkommenes Lahmlegen bestimmter Produktionszweige zur Folge. Und ein solcher partieller Stillstand bzw. Aufhören irgendeines bestimmten Zweiges kann sehr wohl mit einer glänzenden Konjunktur zusammenfallen. Daher treten die Ursachen der Auswanderung aus den industriellen Gegenden Deutschlands nicht so klar zutage, wie dies bei den agrarischen Gebieten der Fall ist. Das Steigen und Fallen der Auswanderungsziffern kann jedoch leicht in Zusammenhang mit den wirtschaftlichen Wellenbewegungen in Deutschland gebracht werden, so dass vermutet werden muss, dass die mehr oder minder günstigen Erwerbsverhältnisse, übergroßes Arbeiter-Angebot bzw. -Nachfrage, Streiks und Arbeiteraussperrungen, in Verbindung mit landsmannschaftlichen Beziehungen des Auslandes von Einfluss auf die Auswanderung gewesen sind. Detaillierte und lokal begrenzte Forschungen könnten hier eine tiefere Einsicht in das Wesen und in die Ursachen dieser Auswanderung vermitteln.

I. Den Hauptanstoß zur Auswanderung aus den agrarischen Gebieten gab zweifellos die seit 1875 hervortretende Agrarkrisis in Deutschland. Allenthalben war bis 1875 eine Aufwärtsbewegung' der Preise für agrarische Produkte zutage getreten. Infolge der ausländischen Getreidekonkurrenz sanken sie jedoch auf das Niveau des Weltmarktpreises. Die Folgen dieses Preissturzes waren zunächst zahlreiche Ganten. Eine Statistik derselben ist nur schwer zu bekommen ; soweit aber eine solche vorhanden ist, belegt sie hinreichend die aufgestellte Behauptung. Es fanden z. B. Zwangsveräußerungen statt 34):
In Bayern: 1880: 3.739, 1881: 2.739, 1882-1886: 1.609
In Baden: 1882: 538, 1883-1885: 290, 1886-1890: 313

Trotz der deutschen Getreidezölle von 1879 ab dauerte die Not der Landwirte bis Ende der 90er Jahre fort. Unter den Auswanderern befanden sich zweifellos zahlreiche Familien, welche von ihrem Besitze abziehen mussten, da sie die auf demselben ruhenden hypothekarischen Lasten nicht mehr erschwingen konnten. Und zwar werden es sowohl Besitzer von mittleren Bauerngütern, wie von Parzellenwirtschaften gewesen sein. Die Zunahme der Verschuldung ist ein bemerkenswertes Symptom dieser Zeit (von Ende der 70er bis Ende der 90er Jahre). Mit dem Preisfall der landwirtschaftlichen Produkte ging eine Lohnsteigerung der ländlichen Arbeiter parallel. Schon dadurch wurden die Produktionskosten der Landwirtschaft erheblich vergrößert. Die höheren Dienstbotenlöhne veranlassten zahlreiche Grundbesitzer, ihren Betrieb zu verkleinern und die eigenen Familienglieder mehr zur Arbeit heranzuziehen 35). Solche Wirtschafter, welche auf Dienstboten angewiesen waren, gerieten nicht selten in eine Verschuldung ihres Grundbesitzes, welche sie unter Umständen zum Verkauf veranlasste. Wenn sich auch keine näheren Nachweise erbringen lassen, so besteht gleichwohl die begründete Vermutung, dass sich unter den Auswanderern auch zahlreiche Familien befanden, welche ihr Bauerngut verließen, obgleich dasselbe imstande gewesen wäre, seinen Besitzer zu ernähren. Die Suggestion spielte bei der bäuerlichen Bevölkerung eben eine große Rolle. Man zog die günstige Gelegenheit zum Landerwerb in der Union der unrentableren Bewirtschaftung eines Landgutes in Deutschland vor. Hieraus erklärt es sich, dass sich unter den Auswanderern mitunter recht wohlhabende, ländliche Elemente befanden.

34) Vgl. Conrad Art. „Agrarkrisis" im Handwörterbuch d. Staats Wissenschaften 3. Aufl., 1. Bd. S. 206 ff.
35) Wenn, wie Sombart (a. a. O. S. 388) hervorhebt, von 1882—95 gleichwohl eine Verminderung der Zahl der erwerbstätigen Familienangehörigen in der Landwirtschaft von 866.413 auf 382.872 eingetreten ist, während gleichzeitig die Zahl der Gesindepersonen (Knechte und Mägde) von 1.589.088 auf 1.718.885 gestiegen ist, so widerspricht dieses unserer Behauptung nicht. Denn der Rückgang der erwerbstätigen Familienangehörigen entsprach demjenigen der ländlichen Bevölkerung überhaupt. Der ländliche Bevölkerungszuwachs wanderte fort, weil ihm die Möglichkeit fehlte, sich selbständig zu machen.


Weiterhin war auf dem Lande ein fühlbarer Arbeitermangel entstanden. Die Industrie in Deutschland war imstande, erheblich höhere Löhne als die Landwirtschaft zu zahlen. Deshalb wandten sich alle brauchbaren Arbeitskräfte, angelockt durch diese höheren Löhne in der Industrie, derselben zu. Dieser Arbeitermangel verhinderte im Verein mit den steigenden Löhnen der landwirtschaftlichen Arbeiter eine intensivere Bewirtschaftung des Grund und Bodens. Die Folge war deshalb auch eine absolute Verminderung der ländlichen Bevölkerung. Der Bevölkerungszuwachs konnte nämlich infolge Erwerbslosigkeit nicht mehr auf dem Lande bleiben. Der eine Teil wandte sich der Großstadt und den Industriezentren zu. Ein großer Teil zog aber die Auswanderung der abhängigen Beschäftigung in der Fabrik vor. Ein anderer Teil fand die Eingliederung in den großstädtischen Mittelstand. Der Landwirtschaft gingen aber durch diese teils binnenländische, teils überseeische Wanderbewegung die tüchtigsten Kräfte verloren, und nur die unelastischen Elemente blieben zurück. Die bisherige selbständige, ländliche Arbeiterschaft wurde aber vielleicht weniger durch die Agrarkrise veranlasst auszuwandern, als vielmehr durch den Umstand, dass die Landwirtschaft infolge des Vordringens der Industrie einen schärferen Saisoncharakter annahm. Wie bereits hervorgehoben wurde, zog ja die Industrie die meisten früheren hausgewerblichen Produktionszweige der ländlichen Bevölkerung an sich (z. B. Spinnen und Weben des selbstgebauten Flachses); es verschwanden ländliche Hausindustrien und kleinere Betriebe in den landwirtschaftlichen Nebengewerben (wie z. B. ländliche Brennereien, Brauereien, Bäckereien). Da die selbständigen Landarbeiter durch diesen Umstand nur mehr während eines Teiles des Jahres Beschäftigung fanden und namentlich im Winter beschäftigungslos waren, so blieb ihnen zur Erhaltung der Existenz keine andere Möglichkeit, als die Fortwanderung. Dagegen fand in der Industrie nicht nur eine bessere Löhnung der Arbeit statt, sondern es herrschten auch relativ stetige Arbeitsverhältnisse während des ganzen Jahres. Die Beteiligung von ländlichen Arbeitern an der Auswanderung erklärt sich zumeist dadurch, dass nicht alle vom Lande fortziehenden Personen Beschäftigung in der städtischen; Industrie fanden. Diejenigen, welche direkt vom Lande in überseeische Gebiete gingen, taten dies zumeist auf Grund der Unterstützung von Verwandten und Angehörigen in der Fremde. Eine weitere Ursache der ländlichen Auswanderung liegt in folgendem Umstände. Seit den 60er bis Mitte der 70er Jahre waren die Preise für agrarische Produkte immer noch gestiegen. Deshalb hatten sich zahlreiche Existenzen der Landwirtschaft zugewandt. Es bestand eine rege Nachfrage nach Grund und Boden, die Bodenpreise stiegen und man ging zugleich zu einer intensiveren Bewirtschaftung des Bodens über. Durch Inanspruchnahme von Realkredit, der ja auch dem Minderbemittelten zur Verfügung steht, waren zahlreiche kleine Existenzen zu einem Besitztum gelangt Jedenfalls war dadurch eine stärkere Verdichtung der ländlichen Bevölkerung in einzelnen Gegenden Deutschlands eingetreten, als dies die Einkommensverhältnisse in der folgenden Zeit der Agrarkrise gestatteten. Als nun der Preissturz der landwirtschaftlichen Produkte das Einkommen verminderte, da konnten sie die Schuldzinsen nicht mehr tragen, und es wurde wieder ein großer Teil der verschuldeten Besitzer abgestoßen. Und gerade diese Personen, welche durch ihren Fleiß und durch ihre Sparsamkeit sich selbständig gemacht hatten, mussten es besonders hart empfinden, sich durch die wirtschaftlichen Verhältnisse aus ihrer selbständigen Stellung wieder verdrängt zu sehen. Hieraus erklärt es sich wohl am meisten, dass besonders die Zahl der kleinbäuerlichen Auswanderer recht erheblich ist. Letztere hatten auch den Grund und Boden, in dem sie lediglich eine Anlage für ihre Arbeitskraft erblickten, zu teuer bezahlt und erlitten so durch den notwendig gewordenen Wiederverkauf Verluste. Diese gingen ihnen natürlich um so mehr zu Herzen, als dadurch die Arbeit mancher Jahre vernichtet war. In Amerika bestand aber begründete Hoffnung, zu Wohlstand zu gelangen. Solche kleinbäuerliche Elemente werden daher die Auswanderung der Beschäftigung in der Industrie vorgezogen haben, weil erstere ihnen ihre Selbständigkeit zu garantieren schien.

In Baden und Württemberg bestand, wie Conrad 36) hervorhebt, die Gewohnheit der Bauern, die in günstigen Zeiten gemachten Überschüsse aus dem Ertrage des Grund und Bodens durch Zukauf neuer Grundstücke nutzbringend anzulegen, was gleichfalls preissteigernd wirken musste. Sie kauften in der Regel zu hoch, indem sie sich gegenseitig im Preise überboten. Auch dieser Umstand konnte zu einer größeren Verdichtung der ländlichen Bevölkerung führen, als dies die späteren Verhältnisse gestatteten. Notwendigerweise wurde dann dieser Teil unter den Folgen der Krise wieder abgestoßen. Ebenso mochte auch der Verlust ihrer Ersparnisse infolge des Rückganges der Bodenpreise manchen zur Auswanderung veranlassen.

Es darf vermutet werden, dass die deutschen Getreidezölle in ihren Wirkungen besonders im letzten Jahrzehnt ebenfalls zu einer unverhältnismäßigen Verdichtung der ländlichen Bevölkerung in guten agrarischen Gegenden geführt haben. Mit dem Wegfalle des Zolles würde dann unter der Voraussetzung, dass die Nachfrage nach agrarischen Produkten von sehen der industriellen Bevölkerung Deutschlands nicht imstande wäre, die Preise derselben auf der gleichen Höhe zu erhalten, gleichfalls wieder eine starke Auswanderung einsetzen.

Diese gekennzeichneten Verhältnisse haben in vielen Teilen Deutschlands auswanderungsfördernd gewirkt.

Die Grundbesitzverteilung in Deutschland hat auch während der letzten 40 Jahre keine durchgreifende Änderung erfahren.

Die Betriebsgrößen bis zu 5 ha sind im allgemeinen unselbständige Parzellenbetriebe. Sie sind nicht imstande, ihren Besitzer vollkommen zu ernähren, sondern sichern ihm meist erst in Verbindung mit einem Handwerk, Gewerbe oder sonstigem Nebenverdienst das notwendige Einkommen. Der Übergang von den unselbständigen zu den selbständigen Betrieben vollzieht sich meist erst bei den Betriebsgrößen von 5 — 10 ha. Die eigentlichen selbständigen Bauerngüter sind diejenigen von 10 — 100 ha.

Soweit die Kleinbetriebe selbständige sind, würde ein neuer Konjunkturniedergang der Landwirtschaft schwere Erschütterungen der Parzellenbesitzer zur Folge haben. Denn eine große Zahl derselben gehört den minderbemittelten Klassen an; sie gelangten meist nur durch Inanspruchnahme von Realkredit zu ihrem Besitztum und würden zweifellos wieder von demselben verdrängt und vor die Notwendigkeit der Wanderung gestellt werden, falls es ihnen nicht gelingen würde, sich einem anderen Erwerbe im Inlande zuzuwenden. Die Auswanderung würde dann so lange wieder ansteigen, bis eine Anpassung der ländlichen Bevölkerung an die infolge des Sinkens der Preise für die landwirtschaftlichen Produkte verringerten Einkommensverhältnisse eingetreten wäre.

Man hat für die Auswanderung dreierlei landwirtschaftliche Gebiete zu unterscheiden 40): einmal diejenigen Gegenden, in denen der Großgrundbesitz vorherrscht; das sind: Ostpreußen, Westpreußen, Posen, Pommern, Schlesien, Brandenburg und die Provinz Sachsen. Der Großgrundbesitz nimmt durchweg mehr als ein Drittel, stellenweise sogar über die Hälfte der Gesamtfläche ein.

Dann die Gegenden der eigentlichen Bauernwirtschaften; mehr als die Hälfte des Grundbesitzes sind mittlere Bauerngüter; es sind das die Rheinlande, Hannover, Sachsen, die mitteldeutschen Gebiete und Bayern.

Drittens der Südwesten Deutschlands, das ist Baden, Württemberg, die bayrische Pfalz, sowie einzelne Teile der Rheinprovinz und Elsaß-Lothringens. Hier nehmen durchweg die Parzellenwirtschaften die Hälfte des Grundbesitzes ein.

Die landwirtschaftliche Auswanderung erfolgte weniger aus den Gegenden des Mittelbesitzes, als vielmehr aus denjenigen des Großgrundbesitzes und Parzellenbesitzes.

Aus den Gegenden des überwiegenden Großgrundbesitzes waren es vorzugsweise die ländlichen Arbeiter und zum Teil auch der Nachwuchs der Kleinbauern, welche zur Auswanderung schritten. Die Fortwanderung ging hauptsächlich von den Gutstagelöhnern 41) aus und war so groß, dass in allen Bezirken die Zahl derselben absolut abgenommen hat. Die Ursache liegt nicht in ihren Einkommensverhältnissen begründet, sondern in ihrer abhängigen Lage, in der Isoliertheit von der ihr am nächsten stehenden Schicht der ländlichen Bevölkerung, den Bauern; ferner in ihrer Heimatlosigkeit, in der Unsicherheit ihrer Stellung, in dem Mangel an Aussicht, später einmal in den Besitz eines kleinen Grundeigentums und damit einer gesicherten Existenz zu gelangen. Sie wurden überdies in den östlichen Gebieten Deutschlands noch verdrängt durch die Einwanderung slawischer Elemente mit niederer Kulturstufe und daher niederen Lebensansprüchen. Der ostelbische Großgrundbesitz war infolge der Agrarkrisis darauf angewiesen, sich billige Arbeitskräfte zu beschaffen und sah sich nicht in der Lage, gleichhohe Löhne wie die Industrie zu zahlen. Der Unterschied in den Lohn- und Arbeitsverhältnissen in der Landwirtschaft und Industrie, landsmannschaftliche Verbindungen mit überseeischen Gebieten waren der Anstoß zur Binnen- und Auswanderung der ostelbischen Arbeiter. Die vielseitigen verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen Heimat und Fremde 42) ermöglichten es auch den ärmsten Teilen der ostelbischen Arbeiterschaft, nach Amerika zu gehen. Unter den Auswanderern befanden sich gerade hier viele weibliche Personen.

40) Sombart, a. a. O. S. 378, Pohle, Deutschlands wirtschaftliche Entwicklung, S. 36 und 147 (2. Aufl.). dort auch statistische Angaben über die Besitzverhältnisse in den agrarischen Gegenden Deutschlands. Ähnlich auch Philippowich. Auswanderung und Auswanderungspolitik in Deutschland. Schriften des Vereins für Sozialpolitik, Bd. 52, Einleitung S. 23 ff. Er unterscheidet zweierlei Arten der agrarischen Auswanderungsgebiete: Einmal diejenigen Gegenden, in welchen der Großgrundbesitz vorherrschend ist, sodann jene mit überwiegend kleinbäuerlichen Stellen. Zu dem ersteren Gebiete zählt vorzugsweise der Nordosten Deutschlands; zu letzteren der Südwesten. Die Beweggründe, welche in beiden Teilen zur Auswanderung führten, sieht er in dem „Großgrundbesitz" und den „besonderen Verhältnissen der Agrarverfassung" einerseits, und in den „Missverhältnissen zwischen Bevölkerungsgröße und der durch den Grund und Boden wie durch die gewerbliche Entfaltung gegebene Erwerbsgelegenheit".
41 ) Wörterbuch der Volkswirtschaft, 2. Aufl., I. Bd.. S. 371 (von der Goltz).
42 ) Hatte doch schon eine sehr bedeutende Auswanderung landwirtschaftlicher Arbeiter aus dem Osten seit den 50 er und 60 er Jahren stattgefunden.


In den Gegenden mit überwiegendem Parzellenbesitz dagegen waren es vornehmlich die Zwergbesitzer mit einem selbständigen Betriebe, die am leichtesten zur Auswanderung geneigt waren. Infolge der Krisis der Landwirtschaft und des Mangels eines anderweitigen Einkommens gerieten viele in tiefe Verschuldung und verließen daher entweder freiwillig oder gezwungen ihr Gütchen. Hier wie dort 43) trat besonders auch eine starke Familienauswanderung zutage. In den südwestlichen Gegenden Deutschlands mit großer Grundbesitzzersplitterung war zum Teil eine rapide Zunahme der Bevölkerung erfolgt, die vielfach einer Übervölkerung gleichkam. Diese war überall da bedenklich, wo sich nicht ausreichende Industrien entwickelten, um den Bevölkerungszuwachs zu beschäftigen, der in der Landwirtschaft überflüssig war. Diese überschüssige Bevölkerungsquote wurde seit Anfang der 80 er Jahre wieder abgestoßen. Ein Rückgang der Auswanderung trat erst ein, als die neue Ausbreitung der Industrie eine allgemeine Besserung der Erwerbsverhältnisse herbeiführte.

Weniger stark war die Auswanderung aus jenen Gegenden, wo der eigentliche Bauernbesitz vorherrschte. Auch hier waren teilweise Verschuldung, Zunahme der Bevölkerung und die günstigen Aussichten in der Union der Anlass zum Fortzug zahlreicher Familien, einzelner Bauernsöhne und Töchter und besonders auch zahlreicher Dienstboten. Die Auswanderung war überall da größer, wo das bäuerliche Erbrecht einer Teilung des Gutes entgegenstand.

Eine vollständige Statistik über die landwirtschaftliche Auswanderung aus Deutschland besitzen wir erst seit dem Jahre 1899 44), jedoch ohne besondere Ausgliederung nach Herkunftsgebieten. Nach der vorhandenen Statistik überwog in allen Jahren die Zahl der landwirtschaftlichen Tagelöhner und der nicht erwerbstätigen Angehörigen diejenige der selbständigen, d. i. der Eigentümer oder Pächter. Die Zahl der letzteren schwankt seit 1899 zwischen rund 200 und 450 jährlich; die landwirtschaftliche Auswanderung überhaupt inkl. Forstwirtschaft, Gärtnerei, Tierzucht, Jagd und Fischerei zwischen 4.250 und 13.544 Personen. Sehr gering ist die Zahl der selbständigen weiblichen Personen unter den Auswanderern. Aus der großen Zahl der nichterwerbstätigen Angehörigen beiderlei Geschlechts 45) ist zu schließen, dass auch heute noch eine verhältnismäßig starke Familienauswanderung vorhanden ist.

43) Das ist in den Gegenden des Großgrundbesitzes.
44) Vgl. Tabelle VI a und b im Anhang.
45) Wobei das weibliche Geschlecht das männliche erheblich übertrifft.


Philippowich 46) hat die Frage aufgeworfen, ob der Anteil der landwirtschaftlichen Bevölkerung an der Auswanderung ein unverhältnismäßiger sei, und diese mit Rücksicht auf die Zahlen der Auswanderungsstatistik verneint, indem er ausführte, dass die agrarische Auswanderung der Berufsstatistik des Landes entspreche.

Diese Frage kann auf Grund der Statistik für die Hauptperiode der Auswanderung (d. i. der 80er Jahre) nicht beantwortet werden, da die Berufsstatistik für Auswanderer ja überhaupt erst seit 1899 in einer das ganze Reich umfassenden Weise vorliegt. Wir möchten aber die Meinung vertreten, dass die agrarische Auswanderung dieser Zeit außer Verhältnis zu der gegebenen Berufszahl steht und stützen dieselbe auf logische Erwägungen. Die aufstrebende Industrie, welche die Hauptzweige früherer ländlicher Eigenproduktion an sich zog, hatte bereits zahlreiche Existenzen auf dem Lande gefährdet, welche dann die Krise seit 1879 völlig entwurzelte. Es ist nicht lediglich die dem ländlichen Bevölkerungszuwachs entsprechende Quote, welche fortzieht, sondern alle jene Elemente schreiten zur Auswanderung, die infolge der scharfen Ausprägung des Saisoncharakters der Landwirtschaft auf dem Lande keinen Erwerb für das ganze Jahr mehr finden können.

46 ) Vgl. Conrad, Statistik, S. 204. — Conrad widerspricht dieser Ansicht und fügt hinzu: „Offenbar sind in den ersten Jahren als Land- und Forstwirte nur jüngere Söhne der Bauern . . . aufgeführt, in der späteren dagegen auch und mit Recht Lohnarbeiter und Dienstboten vom Lande".
Auswanderer, Schiffsuntergang

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Be- und Endladen eines Dampfschiffes bei elektrischem Licht

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Beladen eines Bananenfrachters

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Beladen eines Öltankers

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Beladung mit Getreide

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Dampfschiff, im Zwischendeck

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Dampfschiff, Friseurgeschäft

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Dampfschiff, Raucherzimmer

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Deck Lookout

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Erste Klasse Deck, Freizeitbeschäftigung

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