Geschichtliche Darstellung der Ansiedelung und ferneren Schicksale, wie auch des jetzigen Zustandes der Landwirtschaft der Kolonisten an der Wolga.

Aus: Archiv für wissenschaftliche Kunde von Russland. 13. Band
Autor: Braun, M. Aus den - Unterhaltungsblättern für Deutsche Ansiedler im Südlichen Russland., Erscheinungsjahr: 1854
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Während ich hier eine geschichtliche Beschreibung liefere, welche die Ergebnisse meiner unbefangenen Ansicht, der samarischen und saratowschen Ansiedlungen enthält, so habe ich nur einige Worte voraus zu schicken.

Schon manche der hiesigen Kolonisten haben den sehnlichen Wunsch geäußert, die Geschichte unserer schon längst verewigten Urväter, ihrer Einwanderung nach Russland und Niederlassung an der Wolga, durch den Druck dem Andenken der Nachkommen zu überliefern, damit dieselben wissen, wann, woher und unter welchen Umständen die Stammväter nach Russland gekommen sind, und welche Schicksale dieselben gehabt haben. Obgleich es an genauen schriftlichen Nachrichten hierüber mangelt und das Meiste aus Briefen und mündlichen Überlieferungen glaubwürdiger Männer zusammengestellt werden musste, so habe ich mich dennoch seil langen Jahren damit beschäftigt, soviel Geschichtliches als möglich zu sammeln und hiermit zu veröffentlichen.

Die Kaiserin Katharina II. verkündete durch ein Manifest vom 4. Dezember 1762 ihren Entschluss in ihrem großen Kaiserreiche auch Ausländer aufzunehmen. Am 22. Juli 1763 erließ Ihre Kaiserl. Maj. ein zweites, ausführliches Manifest, wodurch Ausländer nach Russland berufen wurden, um unter den deutlich bezeichneten Vorrechten und Rechtsverhältnissen sich in Russland häuslich niederzulassen. Dann wurden Bevollmächtigte nach verschiedenen Ländern Europas ausgeschickt, um Auswanderer anzuwerben und einzuführen. Drei dieser Direktoren hießen: Munni, La Roy und Baron Bork, wonach die Gruppen der Kolonien anfänglich auch benannt wurden.

Einwanderung der Deutschen nach Russland in den Jahren 1764 bis 1770.

In denselben Jahren waren die deutschen Staaten durch den siebenjährigen Krieg, Frankreich durch die Austreibung der Protestanten zerrüttet, tausende von Familien heimatlos und notgedrungen, sich eine neue Heimat zu suchen, um ihr Leben fristen und den Ihrigen einen neuen Herd bauen zu können.

Drei Länder boten den Hilfsbedürftigen eine Zufluchtsstätte: Russland, Ungarn und Nord-Amerika. Glücklich preisen wir uns, dass unsere Voreltern dem Rufe der Kaiserin Katharina II. folgten und Russland zu ihrer neuen Heimat wählten.

Aus Baiern, Sachsen, Württemberg, Baden, Hannover, Hessen, Elsaß, Lothringen, Tirol, Frankreich, der Schweiz und den Niederlanden sammelten sich Scharen von Auswanderern, um im fernen Osten eine Ruhestätte zu finden. Diese große Verschiedenheit in Sprache, Mundart, Glaubensbekenntnis, Sitten, Gebräuchen und Trachten hat sich durch gemeinschaftliche Ansiedelung seit 90 Jahren teils bedeutend vermindert, teils beinahe ganz aufgehoben, so dass z. B. außer der Landessprache in diesen Kolonien nur deutsch gesprochen wird, und deutsche Lebensweise vorherrschend zu bemerken ist.

Geschichtliche Darstellung der Kolonisten an der Wolga

Regensburg an der Donau war der Sammelplatz der Auswanderer, welche den tonkoschurowschen Bezirk an der Wolga ansiedelten *). Von Regensburg ging die Reise nach Weimar, durch Hannover nach Lüneburg und durch Preußen bis Lübeck. Von dort zu Wasser (auf der Ostsee) bis Kronstadt und Oranienbaum, welche nahe bei der kaiserlichen Residenz St. Petersburg liegen. Auf der Ostsee wurden die deutschen Einwanderer durch die Ränke der Direktoren und Schiffskapitäne, welche Nachts heimlich zurückfuhren, so lange verzögert, bis letztere ihre Lebensmittel um den doppelten Preis verkaufen und sich gelegentlich mit Schleichhandel befassen konnten. Als aber die Schiffe in Kronstadt ankamen, wurden die verbotenen Waren entdeckt und hinweggenommen, die Urheber der an den Reisenden verübten Beeinträchtigungen aber dem Gerichte übergeben. Übrigens ging die Seereise glücklich von Statten und die Einwanderer kamen wohlbehalten in Kronstadt an.

*) Hier und nachfolgend ist hauptsächlich der Bezirk Tonkoscharowka besprochen, den der Direktor La-Roy (Larroi?) ansiedelte, und vor wo ich die meisten Nachrichten beziehen konnte.

Huldvolle Aufnahme der Ansiedler durch die Kaiserin Katharina II.

Sobald diese Monarchin von der Ankunft der ersten Einwanderer Kunde erhielt, begaben sich Ihre Kaiserl. Maj. in Begleitung des Thronfolgers Paul Petrowitsch nach Oranienbaum, fuhren in langsamem Schritte durch die Reihen der Fremdlinge, wendeten sich bald zur Rechten, bald zur Linken, während sie Worte des Trostes und Ermahnungen sprach. Ihre Maj. erklärten den Ausländern ihre Standesrechte und Pflichten gegen ihr neues Vaterland und dessen Regierung, ermahnten zu Treue und Gehorsam; stellte ihnen vor, welche Vorrechte ihnen durch das Manifest vom 21. Juli 1763 zugesagt worden, wie sie Kraft derselben auf den ihnen zugesagten Ländereien sich anständig ernähren, zu Ansehen und Achtung gelangen, mit einem Worte glücklich werden könnten. Dann äußerte sie die frohe Hoffnung, dass dieses ihr Werk mit der Zeit die schönsten Früchte tragen werde und schloss mit den Worten: Vertrauet auf Gott und meinen gerechten Schutz, so werdet ihr und eure Nachkommen glücklich leben; und teilte zum Andenken an alle Anwesende Kupfermünzen aus, welche als Erinnerungszeichen vererbt wurden. Unter dem Lebehoch, welches aus dankbarem Herzen erschallte, verließ die Monarchin ihre neuen Landeskinder. Ihr Scharfblick sah zum voraus, wie nützlich mit der Zeit diese Ansiedelungen, und wie glücklich sich dieselben im Kaiserreiche fühlen würden.

Unmittelbar nach diesem gnädigen Willkomm, wurde die Reise nach dem Inneren Russlands fortgesetzt.

Reise durch das Innere Russlands und Winterquartier in Petrowsk.

Die Einwanderer erhielten auf dieser Reise Bekleidung, Vorspann und Tagegelder zum Ankaufe der Lebensbedürfnisse. Von Oranienbaum ging die Reise soviel als möglich geraden Wegs über Nowgorod, Waldai, Torjok, Twer, Kortschema, Dmitrow, bis in die alte Hauptstadt Moskau, wo sie einige Rasttage machten, bis von der Vormundschaftskanzlei die weiteren Verfügungen getroffen wurden, dann setzten sie ihre Reise fort über Jegorjewsk, Rjasan, Pronsk, Pensa, bis in die an beiden Ufern der Medwediza liegende Kreisstadt Petrowsk, wo sie der Winter überraschte, noch ehe sie die Gouvernementsstadt Saratow erreichen konnten.

Nun hatten unsere Einwanderer Zeit und Gelegenheit sich mit der Sprache, den Sitten und Gebräuchen der Eingebornen bekannt zu machen, auch zu einigen Verdienst durch Dreschen um freilich geringen Tagelohn. Weil sie aber die Lebensmittel aus den Tagegeldern ankaufen konnten, so zogen manche es vor, die kurzen Wintertage auf den russischen Öfen zuzubringen.

Geschichtliche Darstellung der Kolonisten an der Wolga. Ankunft in Saratow.

Im nächsten Frühjahr nach dem Abgange des Schnees begann der Zug nach der Gouvernementsstadt Saratow, woselbst unsere Vater nach vielen Mühseligkeiten jedoch gesund und glücklich ankamen. Die daselbst für die Ausländer errichtete Tutel- (Vormundschafts-) Kanzlei ordnete dieselben unter Aufsicht der Kommission an ihre Ansiedlungs- und Wohnplätze.

Die Niederlassung der Ausländer im Gouvernement Saratow geschah in den Jahren 1764 — 1770 unter dem Wojewoden von Saratow Wasili Grigorjewitsch und dem von der Vormundschafts-Kanzlei bestellten Beisitzer, Hofrat Reis.

Es stand den Ansiedlern frei, sich ihre Wohnplätze an verschiedenen Flüssen auszuwählen. Besonders am Fluss Irgis, welcher bei seiner Mündung in die Wolga ausnehmend schöne Ländereien und Heuwiesen hat, so wie an verschiedenen anderen Flüssen der Wiesenseite, standen ihnen hinreichend geräumige Stellen offen, weil hier noch wenig, zum Teil noch gar nichts angebaut war. Aber nur für die Gegenwart bedacht, legten sie die Dörfer dicht neben einander an, so dass z. B. die 20 ersten Kolonien mit ihren Ländereien in Allem nur 40 Werst Breite haben, und später bei der Zunahme der Bevölkerung, das Land auf 10 bis 15 Werst vom Wohnort entfernt, bewirtschaftet werden musste; welcher unverbesserlicher Fehler jetzt zum größten Nachteil gereicht.

Die Ansiedler wurden in vier Abteilungen gebracht. Die erste gehörte der Regierung und hieß die immediate (unmittelbare); die zweite dem Baron Bork, woher die Kolonie Katharinstadt im russischen auch Baronskaja heißt, bildet jetzt den Bezirk von Katharinenstadt, welcher am kleinen Karaman und an der Wolga liegt; die dritte, an dem großen Karaman und großen Tarlik angesiedelt, enthalt die drei Bezirke von Krasnojar, Tonkoschurowka und Tarlik und gehörte dem Direktor La-Roy; die vierte, nämlich die auf der Bergseile am Fluss Illawlo angesiedelte Abtheilung, gehörte dem Direktor Munny. Die drei letzteren Abteilungen der Kolonien standen unter der unmittelbaren Verwaltung der Direktoren und mussten denselben von allen ihren Erzeugnissen den Zehnten abgeben. Weil diese Einrichtung aber zu einigen Missbrauchen führte, so wurde dieselbe nach kurzer Zeit durch die Kaiserin Katharina II. aufgehoben und alle Kolonien unmittelbar der Regierung untergeordnet.

Ansicht der deutschen Ansiedelungen im samaraschen und saratowschen Gouvernement.

Der Kolonialbezirk der ausländischen Ansiedlungen an der Wolga zerfällt in vier Gruppen, wovon zwei auf der rechten oder Bergseite der Wolga, im Gouvernement Saratow liegen.

Die erste Gruppe liegt 35 Werst von der Gouvernementsstadt Saratow stromaufwärts an der Wiesenseite der Wolga und enthält 41 Kolonien, welche in 4 Bezirke eingeteilt sind. Drei davon, der krasnojarsche, katharinenstadtische und paninskische erstrecken sich nordöstlich von Saratow, am linken Ufer der Wolga hin, bis ganz nahe an die Kreisstadt Wolsk. Die 2 letzteren Bezirke gehören nach der neuesten Verordnung der Regierung in den nikolajewschen Kreis. Der tonkoschurowsche Bezirk hingegen dringt, südlich vom krasnojarschen Bezirk, in die weite uralische Steppe, (und ist) längs dem großen Karamane auf beiden Seiten desselben angebaut. Die Bezirke von Krasnojar und Tonkoschurowka gehören in den nowousenschen Kreis.

Die zweite Gruppe liegt südlich von Saratow 40 Werst entlegen; und besteht aus dem tarlikschen Bezirk mit 15 Kolonien, der mit seinen Getreidefeldern nach Osten, teils an, teils über die große, 10 Werst breite sogenannte Salzstraße (vom Eltonsee nach Saratow) geht. Von diesen Dörfern hängen 14 längs der Wolga zusammen, bloß zwischen denselben und der 15. Kolonie liegen 2 russische Ortschaften.

Die Verwaltung dieser Ansiedler im Gouvernement Samara, besteht wie früher, gemeinschaftlich mit denjenigen im Gouvernement Saratow, unter dem Comptoir der ausländischen Ansiedler zu Saratow.

Die dritte und größere Gruppe liegt gegenüber dem tarlikschen Bezirke an der Bergseite der Wolga, enthält 43 Kolonien und zerfällt in die Kreise Sosnowka, Norka, Kamenka und Usikulalink. Der letztere reicht mit seinen Kolonien an das Gebiet der Kreisstadt Kamischin, hingegen der norkische Bezirk erstreckt sich westlich an den Kreis Attkarsk.

Die vierte und letzte Gruppe liegt nördlich von Saratow, besteht aus 3 Kolonien, welche wegen ihrer Entlegenheit einen besonderen, den Jagodnoepolianschen Bezirk bilden.

Die deutschen Dörfer wurden anfänglich nach dem ersten Ortsvorsteher benannt, erhielten aber in der russischen, wie in der deutschen Kanzleisprache größtenteils andere Namen.

Die 102 Mutterkolonien entstanden in den Jahren 1764 bis 1770 und sind redende Denkmale von dem Bestreben der Kaiserin Katharina II., Leben und Betriebsamkeit in die weiten Steppen an der Wolga zu bringen. Man werfe nur einen Rückblick auf den Zustand dieser Gegend noch in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Die Stadt Saratow hatte kaum einen Zehntheil ihrer jetzigen Größe; sie war ein unansehnlicher Flecken, und bloß der Wohnsitz des Wojewoden gab ihr einiges Ansehen, Kamyschin und Zarizin waren noch unbedeutender; Wolsk und Atkarsk, die schon damals bestanden, waren kleine, mit Palisaden und Erdwallen befestigte Städte, die jedoch weder Handel noch Betriebsamkeit beförderten; sondern bloß als Schutzwehren gegen die verheerenden Einfälle der herumschweifenden asiatischen Völker dienten. Gegen dieselben hatten besonders die auf der Wiesenseile angesiedelten Kolonisten vieles zu kämpfen und manche mussten ihr Leben dabei aufopfern, wie später erzählt wird.

Die Apanagen-Dorfer am Fluss Irgis (Nikolajewka), die Krondörfer am Fluss Usin (Nowusinskaja), sind Niederlassungen späterer Zeit. Vor der Ansiedelung der Deutschen war die ganze Wiesenseite, so wie sie bisher das Gouvernement Saratow begrenzte, eine unwirtliche Wüstenei, wo nur menschenscheue Tiere, die Antilope (Saigak) und das wilde Pferd sich aufhielten. Auch auf der Bergseite lag ein großer Teil nach Süden unbebauter, und durch Räubergesindel gefährdete Landstraßen.

Durch ihre Betriebsamkeit im Ackerbau begründeten die ausländischen Ansiedler den mit jedem Jahre höher steigenden Getreidehandel der Gouvernements Saratow und Samara mit den südwestlich und südöstlich liegenden Teilen Russlands; vorzüglich die an der Wolga liegenden Ortschaften kamen in Wohlstand und bei dem Eingeborenen wurde mehr Betriebsamkeit entwickelt.

Auf der linken (Wiesen-) Seite der Wolga strömen folgende Flüsse in dieselbe: der kleine und große Karaman, der Tarlik und der große Jeruslan. Aus diesen Flüssen entstehen einige Nebenflüsse, die sich größtenteils in der Steppe verlieren, z. B. das Flüsschen Gaisul, der Fluss Gaisul und Metsebetna, die kleine Melelka, der kleine Bispik, die Gränucha und der Susli. Wälder und Heuschläge sind an diesen Flüssen sehr unbedeutend und finden nur an den Mündungen derselben in die Wolga statt, woselbst eine jede Kolonie ihre Heuschläge und mitunter auch Waldungen besitzt, woher diese Seite der Wolga den Namen „Waldseite“ bekommen hat. — Wasser ist auf dieser Seite wenig vorhanden; weshalb auch nur wenige Wassermühlen an den Flüssen gebaut sind und durch Damme etwas Wasser aufgehalten wird. In den entfernteren Stellen müssen Brunnen gegraben werden, die zuweilen in 6 — 18 Faden Tiefe kaum Wasser geben. Der Boden ist sehr verschieden. Große Landstrecken sind salpeter- oder salzhaltig und können nur zu Viehweide benutzt werden.

Die rechte oder Bergseite der Wolga ist von der Natur reichlich mit Waldung und Wasser versehen, die Ilawla und andere Flüsse entströmen der Hochebene von Waldai und führen in vielen Nebenarmen der Wolga reines Quellwasser zu, womit viele Wassermühlen gespeist werden. Zwar mangelt es den Bewohnern der Bergseite an flachem Ackerlande, aber die Fruchtbarkeit des Bodens und die reizend schöne Lage gewährt ihnen große Vorzüge vor den Bewohnern der Steppe.

Zustand der ersten Ansiedlungen an der Wolga.

Die Einwanderer, welche später den tonkoschurowschen Bezirk bildeten, kamen um die Pfingstzeit an ihren Ansiedlungsorten an, als noch ansehnliche Waldungen den Lauf der Flüsse bezeichneten und der jungfräuliche Urboden mit den üppigsten und prachtvollsten Wiesen prangte, wodurch sie sich in ein irdisches Paradies versetzt fühlten und gerne die Mühseligkeit der weiten Reise hierher vergaßen, um sich hier eine neue Heimat zu begründen.

Ihr erstes und dringendstes Geschäft war, sich Erdhütten zu erbauen und mit Brennholz auf den Winter zu versorgen. In Ermangelung von Zugvieh wurde dasselbe aus den nahen Waldungen herbei geschleppt.

Als die Kolonisten ankamen, war das Land, welches sie in Besitz nehmen sollten, ihnen schon zugemessen, und zwar in denjenigen äußeren Grenzen, welche später unter dem Namen Tutelgrenzen bekannt wurden; die innere Einteilung blieb den Ansiedlern selbst überlassen.

Die Gegenden waren allenthalben reich an Naturgütern, aber wüst und wild. An Wasser mangelte es nirgends, besonders stand die Bergseite darin vor. Waldungen fanden sich im Überfluss. Nicht nur die Niederungen des Wiesenlandes waren auf vielen Stellen mit öfters undurchdringlichen Wäldern besetzt; sondern auch die Ufer des kleinen Kataman, die Gegend in und um den im Bezirke von Katharinenstadt sogenannten Sandbergen und mehrere andere Stellen waren besäet mit Eichen, Pappeln, Espen, Birken, Weiden und anderen Baumarten von großer Höhe und Dicke. Besonders fand man auch den wilden Apfelbaum, wie auch verschiedene Birnbäume im Überfluss.

Dennoch gaben einige Alte als Ursache, warum die Einwohner von Cäsarsfeld (im Bezirke von Katharinenstadt) ihren Wohnort bald wieder verließen, den Mangel an Brennmaterial an, denn die Benutzung des Mistes zu diesem Zwecke lernten die Kolonisten erst später.

Die Hauptursache warum Cäsarsfeld um das Jahr 1785 aufgegeben wurde, soll übrigens die Unsicherheit gewesen sein, denn halbwilde Hirtenvölker bezogen von Zeit zu Zeit diese Gegend und waren durch ihre räuberischen Einfälle bald der Schrecken der Ansiedler.

Der allgemeine Ausdruck, womit die Alten einstimmig den Zustand ihrer Väter bei deren Niederlassung hierselbst bezeichnen, ist ,,arm“. Sie waren so arm, dass es ihnen öfters an Mitteln zur Befriedigung der notwendigsten Bedürfnisse mangelte. Nur sehr wenige der Eingewanderten brachten einiges Geld mit; bei den Meisten bestand die ganze Habe aus einigem Vorrat an Kleidungsstücken, welche aber dennoch nicht die Pelze ersetzen und gegen die Strenge des hiesigen Winters schützen konnten. Daher waren fast alle ohne Ausnahme auf Unterhalt und Unterstützung von Seiten der Regierung angewiesen. Die damalige Regierung berücksichtigte die dürftige Lage der jungen Kolonie und suchte ihren dringendsten Bedürfnissen entgegen zu kommen. Sie ließ ihnen zum Lebensunterhalte Mehl, zur Errichtung der Haus- und Betreibung der Landwirtschaft aber Wagen, Pferde, Kühe, Sensen, Beile, Bohrer, Messer, Pfannen, Saatgetreide und Geld verabfolgen. Wenn solches Mehl mehreremale ausblieb, waren die Ansiedler notgedrungen, ihre letzte Habe daran zu rücken, um Brot zu kaufen. Die Haus- und Ackergeräte waren so verteilt, dass, wer einen Bohrer bekam, keine Kuh erhielt, und umgekehrt. So mussten 3 bis 4 Wirte zusammen sparen, um mit einem deutschen Pflug ackern zu können. Die Sommerfrüchte wurden mehrere Jahre nacheinander jedesmal viel zu spät verabfolgt und kamen daher nicht zu gehöriger Zeit in die Erde. Dieses, und dass der Samen oft schlecht war, gaben die Alten als Hauptursache an, warum sie in den ersten Jahren ihres Hierseins Fehl-Ernten hatten.

Jedoch konnten die Kolonisten aus den ihnen geliehenen Geldvorschüssen sich manches anschaffen. Der erste Vorschuss (1766) bestand in 150 damaligen Rubeln für jeden Wirt. Die Preise der rohen Erzeugnisse, wie auch die dem Landmanne unentbehrlichen Fabrikate, waren zu jener Zeit hier sehr niedrig, denn das Geld stand in höherem Wert als jetzt.

So kostete das Maß Weizen, welches 60 Pfund (1 1/2 Pud) enthielt, 7 bis 24 Kopeken Assignaten, 3 Rubel Bank-Assignaten für ein Tschetwert Weizen war ein sehr hoher Preis; Roggen kostete das Maß 10 — 18 Kopeken, ein gutes Pferd 8 — 10 Rubel, eine Kuh 3 — 4 Rubel Bank-Assignaten. Für 150 Rubel ließ sich damals schon vieles kaufen. Diese Preise sind ungefähr für die ersten 15 Jahre der Niederlassung der Deutschen angegeben. Was fingen sie aber mit dem vielen Gelde an?

„Die Meisten haben es unbedachtsam durchgebracht“, sagen einige Nachrichten. Wenn der Ausdruck: „die Meisten“, vielleicht auch nur auf ,,Viele“ zu beschränken ist, so steht dennoch jedenfalls fest, dass die damalige Kolonial-Verwaltung wenigstens zum Teil durch die nicht wirtschaftliche Verwaltung der Geldvorschüsse von Seiten der Ansiedler bewogen wurde anstatt Geld, denselben lieber mehr in Natura zu leihen. Daher wurden in den nächsten Jahren die Geldvorschüsse in kleineren Summen, nämlich zu 25 bis herab zu 2 Rubel Bank-Assignaten jedem Wirt verabfolgt.

Wie dem auch sei — die Regierung hatte für die armen Ansiedler alles mögliche getan, und wären es tüchtige Wirte gewesen, so hätte sich ihre Lage bald günstig gestalten müssen. Die Alten erzählen viel davon, wie ihre Väter nicht einmal die gewöhnlichen Handgriffe in der Landwirtschaft verstanden, wie sie mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen hatten, bis sie nur in den ländlichen Hauptarbeiten eingeübt waren, wie es ihnen schwer fiel sich in ihre neue Lage zu schicken, sich an das hiesige Klima und Leben zu gewöhnen. Die ersten Ansiedler waren aus allen nur denkbaren Schichten der Gesellschaft, waren in ihrer früheren Heimat und von Jugend auf an die verschiedenartigsten Beschäftigungen gewöhnt; der bei weitem kleinere Teil der Eingewanderten bestand aus eigentlichen Ackerbauern. Diese mussten die Stelle der Lehrmeister im Landbau übernehmen. Wie konnten Leute, die in ihrem Leben kaum einen Pflug gesehen, die nicht einmal verstanden ein Pferd anzuspannen, die Landwirtschaft betreiben? So sagt man hier jetzt noch von den ersten Kolonisten, dass wenn einer derselben ausfuhr und sich ihm unterwegs das Pferd ausspannte, weil es schlecht eingespannt war, er warten musste, bis durch Zufall ein Anderer, des Anspannens kundiger desselben Weges kam, und für Geld oder gute Worte den Anspann wieder in fahrbaren Zustand versetzte. Aber nicht nur Mangel an Kenntnis, sondern auch Trägheit, Nachlässigkeit, Mangel an gutem Willen waren Ursache der langsamen Entwicklung der Landwirtschaft.

Bekannt ist es, dass die ersten Ansiedler morgens zur Arbeit mussten geweckt werden, dass sie anstatt zum Pflügen oder in die Ernte zu fahren, zuvor „blauen Montag“ hielten, welcher öfters noch den Dienstag dauerte. Es ist schwer zu entscheiden ob dieses die Kegel oder die Ausnahme von der Regel war. Wohl nicht die Besten hatten ihr Vaterland verlassen. Viele trieb die Sucht nach Abenteuern hierher, und hier angekommen schlugen sie die Hände über den Kopf zusammen, als sie, anstatt ein Land wo Milch und Honig fließt, eine öde Stätte vor sich sahen, wo einem jeden nur nach Maßgabe seines Fleißes, die irdischen Güter zu Teil werden sollten.

Also: 1) Mangel an Kapitalien, 2) geringe Kenntnisse in der Landwirtschaft, 3) Mangel an Fleiß und Betriebsamkeit waren Quellen der Missstände der Kolonisten hierselbst bei ihrer Niederlassung und in den ersten Jahren nach derselben. Unbekanntschaft mit den Verhältnissen der Örtlichkeit, des Klimas u. s. w., war jedoch ebenfalls von großem, nachteiligen Einfluss auf die erste Lage des Kolonisten.

Von 8.000 Familien mit 27.000 Seelen beiderlei Geschlechts, weiche damals an der Wolga angesiedelt worden, blieben zum Jahre 1775 nur noch 5.502 Familien mit 11.986 männlichen 11.168 weiblichen, in allen 23.184 Seelen beiderlei Geschlechts zurück. Teils waren viele Einwanderer dem Heimweh, teils dem ungewohnten Klima und der dürftigen Lebensweise unterlegen: manche ließen sich als Soldaten anwerben.

Auch mangelte es in den ersten Jahren der Ansiedelung an Bauholz für tausende von Familien, denn dasselbe musste von Wjatka herbeigeschafft werden. Es vergingen einige Jahre bis die Erdhütten mit besseren Wohnungen vertauscht werden und die Ansiedler ihr selbst gebackenes Brot essen konnten. Mit dem Betriebe des Ackerbaues und der Viehzucht kam neues Leben und Tätigkeit unter die Einwanderer.

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Katharina II (1729-1796) Genannt Katharina die Große, Kaiserin von Russland

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Armenisches Büffelgespann

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Tarantaß - Russlands Postkutsche

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Gasthaus im Kaukasus

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Anatolische Türken

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Kaukasier mit Frau

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Kaukasische Garden

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Kaukasische Kinder

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Kosaken-Überfall auf ein Dorf

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