Fritz Reuters Dichtungen - Läuschen un Rimels

Aus: Fritz Reuter und seine Dichtungen
Autor: Glagau, Otto (1834-1892) deutscher Journalist und Schriftsteller. Vertreter des modernen, politischen Antisemitismus im deutschen Kaiserreich., Erscheinungsjahr: 1866
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Mecklenburg-Schwerin, Stavenhagen, Neubrandenburg, Fritz Reuter, Dichter, Schriftsteller, Plattdeutsch, plattdeutsche Sprache, Volksdichter, Demagogen, Studentenbewegung, Burschenschaften, Festungshaft,
Zu Hochdeutsch etwa: Anekdoten und Reimereien. — „Diese Gedichte sind nicht wie vornehmer Leute Kinder, die vom Herrn Papa mit Empfehlungen aller Art, mit kleinen Ohren und aristokratischen Händchen, geschnürter Taille und zartem Teint in die Welt gesendet werden, die allenthalben rücksichtsvolle Aufnahme finden und sich dafür mit gesetzten zierlichen Worten bedanken. Nein! sie sind oder sollen sein eine Kongregation kleiner Straßenjungen, die in roher Gesundheit lustig über einander purzeln, unbekümmert um ästhetische Situationen, die fröhlichen Angesichts unter Flachshaaren hervorlachen und sich zuweilen mit der Torheit der Welt einen Scherz erlauben. Der Schauplatz ihrer Lust ist nicht das gebohnte Parquet fürstlicher Salons, nicht der farbenglühende Teppich zierlicher Boudoirs; ihre Welt ist der offene Markt, die staubige Landstraße, dort treiben sie sich umher, jagen und haschen sich, treten ernst umher stolzierenden Leuten auf die Zehen, rufen den heimwärts ziehenden Bauern ein Scherzwort zu, verspotten den Büttel, ziehen dem Herrn Amtmann ein schiefes Maul und vergessen die Mütze vor dem Herrn Pastor zu ziehen." — Mit diesen und andern Worten führt Fritz Reuter sein erstes Produkt dem Publikum vor.

Indes machen die „Läuschen un Rimels" nicht gleich diesen frischen naturwüchsigen Eindruck, sondern zunächst den, als ob sie eine Sammlung sogenannter „Kalauer" und „Meidinger" wären, lauter altbackene Witze und aufgewärmte Schnurren, die wir mindestens zehnmal an den verschiedensten Orten erzählen hören und ebenso oft wieder glücklich vergessen haben. Wer kennt zum Beispiel nicht die Geschichte von dem Schweinejungen, der da wünschte ein König zu sein, bloß damit er seine Schweine zu Pferde hüten könne? — Oder der Schusterjunge jammert, er sei blind geworden, da er auf dem Butterbrote, das die Frau Meisterin ihm gestrichen, keine Butter zu entdecken vermöge. Oder nun gar die beiden Juden, die ihre Kinder mit einander verheiraten wollen, worauf jeder von Beiden mit einem aufgeputzten „Bocher" zum Vorschein kommt.

Zwar erscheinen diese Geschichten im neuen Gewande, nämlich in Vers und Reim, und beide sind fließend und gewandt, dazu in der heimischen Mundart geschrieben; allein diese bloß formelle Umwandlung reicht nicht zu, um den großen Beifall zu erklären, welchen die „Läuschen un Rimels" nicht nur in der Heimat des Dichters, sondern auch weit darüber hinaus gefunden. Wirklich enthalten sie noch andere, weit größere Vorzüge. Fritz Reuter hat jenen schon erstarrten Witzen und Schnurren eine Seele einzuhauchen gewusst, indem er sie, wie schon früher angeführt, lokalisierte und individualisierte. Er verpflanzte sie alle aus dem unbestimmten Überall und Nirgendheim nach dem heimischen Mecklenburg-Vorpommern, wo sie nun teils auf dem platten Lande, teils in den kleinen Städten, unter Bürgern und Bauern spielen, denen sie nicht bloß in den Mund gelegt, sondern in deren Fleisch und Blut sie übergegangen sind. Mit andern Worten, jene allbekannten Geschichten waren ihm ein Mittel, um seine Heimat in all ihren Eigentümlichkeiten, seine Landsleute in ihrem ganzen Wesen und Denken, Leben und Treiben zu schildern. So schuf er die köstlichsten Genrebilder von Land und Leuten, mit ebenso viel Witz wie Behagen.

Wenn wir in diesem Bilderbuche blättern, zieht der niedersächsische Bauern- und Kleinbürgerschlag in seiner markigen Naturwüchsigkeit und seinem behäbigen Phlegma, in seiner eckigen Biederkeit und verschmitzten Einfalt, mit seinen soliden Genüssen und altmodischen Lustbarkeiten, spaßigen Einfällen und derben Schalksnarrenstreichen an unsern gefesselten Augen vorüber, und entlockt uns immer wieder heiteres Lächeln und lautes herzliches Lachen. Wir sehen die Äsel und Päsel, Oll Witt und Oll Swart, Vadder Schult und Vadder Voß, und wie die Bauern sonst heißen mögen, im Kruge sitzen und mit einander „snacken" und „drähnen“, Bier und Punsch trinken, und dazu „Solo" oder „Boston" spielen, natürlich nicht ohne die nötigen „Fisematenten" (I., 14 und II., 3), indem man dem Nachbar in die Karten zu kucken sucht, oder dem Partner mit dem Fuße oder durch ein kurzes Hüsteln einen nicht misszuverstehenden Wink hinüberwirft. Oder sie debattieren über das anhaltende Regenwetter (II., 5), und nach vielem Hin- und Herreden beschließen sie endlich: noch bis zum nächsten Sonntag abzuwarten, falls aber auch bis dahin der Regen nicht aufgehört habe, „es dann zum Teufel weiter regnen zu lassen." Oder sie reden von den schlechten Zeiten, und wie sie der Amtmann placke (I., 44), den Bauer Päsel in seinem Ärger „en Esel", ja „en groten Swinhund" nennt, und sich anheischig macht, jedem Ungläubigen das schriftlich zu geben. Oder die allgemeine Bewegung des Jahres 1848 hat auch sie ergriffen; sie politisieren, erklären sich gegen Juden und Advokaten, hinterher aber auch gegen Junker und Pfaffen (I., 55 u. 62), und einigen sich in dem drohenden Beschlusse: „Anners möt't warden!"

Ferner zeigt sie uns der Dichter im eigenen Hause neben ihren Weibern und Kindern, Knechten und Mägden, sowie im Verkehr mit Pastor und Amtmann, Edelleuten und Städtern. Allerliebst ist zum Beispiel „De Gedankensün'n" (I., 54), wo der Bauer neben Frau und Sohn im Bette liegend, diesen seinen jüngsten Traum erzählt:

      „Mi drömte, unsern Schulten sin
      Tweijöhrig Falen, dat wir min."

Als nun der Junge sein Verlangen erklärt, auf diesem bloß geträumten Fohlen spazieren zu reiten, gerät der Alte in Zorn, und bricht in die strafenden Worte aus:

      „Jung, säd de Oll, entfamte Lümmel!
      Willst Du rung'niren glik den Schimmel,
      Willst Du dat Krüz intwei em riden?" —

Nicht minder die bekannte Anekdote, wo Vater und Mutter sich vergebens bemühen, den erwachsenen Sohn zum Heiraten zu ermutigen (I, 53), und Jener Diesen schließlich auf das eigene Beispiel verweist: aber Johann schlägt den Vater siegreich aus dem Felde:

      „Ja, Vader, dat was ok en anner Ding,
      Hei ded jo ok uns' Moder frigen." —

Ebenso der wissbegierige Knecht (I., 10), der in seinen Herrn dringt, ihm doch zu sagen, was das von Jenem eben gebrauchte Wort „Perdüh" bedeute? —

      „Perdüh, dat heit so vel as: is verluren"

antwortet endlich der Bauer. Worauf sich Johann hinter den Ohren kratzt und spricht:

      „Dat heww 'k mi dacht! Herr, süh mal, süh!
      Denn is uns' Kuffert ok perdüh."

Er hat nämlich so eben die Entdeckung machen müssen, dass der hinten auf den Wagen geschnallte Koffer verloren gegangen ist. — Ähnliche Streiche halb einfältiger halb verschmitzter Dienstboten werden noch öfter behandelt (I., 11, 17, 31 und II., 54).

Zwischen Bauern und Pastor spielt manch lustiges Stücklein. Da bringen sie ihm als Geschenk einen Weihnachtskuchen (I., 1), den der habgierige Priester sofort in das Zehntenbuch einträgt:

      „Mein lieber Schulz, nichts, gar nichts; ich trag'
      Das Datum mir ein Bischen ein,
      An welchem Sie den Kuchen mir gegeben.
      Es würde sonst vergessen sein,
      Und ist nur um die Observanz. "

Das macht den Schulzen stutzig, und er spricht vorsichtig:

      „Min leiw Herr Paster, oh, denn schriwen S' man
      Dor achter*) Ehren Satz noch dit:
      Die Bauern brachten ihn mir woll,
      Doch nahmen sie ihn wieder mit. —
      Dat is man üm de Obserwanz!"

[i]*) hinter.[/i|

Worauf er den verblüfften Geistlichen stehen lässt, und den Kuchen wirklich wieder zurücknimmt.

Ein anderer Pastor bewirtet einen Bauern, der ihm Holz angefahren (II., 21), und setzt ihm unter Anderem einen schönen fetten Käse vor, worauf der Gast den ganzen Appetit eines Mecklenburgers walten lässt. Der Pastor will ihm Einhalt tun und fragt mit Nachdruck, ob er auch wisse, dass es ein Limburger Käse sei? — „Ja", antwortet der Bauer, „dor et ik em ok vör!" (ich ess' ihn auch dafür!) und er fährt ruhig in seinem Geschäft fort. Schon sind zwei Drittel des Käses verschwunden, da bemerkt der Pastor in seiner Herzensangst:

      „—— Denk Er mal, der Käse da
      Hat sechzehn Schilling mich gekostet."

„Ich glaub's“, entgegnet der Bauer; „indessen schmeckt er auch darnach;" und er verspeist das letzte Drittel; worauf der Pastor nicht länger an sich halten kann und voll Unmut ausbricht:

      „Mein Gott, mein lieber Brand, wie kann
      Er mir den ganzen Käs' auffressen?!" —

„Ne“, sagt der unerschütterliche Gast, „nur keine Umstand' mehr, Herr Pastor; ich hab grad genug daran!"

Indessen sind die Lacher nicht immer auf Seite der Bauern. Da haben wir einen Pastor aus der alten Schule (II., 11), der die räudigen Schafe vor der versammelten Gemeinde tüchtig abkanzelt, unter Andern etliche Bauern, die ihre Pferde auf seine Wiese getrieben. Nach der Predigt treten die Missetäter an ihn heran und suchen sich zu entschuldigen: Es seien nicht Pferde, sondern nur Gänse gewesen, die durch den schadhaften Zaun gekrochen. — Der Pastor hört sie schweigend an; als er aber am nächsten Sonntag auf der Kanzel steht, fängt er an:

      „—— Das Lügen ist ein Laster.
      Wir strafen es mit Recht an Kindern
      Und geben ihnen derb die Rute.
      Was tun wir aber alten Sündern,
      Die, überlegt, mit kaltem Blute
      Uns in das Angesicht belügen?
      Die könn'n die Rute nicht mehr kriegen,
      Und Strafe muss doch sein! — In solchen Fällen
      Muss man den Lügner an den Pranger stellen."

Und nun wendet er sich direkt an die Schuldigen, die in banger Erwartung zu seinen Füßen sitzen: „Ihr da, Schulz und Schwarz und Ramelow, Ihr habt mich frech belogen! Nicht Eure Gänse, Eure Pferde sind in meiner Wiese gewesen. Seht her! Dies fand ich dort, und frag Euch, ist das Gänsedreck?" — Worauf er in den Talar greift und den Sündern — ein paar Pferdeäpfel an die langen Ohren wirft. — Allerdings etwas derbe, aber auch von der beabsichtigten Wirkung.
Reuter, Fritz (1810-1874) einer der bedeutendsten mecklenburger Dichter und Schriftsteller

Reuter, Fritz (1810-1874) einer der bedeutendsten mecklenburger Dichter und Schriftsteller

Reuter, Fritz (1810-1874) einer der bedeutendsten mecklenburger Dichter und Schriftsteller (2)

Reuter, Fritz (1810-1874) einer der bedeutendsten mecklenburger Dichter und Schriftsteller (2)

Reuter, Fritz - Selbstporträt, ausgeführt während seiner Haft in der Hausvoigtei in Berlin

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Reuter, Fritz mit seinem Joli

Reuter, Fritz mit seinem Joli