Freie Volksbühne: „Kein Hüsung“. - Theaterkritik

Aus: Das Magazin für Literatur. 60. Jahrgang, Nr. 23. Berlin
Autor: Mauthner, Fritz (1849-1923) Philosoph, Schriftsteller, Publizist, Herausgeber, Erscheinungsjahr: 1891
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Fritz Reuter, Volksdichter, Plattdeutsch, Volksmund, Plattdeutsche Sprache, Theaterstück
Schon mehr als einmal musste darauf hingewiesen werden, welche Lehren uns die Errichtung und die Blüte des sozialdemokratischen Theaters, der „Freien Volksbühne", zu geben vermag. Der Geschäftsmann könnte da erfahren, wie eine ehrliche Organisation Kunstgenuss um den fünften bis um den zehnten Teil des üblichen Preises zu schaffen vermag, der Theaterdichter sollte es nicht verschmähen, zu studieren, wie ein unblasiertes Publikum die Dinge auf sich wirken lässt; und auch Volksvertreter, ja sogar aktive Staatsmänner dürften es nicht bereuen, die Vorstellungen der „Freien Volksbühne" miterlebt zu haben. Der elementare Erfolg, welchen Fritz Reuters „Kein Hüsung" auch in grober Theaterform fand, hätte ihnen mitunter Stoff zum Nachdenken gegeben.

Wäre der Theaterkritiker einem Zunftzwang unterworfen, dürfte er sich einzig und allein nur mit ästhetischen Fragen beschäftigen, so hätte ich eigentlich zu dieser Berichterstattung gar kein Recht. Der Kriminalist, der Nationalökonom, der Historiker müssten heran, um alledem gerecht zu werden, was über die Aufnahme durch das Arbeiterpublikum zu sagen wäre. Aber vielleicht lässt sich der Eindruck auch wiedergeben, ohne gleich alle Fakultäten zu bemühen. Ich will nun vorausschicken, dass die Aufführung des plattdeutschen Volksschauspiels, wenn man vom Dialekt absieht, eine durchaus gelungene war. Die Klagen über die jämmerlichen Schauspielkräfte haben also für diesmal zu verstummen. Was aber unverändert geblieben war, das war die beneidenswerte Fähigkeit des Publikums, alle Kunst und alle Theaterkonvention zu vergessen und die Vorgänge auf der Bühne eben so zu betrachten, fast wie Kinder ihr erstes Theaterstück. Wohlgemerkt, diese Berliner Arbeiter sind nicht naiv wie die Bauern der Theateranekdote, welche den Bösewicht zum Schlusse der Vorstellung durchgeprügelt haben; die Berliner Arbeiter sind zu oft im Theater gewesen, um es nicht bei Gelegenheit als einen ganz lustigen Sonntagsspaß betrachten zu können. Aber sie sind doch kindlich genug, um dann, wenn die Handlung ihrer Weltanschauung entgegenkommt und wenn aus den Worten direkt oder indirekt ein Dichter zu ihnen spricht, zu vergessen, dass alles nur Schein ist, um dann in glücklicher Begeisterung an den Vorgängen der Bühnenhandlung teilzunehmen, wie an dem Lärm einer Volksversammlung, wie an den Aufregungen eines öffentlichen Ereignisses. Ich habe schon bei Gelegenheit des Fuldaschen Schauspiels auf solches Losbrechen persönlicher Teilnahme aufmerksam machen können. In „Kein Hüsung" steigerte sich dieses Mitspielen des Publikums bis zu ergreifender Macht. Schon im 2. Akte gab es eine solche Szene, und wer darüber zu lachen vermag, dem wünsche ich eine derbe Lektion. Der Knecht Johann steht während des Gewitters auf dem Gutshof des Barons, weil der böse Baron alle seine Leute, d. h. das ganze Dorf, für eine mögliche Feuersgefahr bei der Hand haben will. Da schlägt der Blitz in der Mühle ein. Roter Feuerschein aus der rechten Kulisse. Doch niemand darf sich rühren, niemand darf löschen helfen. Plötzlich hört man Jammerrufe der Müllerin. Ein kleines Kind in der Giebelstube. Der teuflische Baron will auch zu dessen Rettung niemand von der Stelle lassen. Da drängt Johann sich durch. Schreien, Leitertragen, große Pause. Endlich erscheint der Knecht mit dem Kinde auf dem Arme. Die brutale Szene würde, so gut inszeniert, überall Wirkung ausüben. Auf der Arbeiterbühne aber wurde der Retter mit einem Beifallssturm begrüßt, der nicht mehr dem Schauspieler und nicht dem Dichter gelten konnte, sondern einzig und allein der rettenden Tat.

Aber der größere Schlag folgte erst im dritten Akt. Man kennt die Handlung des Reuter’schen Gedichts. Johann hat ein Mädchen verführt und will sie heiraten. Der höllische Baron im Bunde mit seiner nichtswürdigen Frau und einem scheinheiligen Pfarrer versagen dem Liebespaar aus reiner Bosheit „Hüsung". d. h. wohl Niederlassungsrecht, Heiratsbewilligung und was drum und dran hängt. Dazu wird dem Knecht und seiner Liebsten, die dem Baron nicht zu willen war, jeder erdenkliche Schimpf angetan. Unerträglich ist, was Johann erduldet. Es zittert durch das Publikum die Erwartung dessen, was kommen wird. Man erwartet eine erlösende Tat oder doch ein erlösendes Wort. Man lauert auf ein Schimpfwort, auf einen Faustschlag des Knechts gegen den Herrn. Die Zuhörer sind durchaus keine bösen Menschen, Männer und Frauen schluchzen vor Mitgefühl. Da kommt der entscheidende Augenblick. Der Baron schlägt dem misshandelten Knecht auch noch mit der Peitsche ins Gesicht. Der Knecht wirft den Herrn zu Boden. Lautes Beifallklatschen bricht los und will nicht mehr enden. Man hört kein Wort mehr von der Bühne. Unter wildem Applaus greift Johann zur Mistgabel und stößt sie dem Herrn in die Brust.

Und da wollen wir eine Weile Aristoteles und Lessing bei Seite lassen, denn nicht als poetische Gerechtigkeit, als Sühne nach der Schuld wird die Tat von diesen Zuschauern empfunden; nein, als eine weltliche Urteilsvollstreckung. Und ich glaube wirklich, Abgeordnete und sogar Staatsmänner hätten hingehen und sich Notizen machen sollen.

Nach dem Bericht über solchen Erfolg braucht wohl nicht erst gesagt zu werden, dass das Stück von den Herren Herrmann Jahnke und William Schirmer mit gutem Theaterverstand zurecht gezimmert ist. Literarisch ist die Arbeit ziemlich wertlos. Die dramatischen Effekte, die lyrischen Stimmungen und das anklägerische Pathos von Fritz Reuter ist ohne viel Psychologie in einem Theaterbrei zusammengeworfen worden. So konnte es an der kurzen Mitteilung über den äußerlichen Verlauf genug sein, wenn nicht über subtile Autorenrechte ein tragikomischer Streit entstanden wäre. Darüber ist noch ein Wort zu sagen.

Die „Freie Volksbühne" hat aus praktischen Gründen die Form eines Vereins angenommen. Diese Form gibt ihr ein Recht, unbekümmert um Autor und Polizei aufzuführen, was sie will. Nun haben die Herren Verfasser das Reutersche Gedicht in 3 Akte verteilt und fast ganz aus Eigenem einen „versöhnenden" vierten Akt hinzugefügt, in welchem eine Menge rührender Geschichten erzählt werden. „Kein Hüsung" spielt 1851. Zwanzig Jahre später kämpfen im großen Kriege der Sohn des erschlagenen Barons und der illegitime Sohn Johanns Seite an Seite. Beide erhalten das eiserne Kreuz. Und der Kaiser und der Großherzog von Mecklenburg besuchen die Verwundeten und begnadigen den Vater des Einen, der gewissermaßen der Schwiegermörder seines Kameraden ist. Das alles wird in schlechtestem Zeitungsdeutsch erzählt. Dann erscheint Johann unter den neuen Menschen, und alles hat Ursache vor Freude und Sentimentalität zu weinen. Die ganze Erfindung ist so wohlfeil wie patriotische Redensarten sind. Und wenn Otto Erich Hartleben in einer öffentlichen Erklärung für die „Freie Volksbühne" versichert hat, der vierte Akt sei aus ästhetischen Gründen wegzulassen, so ist er vollkommen in seinem Rechte. Er hätte da im Angriff auf die Verfasser noch weiter gehen können.

Da ist den Umdichtern vor allem ein Versehen passiert, das ein ehemaliger Jurist nicht ungerügt lassen kann. Schon bei Fritz Reuter ist immer von Mord die Rede, und der Poet konnte natürlich keinen anderen Ausdruck brauchen. Adolph Wilbrandt hat bereits in einem andern Zusammenhang ebenso richtig wie prosaisch darauf aufmerksam gemacht, dass es sich nicht um einen Mord, sondern um einen Todschlag handele.

Die Tat des Knechts aber, der furchtbar gereizt und ganz sinnlos mit der Mistgabel nach dem Herrn stößt und ihn dabei unglücklicherweise tötet, verjährt früher als in zwanzig Jahren, und der letzte Akt der Herren Jahnke und Schirmer verliert damit seine tatsächliche Grundlage. Doch abgesehen davon, müsste doch auch bei der Frage, ob Fritz Reuters furchtbare Dichtung ein so vergnügtes Ende vertrage, der Dichter selbst gehört werden. Und der Dichter sagt nein, vernehmlich für jeden, der ihn kennt.

Kein Hüsung ist im Jahre 1857 entstanden. Fritz Reuter hat dann, als Glück und Ruhm ihn umgaben, seine Bitterkeit vergessen, er hat dankbar wie nur einer die Schöpfung des neuen Reichs begrüßt und hat verziehen, dass sein Leben um deswillen vernichtet wurde, weil er von deutscher Einheit zu früh sang und träumte. Der ehemalige Märtyrer der Berliner Stadtvoigtei und der Kasematten preußischer Festungen hat schon nach 1860 mit dem Grafen Bismarck begeisterte Briefe gewechselt, er hat nach 1870 seine Freude rührend ausgesprochen. Aber auch noch um diese Zeit, als man ihn der Parteischablone nach getrost für einen Nationalliberalen erklären konnte, hat er unter allen seinen Werken „Kein Hüsung" für sein bestes erklärt. Er habe dieses Buch einmal mit seinem Herzblut im Interesse der leidenden Menschheit geschrieben. Ich kann den abgeklärten Humor seiner „Stromtid" und die unerhörte Großmut seiner „Festungstid" höher stellen, aber daran kann kein Zweifel sein, dass Fritz Reuter selbst „Kein Hüsung" ernst nahm und es nicht verwässern wollte. Hat er sich doch schließlich von seiner Heimat losgelöst und ist freiwillig nach Thüringen gegangen. Und die Stimmung von „Kein Hüsung" ist nicht vereinzelt. Ich gehöre zu den wenigen, welche die erste hochdeutsche Niederschrift von „Ut mine Stromtid" kennen gelernt haben. Für den Dichterruhm Reuters ist es gut, dass Deutschland nur die plattdeutsche Bearbeitung kennen gelernt hat. Denn der erste Entwurf strotzt noch von allerlei billigen alten Spätzen und kennt noch nicht, was kaum glaublich scheint, die Hauptgestalt, den Inspektor Bräsig. Aber dieser erste Entwurf ist von einem kaum geringeren Hass gegen den mecklenburgischen Adel beseelt als „Kein Hüsung". Die Wirkung wäre nicht dieselbe, weil nicht Pathos, sondern Satire angewendet worden ist und Satire nicht eben die starke Seite des humoristischen Reuter war. Was aber in der Seele des armen Menschen vorging, das erfährt man aus dem ersten Entwurf vielleicht besser als aus der weisen Bearbeitung.

Der „befriedigende" Schluss der Herren Jahnke und Schirmer ist also falsch motiviert, ist gegen den Geist der Dichtung und ist überdies herzlich schlecht. So ist denn im Namen der Ästhetik den Streichern des vierten Aktes nur Dank zu sagen.

Aber die Sache hat noch eine andere Seite, und die kann ich beim besten Willen leider nicht ernst nehmen Es scheint mir nämlich, dass die Verfasser doch ein moralisches Recht darauf haben, ihre Arbeit so gut oder so schlecht aufgeführt zu sehen, wie ihnen gegeben war sie zu machen. Selbst König Salomo hat ja die richtige Mutter daran erkannt, dass sie schrie, als man ihr Kind halbieren oder vierteilen wollte. Wie soll da Herr Jahnke nicht schreien? Wenn die Leiter der Freien Volksbühne den Stoff gut fanden, die Bearbeitung aber schlecht, so hätte der Regisseur Herr Cord Hachmann binnen wenigen Tagen die Handlung anders zusammenzimmern können. Und es hätte sich sogar aus „Kein Hüsung" noch mehr Kapital — vom Standpunkt der Kapitalfeinde — herausschlagen lassen, da in unserer Dramatisierung etwas von Fritz Reuters Milde und Sentimentalität übrig geblieben ist. Die Freie Volksbühne also hätte nicht nötig gehabt, mit ihren eigenen Autoren in Streit zu geraten.

Doch feierlich ist die Geschichte wie gesagt nicht zu nehmen. Herr William Schirmer, einer der Bearbeiter, spielte die Hauptrolle und machte gar keinen Versuch nach Schluss des dritten Aktes noch einmal hervorzutreten. Und Herr Herrmann Jahnke — ja, für eine ganz echte Mutter schrie er mir nicht laut genug. An Stelle des Königs Salomo wäre ich auch in diesem Falle in großer Verlegenheit gewesen. Ich bin fest überzeugt. Fritz Reuter hätte über den Zusatz des vierteil Aktes ein lauteres Geschrei erhoben als Herr Jahnke über die Tilgung. Die Herren Verfasser sagen in ihrem Vorwort: „Ein befriedigender Abschluss, den der Dichter zu seiner Zeit nicht finden konnte, ist erst durch die großen vaterländischen Ereignisse während der letzten Jahrzehnte ermöglicht worden." Diese harmlose Auffassung dichterischer Absichten ist doch wohl nicht als berechtigt zuzugeben. Angenommen, in Mecklenburg sei nun wirklich alles nach Reuters Wunsche geordnet, so kann das doch keinem seiner Landsleute die Befugnis geben, das alte Buch zu verbessern, etwa so, wie man ein altes Gesetz durch eine Novelle verbessert. Man stelle sich einmal vor, es hätte jemand nach der Verkündigung der allgemeinen Gleichheit vor dem Gesetze für „Kabale und Liebe" einen befriedigenden Abschluss gesucht und gefunden, Ich will darauf verzichten, den sechsten Akt hier wiederzugeben; aber dass alle nach Amerika verkauften Württemberger heil zurückkämen und bei der Hochzeit von Ferdinand und Louise tanzten, das wäre doch in unserem glücklicheren Jahrhundert ein unabweisbares Bedürfnis. Und wenn demnächst zwischen dem deutschen Reich und der Schweiz ein Handelsvertrag geschlossen werden sollte, so müsste noch am Tell mancherlei geändert werden. Die Ermordung Geßlers könnte dann nur verstimmend wirken. Mein Gott, ein leichter Streifschuss wäre ja für den Landvogt schon genügend; er würde sich gewiss bessern.

Wessen die Naturkraft Fritz Reuters aber fähig war, das hat „Kein Hüsung" auch als Drama bewiesen. Für unsere Literatur ist es freilich gut, dass Reuter dieses sentimentale Pathos nicht die Herrschaft über sich gewinnen ließ, und dass er in seinem Humor, dessen Größe ich nicht überschätzen will, den Weg zur Kunst wiederfand. Am Schluss von „Festungstid" hat Reuter es ausgesprochen. „Auf den Festungen hatten sie mich geknechtet; aber sie hatten mir ein Kleid gegeben, das feuerfarbige Kleid des grimmigen Hasses; nun hatten sie mir das ausgezogen, und ich stand da — frei! — Aber auch splitterfaden nackt, und so sollte ich nun hinein in die Welt."

Kein Hüsung ist das einzige Denkmal dieses Hasses; in diesem Sinne ist es echt und hätte nicht verunstaltet werden sollen.
Mautner, Fritz (1849-1923) Philosoph, Schriftsteller, Publizist, Herausgeber

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Reuter, Fritz (1810-1874) einer der bedeutendsten mecklenburger Dichter und Schriftsteller

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Festung Silberberg, Zelle von Fritz Reuter

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Schelper, Theodor als Bräsig

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