Eine Riesenfußspur auf dem Steindamm zwischen Röbel und der Melzer Mühle.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 1
Autor: Gesammelt und herausgegeben von M. Dr. A. Niederhöffer, Erscheinungsjahr: 1858
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Röbel
Unter „der Steindamm" versteht man in Röbel und Umgegend allgemein eine Strecke der von dieser Stadt nach dem Flecken Mirow führenden Landstraße. Da, wo dieselbe nämlich, zwischen Röbel und der Melzer Mühle, eine kurze Moorfläche durchschneidet, ist der Weg wegen des weichen Unterbodens mit einem Steinpflaster versehen, weil er hier sonst nicht in der nassen Jahreszeit von Vieh und Wagen zu passieren sein würde. Ist also einmal in Röbel „vom Steindamme" die Rede, so weiß jeder Einheimische gleich Bescheid, was damit gemeint ist.

Unter den ehemaligen großen Mittelsteinen dieses Dammes befindet sich einer, auf welchem die Spur eines riesigen, nackten Fußes ausgeprägt ist. Einer alten Sage nach rührt diese Fußspur auch wirklich von einem Riesen her.

Als es nämlich in alten Zeiten noch Niesen gab, soll ein solcher eines schönen Tages auf seinen Reisen auch hierher gekommen sein. Wie wir es gewiss Alle oftmals in unserer Jugend gehört haben, nehmen die Riesen mit ihren langen Beinen immer einen bedeutenden Schritt, ja mitunter soll ein Schritt von ihnen schon an sieben Meilen betragen haben, wenn sie, wie uns ein altes, bekanntes Märchen erzählt, ihre Siebenmeilenstiefeln anhatten. So große Schritte mag nun aber dieser Riese grade wohl nicht genommen haben, soviel soll aber gewiss sein, dass seine Schritte auch nicht ganz klein waren. Als er nun diese Gegend quer durchwanderte und vor dieser zwar nur der Länge nach schmalen, aber desto breiteren Moorfläche angelangt war, machte er einen Augenblick Halt und sah sich nach einem festen Punkte in derselben um; denn sie mit einem Male in ihrer ganzen Breite zu überschreiten, war ihm doch etwas zu weit und zu gewagt, er hätte ja leicht stecken bleiben und versinken können. Da gewahrte er denn den Steindamm. Er setzte also an, berührte mit dem einen Beine die Mitte des Dammes und schwang sich glücklich hinüber, in zwei Schritten über die ganze Breite der moorigen Gegend.

Aber die Erschütterung und das Gewicht seines Körpers war so groß gewesen, dass sich sein nackter Fuß tief in den betretenen Stein eingedrückt hatte. Und so ist denn nun diese schon vielfach bewunderte und angestaunte Riesenfußspur entstanden.

Noch heute kann man den Stein mit der Fußspur auf dem Steindamme zwischen Röbel und der Melzer Mühle sehen. Zwar liegt er nicht mehr auf seiner alten Stelle, in der Mitte des Dammes, sondern jetzt, seitdem derselbe vor etwa zehn Jahren umgelegt worden ist, etwas zur Seite des Weges. Wohl Jedermann, der in Röbel den „Steindamm" kennt, hat auch den dort befindlichen Stein mit der Riesenfußspur gesehen, und weiß auch die Sage, wovon dieser merkwürdige Eindruck entstanden sein soll.
Mecklenburgs Volkssagen - Band 1

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