Ebersbach, der ewige Jüngling.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 4
Autor: Von Friedr. Latendorf aus Neu-Strelitz, Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Alt-Strelitz,
Die nachfolgende Geschichte erzählte um den Anfang der zwanziger Jahre „Mutter Nettelbeck" in Alt-Strelitz ihren Nachbarskindern. Eine der damaligen Hörerinnen, meine Cousine, hat mir wiederum die Begebenheit, wie es scheint, mit ziemlich treuem Gedächtnis mitgeteilt.

In einem mecklenburgischen Orte*) starb ein junger Mann, den man in Verdacht hatte, dass er seiner Braut die Treue gebrochen, mit Namen Ebersbach. Und wunderbarer Weise hielt sich der Leichnam frisch und rot und schien eher einem Lebenden, als einem Toten ähnlich, so dass die ganze Stadt von der wunderbaren Begebenheit erfüllt war.

*) Den Namen wusste die alte Frau nicht bestimmt anzugeben.

Indessen Alles schweigt sich einmal tot, und als Ebersbach einmal erst begraben war, war nachher nicht mehr lange von ihm die Rede.

Nach vielen, vielen Jahren aber sollten die Gräber des Kirchhofs geöffnet und derselbe zu andern Zwecken verwendet werden; die Särge waren meist zerfallen, die Leichen zerstiebt und vermodert. Nur Ebersbach blühte auch jetzt noch in jugendlicher Frische. Da wurde denn für die Leiche ein neuer Sarg gemacht, und er mit demselben nach der Kapelle gebracht, wo er noch Jahre lang durch seine wunderbare Erhaltung die allgemeine Aufmerksamkeit von Einheimischen und Fremden erregte.

So kamen auch eines Abends Gäste zu einem Gastwirte, die die wunderbare, vielbesprochene Leiche gerne gesehn hätten; sie scheuten sich aber bei nächtlicher Weile die Kapelle zu betreten, und doch führte ihr Weg sie gleich am nächsten Morgen weiter. Gleichwohl glaubte der Wirt, dem Wunsche seiner Gäste entsprechen zu können; er hatte nämlich eine frische kecke Magd in seinem Dienst, der es selbst nicht zu viel gewesen wäre, mit dem Teufel anzubinden, und diese erklärte sich in der Tat bereit, für ein gutes Trinkgeld den Gästen die Leiche selbst herbeizuschaffen.

Gesagt, getan. Sie eilt schnell zur Kapelle, schwingt sich Ebersbach auf den Nacken, und bringt ihn ohne weitere Zögerung vor die erstaunten Fremden, die über ihren Mut fast nicht weniger in Verwunderung geraten, wie über die so seltsame Leiche. Nachdem sie genug geschaut, erklärt die Magd ihnen, gleich den Leichnam wieder zurückbringen zu wollen, schwingt ihn sich auf den Nacken, und macht getrosten Mutes denselben Weg zum zweiten Mal.

Mitten aber auf dem Kirchhof hört sie, wie die Füße des Toten auf dem Boden nachschurren, und gleich darauf vernimmt sie auch aus seinem Munde die Aufforderung, ihn höher zu nehmen, damit seine Füße nicht den Boden berührten. Ruhig gehorcht sie dem Gebote und gelangt denn ohne Störung in die Kapelle.

Als sie nun den Leichnam in den Sarg gelegt hat, spricht der Tote zu ihr: sie habe ihn nun aufgestört, sie müsse ihn jetzt auch erlösen. Gerne ist die Magd dazu bereit und hört nun von ihm weiter: sie solle gleich in die Kirche gehn, dort werde sie einen Brautzug, und die von ihm verlassene Braut auf der Kanzel finden. Diese solle sie für ihn um Vergebung bitten.

Sie geht hin, findet Alles, wie es Ebersbach gesagt, den Festzug, die predigende Braut; ihre Vergebung aber kann sie ihm nicht zurückbringen.

Er heißt sie zum zweiten Male gehen; aber eben so erfolglos. Zum dritten Male soll sie denn in seinem, in ihrem und in Jesu Christi Namen nochmals die Vergebung der Braut erbitten. Und nun gewährt sie die Verratene und Verlassene.

Als aber die Magd mit der tröstlichen Botschaft zurückkehrt, findet sie den Leichnam schon in Staub und Asche zerfallen; und tief erschüttert und in ihrer jugendlichen Keckheit gebrochen tritt sie den Rückweg zu dem Hause ihres Dienstherrn an.

Hier aber will sie Niemand kennen, und erst nach langer Erkundigung stellt sich heraus, dass vor vielen Jahren bei einem früheren Besitzer die Magd in nächtlicher Stunde zum Kirchhof gegangen, aber nicht zurückgekehrt sei.

Da erkennt die Zurückgekehrte, dass ihres Bleibens auf der Erde nicht mehr lange sei; sie bereitet sich fromm zum Tode, und, gleichsam schon berührt vom Hauch der Grüfte, verschied sie nach dreien Tagen.

.

.

.