Duell der Toten in der Kirche zu Alt-Gaarz bei Neubukow.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 2
Autor: Von Adolf Pechel zu Brahlstorf, Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Halbinsel Wustrow, Alt-Gaarz, Ostsee, Mechelsdorf
Auf der Halbinsel Wustrow, die sich im Norden Mecklenburgs tief in die Ostsee hineinzieht, lebte vor etwa 150 Jahren ein reicher Gutsbesitzer; Herr von der K. . . . war sein Name. Er war auch zugleich Patron der Kirche zu Alt-Gaarz, welcher Ort hart am Eingange der Halbinsel Wustrow liegt. Dieser Herr von der K. hatte das Recht, mit seiner Equipage auf den Kirchhof fahren zu dürfen. — Noch jetzt bezeichnen uns 4 eiserne Ringe an seiner Kapelle den Ort, wo man die Rosse während des Gottesdienstes festband.

Um dieses Recht war er schon vielfach beneidet worden, besonders verdross es den stolzen Herrn von P , damaligen Erbherrn auf Mechelsdorf. Schon lange hatte er sich mit dem Gedanken getragen, es dem Erbherrn auf Wustrow entgelten zu lassen, ein solches Vorrecht zu besitzen, und bald bot sich ihm eine günstige Veranlassung dar.

Er fuhr nämlich einmal zur Kirche, und Herr von der K. war nicht da. Ohne sich zu besinnen befahl er seinem Kutscher, auf den Kirchhof zu lenken und auch an der Kirche, bei der Kapelle des Erbherrn auf Wustrow anzuhalten. Es geschah; doch glücklicherweise kam Letzterer nicht zur Kirche, sonst würde sich schon hier auf dem Friedhofe zwischen den beiden Gegnern, die sich tödlich hassten, ein Duell auf Leben und Tod entsponnen haben.

Aber schon Mittags erfuhr Herr von der K., wie frevelntlich der Erbherr auf Mechelsdorf in seine Rechte gegriffen. Zornglühend bestieg er sein Reitpferd und sprengte in stürmender Hast nach Mechelsdorf, um ihn im Duelle für die höhnende Verletzung seines Rechtes zu züchtigen. Nur ein einziger treuer Diener begleitete ihn zu Pferde und überbrachte Herrn von P. die Herausforderung auf Leben und Tod.

Dieser saß eben an der Mittagstafel, als der Diener des Erbherrn von Wustrow keck in den Saal trat und ihm den Fehdehandschuh seines Herrn vor die Füße warf.

Herr von P. ergrimmte über eine so kühne Herausforderung, langte schnell zwei Pistolen aus seinem Waffenschranke und sprach, ohne den Handschuh aufzuheben, zu dem Dinner: „Deinem Herrn soll sein Recht werden!" Er eilte hinaus auf den Hof, wo hoch zu Ross mit blitzendem Säbel der Erbherr von Wustrow hielt.

Herrn von der K's Auge funkelte in wildem Grimme und mit zornbebender Stimme donnerte er seinem Gegner entgegen: ,,Zu den Waffen! Rache dem Beleidiger!"

Doch Herr von P., ohne ihn einer Antwort zu würdigen, erhob sein Pistole und drückte sie ab auf das Herz des Erbherrn von Wustrow.

Nur zu gut traf der Schuss. Ohne einen Schrei auszustoßen sank Herr von der K. entseelt vom Pferde. Das treue Ross aber, als fühle es den Verlust seines Herrn, jagte davon in fliegender Hast, heim nach dem Schloss seines so schmählich ermordeten Herrn, um dort die Trauerbotschaft den ängstlich Harrenden zu verkünden. Der treue Diener sprengte in wildem Galopp hinter drein; denn auch auf ihn hatte Herr von P. losgedrückt, um ihn für die kühne Forderung zum Zweikampfe zu strafen.

Wovon das mit Schweiß und Blut bedeckte Pferd schon eine Ahnung auf Wustrow eingeflößt, davon brachte der Diener Gewissheit.

Aber auch noch jetzt war die Rache des stolzen Herrn von Mechelsdorf nicht befriedigt, noch im Tode wollte er seinen so bitter gehassten Feind beschimpfen. Er ließ den Leichnam nach Alt-Gaarz schleifen und dort auf die Dünen am Eingange der Halbinsel Wustrow werfen, wo die kühlen Wellen der Ostsee den Leichnam netzten und das Blut von seinen Wunden spülten.

Hier fanden ihn die Gutsinsassen von Wustrow. Er wurde nach seinem Schloss gebracht und wenige Tage hernach unter lauter Klage in seiner Familiengruft beigesetzt.

Aber die göttliche Vergeltung ruhte nicht ob solcher fluchwürdigen Tat. Wenige Tage später ereilte auch den Mörder ihr rächender Arm, und auch den Herrn von P. begrub man in der Kirche zu Alt-Gaarz, nicht weit vom Altare.

Nun aber war der sanfte Frieden, so sonst auf diesem stillen Gotteshause ruhte, geschwunden, und die heilige Stille im Innern der Kirche wurde durch einen tobenden Lärm, untermischt mit Waffenruf und Schwerterklang, gestört. Am hellen Mittage sowohl, als im stillen Dunkel der Nacht vernahm man von dieser Stätte des Friedens ein nie endendes Waffengeklirre, als ob zwei erbitterte Feinde im wütenden Handgemenge mit einander seien.

Dies war natürlich Allen auffallend, und einige beherzte Männer wagten sich am hellen Tage hinein, in die hehren Räume des Gotteshauses, um die Ursache des Lärms zu ergründen. Da war zwar Alles still, und nur Ruhe und Frieden schien in der Kirche zu wohnen; aber waren sie wieder hinausgegangen, dann vernahm man wieder dasselbe Getöse, denselben Waffenschall, dasselbe durchdringende Angstgeschrei und das Röcheln eines von der scharfen Klinge zum Tode Verwundeten. Darnach schien dann Alles still zu werden.

Aber auf's Neue entbrannte der Kampf, stärker und gellender wurde das Angstgekreisch des Sterbenden, Heller und durchdringender ertönte der Triumphruf des Siegers. Entsetzt flohen Alle davon, Niemand wagte sich in die sonst so friedlichen Räume des Gotteshauses hinein, Jeder befürchtete, es könne ihn der scharfe Stahl der unsichtbaren Kämpfer treffen.

Verödet stand die Stätte des Friedens; sie, sonst der Sammelplatz einer großen Volksmenge, stand nun vereinsamt da, jetzt nur noch ein Kampfplatz von unseligen, feindlichen Geistern, die selbst im Tode keine Ruhe hatten.

Als zuletzt weder Prediger noch Küster über die Schwelle des Gotteshauses zu treten wagten, sah man sich genötigt, die Leichen der beiden erbitterten Feinde zu trennen und damit den Kampf zu beendigen.

Die Leiche des Herrn von P. wurde aus der Gruft genommen, nach Wismar gebracht und dort begraben.

Seitdem herrschte wieder Ruhe im Gotteshause zu Alt-Gaarz.

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