Dieb erkennen - in Rostock des 16. Jahrhunderts

Aus: Deutsche Sagen: Herausgegeben von Heinrich Pröhle
Autor: Pröhle, Heinrich (1822-1895) deutscher Lehrer und Schriftsteller, Erscheinungsjahr: 1869
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Rostock, Gystorf, Sagen und Märchen
Inhaltsverzeichnis
Im sechszehnten Jahrhundert erkannte man Diebe am ausgestochenen Auge. Zuerst wurden, wenn man den Dieb erkennen wollte, Psalmen gelesen mit der Litanei, darauf erfolgte, wie ein gleichzeitiger Bericht sagt, ein erschrecklich Gebet an Gott den Vater und an Christum, und eine Beschwörung des Diebes. Darauf wurde mitten im Fußstapfen des Diebes ein kleiner Zirkel gleich einem Auge mit barbarischem, undeutlichem Namen zugerichtet und ward ein dreieckter Namen von Erz hineingestellt, der eigens auf vorgeschriebene Weise dazu geweiht und gesegnet war. Dann schlug man mit einem Zypressen-Hämmerlein darauf und sprach: „Du bist gerecht, Herr, und recht sind Deine Gerichte." Danach ward der Dieb offenbar.

Einst hatte Einer zu Rostock Geld nachlässig an einen Ort gelegt und diesen vergessen. Nachher suchte er es am unrechten Orte, und da er es dort nicht fand, sprach er einen Schmiede an und begehrte von ihm, er solle dem Diebe ein Auge ausstechen. Da machte sich der Schmied ans Werk und der Herr selbst verlor dadurch ein Auge.

Zu Gystorf hatte Einer einen silbernen Löffel verloren, ging zum Schmiede und begehrte, dass er mit seiner Zauberkunst dem Diebe ein Auge ausstechen sollte. Da verlor das Söhnchen des grausamen Mannes, der den Löffel verloren, ein Auge, denn es hatte ihn fortgeworfen.
Einige Schmiede verschmiedeten spät Abends etliche Glieder von einer Kette, daran ein Dieb gehangen. Mittlerweile begann Einer etliche Male an die Thür zu klopfen, bis sie aufsprang. Da trat der Gehängte herein und drohte den Schmieden den Hals umzudrehen, wenn sie redeten. Darauf ergriff er den Hammer, that damit drei Schläge auf den Ambos und verschwand, wie er gekommen war.

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