Die weiße Dame im ehemaligen Herrenhaus zu Alt-Rehse bei Penzlin

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 3
Autor: Von A. C. F. Krohn zu Penzlin, Erscheinungsjahr: 1860
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Alt-Rehse, Penzlin, Mordopfer, Nachtwächter
„Alle Stunden des Tages sind nicht gleich”, pflegte oft die bejahrte Witwe des ehemaligen Nachtwächters B. zu Alt-Rehse zu dem Dienstherrn ihres Sohnes, Meister L. in Penzlin, zu sagen, wenn sie ihren Sohn besuchte und dann mit dem freundlichen Meister oder dessen eben so freundlichen Ehefrau auf dies und das zu sprechen kam. Entgegnete man ihr darauf, dass es in der Mitternachtsstunde eben so geheuer sei, als am hellen, lichten Mittage, so erzählte sie zur Bekräftigung ihrer Aussage folgende Geschichte, welche sich zu Alt-Rehse zugetragen haben soll, und der Sohn bestätigte wiederholt das, was ihm von dieser Begebenheit noch aus seiner Jugendzeit her lebhaft in der Erinnerung geblieben war.

„Als mein verstorbener Mann, Gott hab' ihn selig”, so erzählte die treuherzige Alte, „noch lebte und Nachtwächter zu Alt-Rehse war, da war es in dem Herrenhause daselbst nicht richtig. So war es schon seit Menschengedenken gewesen. Es kam nämlich jede Nacht in der Mitternachtsstunde, zwischen Zwölf und Eins aus dem Keller eine weiße Dame, vom Kopf bis zu den Füßen ganz weiß gekleidet; in der einen Hand hielt sie einen Leuchter, in der andern aber ein Bund Schlüssel. So ging sie still durch das ganze Haus, sagte keinem Menschen etwas, und hatte sie die Runde gemacht, so verschwand sie wieder im Keller. Die Türen, auch die verschlossenen, taten sich ohne das geringste Geräusch von selbst vor ihr auf und schlossen sich auch eben so wieder.

In der ersten Zeit, als mein Mann zu dem Posten als Nachtwächter kam, da graute ihm vor jeder Nacht, wo er wachen sollte, und nahte die gefürchtete Stunde, so überlief es ihn eiskalt. Nach und nach wurde er es aber doch gewohnt und die Erscheinung verlor für ihn alles Schreckliche und Unheimliche, weil er von ihr auch im Geringsten nicht belästigt wurde. Höchstens stand sie wohl einen Augenblick still, als ob sie über irgend etwas nachsänne, dann ging sie aber still weiter.

Einmal erschrak mein Mann indes doch heftig über diese Geschichte. Er war ein wenig eingenickt und wachte gerade in dem Augenblicke auf, als die Gestalt neben ihm stand. Da fuhren ihm denn im Schrecken die Worte heraus: „Wo karrt Di dei Deuwel all werre her!"*) Das bekam ihm aber gar übel. Von Stund an wurde sein Kopf so dick als ein Fass, und er konnte in vier Wochen nicht wieder wachen.

i*) „Wo karrt Dich der Teufel schon wieder her!"[/i]

Als es mein Mann dem Inspektor sagte, woher er den dicken Kopf bekommen, wollte dieser es gar nicht glauben. Er war nämlich erst kurze Zeit in Alt-Rehse. Um sich aber von der Sache zu überzeugen, blieb er die folgende Nacht mit all den Knechten in der Leutestube auf. Als die Glocke Zwölf geschlagen hatte, kam sie richtig wieder an, ging still mitten durch alle die Leute hindurch und verschwand zuletzt wieder im Keller.

Nun glaubte es der Herr Inspektor auch, und als er es hier und dort erzählte, da gab man ihm den Rat: er solle der Gestalt nachspüren, vielleicht wäre Jemand im Keller verscharrt und könne dort keine Ruhe finden. Das tat er denn auch. Als in der nächsten Nacht die weiße Dame in den Keller zurückkehrte, gingen mehrere Beherzte ihr nach und merkten sich die Stelle, wo sie spurlos verschwand."

Am andern Morgen ließ der Herr Inspektor im Keller nachgraben, und da fand man denn ein ganzes menschliches Gerippe. Es soll nämlich vor Jahren eine Wirtschafterin zu Alt-Rehse die Kellertreppe hinuntergestürzt und so ermordet worden sein. Um die Sache nicht laut werden zu lassen, hat man sie im Keller verscharrt und dann das Gerücht ausgesprengt, sie sei heimlich davon gegangen. Das arme, unschuldige Blut war's also, das hier keine Ruhe finden konnte. Das Gebein wurde nach dem Kirchhofe gebracht und dort eingegraben, und seitdem hat sich nichts wieder sehen lassen. Dort ist auch die Seele wohl endlich zur Ruhe gekommen."

So erzählten die alte Frau und ihr Sohn übereinstimmend, und auch der Letztere erinnerte sich noch ganz genau, wie sein Vater am Morgen mit dem dicken Kopfe hineingekommen war und weidlich auf den Spuk geschimpft hatte.

Die alte Frau ruht nun auch schon längst auf dem Alt-Rehser-Kirchhofe. Ihre Kinder sind nach Amerika ausgewandert, und es ist möglich, dass diese Geschichte in Alt-Rehse selbst ganz in Vergessenheit geraten ist. Ich habe sie aus dem Munde des Eingangs erwähnten Meisters L. und seiner Frau.

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