Die verwünschte Prinzessin im Ruhnerberg

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 1
Autor: Gesammelt und herausgegeben von M. Dr. A. Niederhöffer, Erscheinungsjahr: 1858
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage,
            Die Sage ist das Kind zu nennen,
            Geschichte ist die edle Maid;
            Willst gründlich Du die Maid ernennen.
            So lerne ihre Kindeszeit.

            Das Vaterland sei Deine Liebe,
            Und Deine Lust sei Mecklenburg;
            Ihm weihe alle Deine Triebe,
            Das forsche aus, studir' es durch.

Schon oft hatte der Schäfer Jakobs zu Ruhn, einem Dorfe in der Nähe des Ruhnerberges, seine Herde auf das Feld getrieben und in die Berge, welche au seine große Schafweide stießen und zum Teil weit in dieselbe hinein sich erstreckten und mit zu derselben gehörten; schon oft war er mit seiner Herde über die Grenze seiner Feldmark gezogen und hatte Weide gesucht zwischen den Bergen, die freilich keinem Menschen gehörten, — darum ihm aber auch nicht, — aber nie war ihm so eigentümlich zu Sinne gewesen, wie gerade an diesem Morgen, der nicht einmal nebelig, geschweige denn dunkel oder sonst wie unheimlich schien. Er hütete freilich am Fuße des Ruhnerbergs, der nicht mehr im Bereiche des Ruhner Feldes lag, allein wer sollte ihm solches wehren, da Niemand Eigentümer dieser Grundfläche war? und sollte es Jemandem einfallen, ihn darunter weisen zu wollen, so würde Jakobs sich nicht zum Weichen verstanden haben, denn er war jung, kaum 24 Jahre alt, und konnte es hinsichtlich der Stärke mit Jedermann aufnehmen, und hinsichtlich des Rechts, hatte er so viel Recht, als jeder Andere hier zu hüten. Trotzdem zitterte er an allen Gliedern, als wenn die grimmigste Kälte sich seiner bemächtigt hatte, und es war doch am Johannistage, und die Sonne stand hell und klar am Himmel und sandte ihre brennendheißen Strahlen in die Berge, die die Hitze in den Tälern noch vergrößern halfen.

Die Sonne war schon hoch emporgestiegen, und es schien nicht mehr fern von Mittag zu sein, als Jakobs ermüdet am Berge einschlief und erst erwachte, da der Mittag bereits vorüber war. Anfangs glaubte er, dass sich seine Schafe verlaufen haben würden, und wollte ihnen, schnell aufspringend, nacheilen, aber wie staunte er, als seine Herde ruhig um ihn herum weidete und von einer wunderschönen Jungfrau gehütet wurde. Auch die ganze Gegend um ihn her schien sich verändert zu haben; er lag nicht in einer Wildnis, sondern in einem großen, blumenreichen Garten mit herrlichen Rasenplätzen dazwischen, auf welchen eben seine Schafe weideten. Die sonst spärlich hier stehenden Eichen, Buchen oder Tannen waren jetzt von Früchten prangende Obstbäume, die schon sehr einladend schienen, obwohl sie noch nicht zur Reife gelangt waren. Schnüre und Leinen waren von einem Baume zum andern gezogen, und auf denselben waren die blendend weißen Leinwandtücher, — Tisch- und Betttücher — und Hemden neben den schönsten Kleidern mannigfaltiger Farbe, Verzierung und Mode zum Aussonnen ausgebreitet. Der Ruhnerberg selbst war ein ungeheures Schloss, zwar sehr plump nur gebaut, aber so reich verziert mit Blumen und Ranken der schönsten Schlingpflanzen, dass es nach des erstaunten Schäfers Meinung mit prächtigen Schlössern der Jetztzeit wohl wetteifern konnte.

Noch immer stand der Schäfer und stierte diese plötzliche Veränderung an, da nahte sich ihm die so freundlich aussehende Dame und bot ihm einen „Guten Tag"! Der Schäfer, schon zitternd, ehe er diese feenhafte Schönheit gesehen, war jetzt gar schüchtern geworden, und kaum wagte er es, den liebreichen Gruß der engelgleichen Dame zu erwidern, als diese tröstlich zu ihm sprach: „Fürchte Dich nicht, willkommener Freund in dem Bereiche meiner Macht; Dich wundert freilich die Schönheit der sonst so kahlen Gegend, aber Du kannst es nicht leugnen, dass sie Deinen Augen gefällt, und dass Du dieselbe immer so behalten mögest. Und wenn Du willst, Du kannst sie behalten. Alle diese Schönheit, diese Reiche und ihre Herrlichkeit soll Dein sein, wenn Du meinen einzigen Wunsch, meine einzige Bitte, erfüllen willst. Nichts brauchst Du zu opfern, nichts brauchst zu wagen, keine Sünde ist es, welche Du begehen sollst, Du sollst nur meine Lippen küssen und wir Beide sind glücklich, denn ich bin erlöset und Du bist reich. Oh weiche nicht zurück, schöner Jüngling, und zittere nicht so sehr, halte mich nicht für etwas Überirdisches, denn ich bin ja Deinesgleichen; ich bin ein Mensch wie Du, nur unglücklich, weil mich ein Zauber so lange in diese Berge gebannt hat, bis der Mund eines straflosen Jünglings mich mit einem Kusse erlöset. Deine Mienen, sie zeigen eine Abneigung gegen mich, lasse die bösen Vorurteile fahren, edler Jüngling, und erhöre das Flehen einer Königstochter, die der Fluch eines grausamen Mannes darum in diesen Bergen gefangen hält, weil ihm der Vater die Hand der Tochter versagte, um welche er bat!"

Alle diese Worte hörte der Schäfer an, ohne ein Wort zu sprechen, auf seinen Lippen aber schwebten stets die Worte: „Hebe Dich weg von mir, Du gleißnerische Schlange!"

Aufs Neue begann die unglückliche Prinzessin: „Schon oft bin ich an einem Johannistage zwischen 12 und 1 Uhr auf der Erdoberfläche gewesen, denn alle 100 Jahre muss mich der Zauber zu dieser Stunde verlassen, aber nie habe ich das Glück gehabt, Den zu finden, welchen das Zauberwort forderte. Heute sah ich Dich hier liegen und schlafen, und freute mich, da ich mich schon befreiet wähnte von den Fesseln des Zaubers; ich wagte es nicht, Dich zu wecken und wartete darum geduldig der Zeit, welcher Du Dich dem Arme des Schlafes entwinden würdest, — aber wehe mir! es scheint, als wenn ich nicht den Erlöser in Dir finden soll. Ich beschwöre Dich bei Allem, was Dir und mir heilig ist, kann Dich das Elend und die Leiden eines unschuldigen Mädchens nicht zum Mitleid bewegen, so lasse Dich blenden von den Reichtümern, die Deiner warten, wenn Du meine Bitte erfüllst! Siehe alle diese Herrlichkeit, sie soll ja Dein sein, siehe dort auf dem Schlosse die goldene Wiege, sie soll Dein werden, siehe an, was in der Wiege glänzet, es ist Edelstein, es soll Dein sein, nur küsse meine Lippen; ein Kuss von Dir, und ich bin erlöset und Alles ist Dein!"

„Nein!" sprach der Schäfer endlich nach langem Schweigen, „lieber lass mich arm bleiben, als durch des Teufels Blendwerk mir Reichtümer vorspiegeln lassen, die nach vollbrachter Sünde doch nimmer mein werden!"

Noch einmal erhob die Jungfrau ihre Stimme und aus dem ganzen Gesichte blickte eine Miene, so flehentlich, dass schon sie gewiss Manchen zu Allem bewegen konnte, den Schäfer aber zu nichts. Aber kaum hatte sie die ersten Worte gesprochen, als die Stunde schlug, mit welcher der Zauber sie wieder in seine Gewalt nahm. Weinend sprach sie noch: „So muss ich noch einmal 100 Jahre warten, und wer weiß, ob ich dann Den finde, der es wagt, mich zu erlösen"! — Darauf verschwand sie und mit ihr alle Pracht umher, und der Schäfer stand wieder, wie vorhin, bei seiner Herde.

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Mecklenburgs Volkssagen - Band 1

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Schäfer mit seiner Herde auf dem Heimweg

Schäfer mit seiner Herde auf dem Heimweg