Die verwünschte Prinzessin im Buchenberge bei Doberan

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 2
Autor: Von Fr. Schulz, Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Doberan, Buchenberg, Ostsee, Bad Doberan, Seebad
Hat der Leser sich schon einmal den schönen Flecken Doberan und seine Umgebung besehen, so wird er gewiss den sogenannten Buchenberg, der an der östlichen Seite des Ortes liegt, nicht unbeachtet gelassen haben. Viele Besucher ersteigen auch wohl auf den an der westlichen, steilen Seite hinauf führenden Stufen den Berg und tun von da einen Blick auf die Gegend. Auch spaziert es sich dort unter den schlanken schattigen Buchen recht angenehm.

Alle Besucher haben hier den prächtigen Buchenhain, die umherliegenden schönen Gärten, die ehrwürdige Kirche, den hübschen Ort selbst gesehen; aber nur Wenige haben erst die fremde weiße Dame getroffen, die dort auch zuweilen ihren Spaziergang macht. Wer diese sicher zu treffen wünscht, und wohl gar noch den Mut hat, sie zu erlösen, das heißt wenn er dazu geboren ist — denn sie ist eine verwünschte Prinzessin — der kann aus der hier folgenden Geschichte Tag und Stunde erfahren, wann es eben Zeit ist.

Im Sommer 1818 hütete ein Knecht des Holländers und Schäfereipächters Hinrichsen auf dem Kammerhofe bei Doberan die Schafe seines Herrn an der östlichen Seite des Buchenberges. Es war am Tage vor Johannis in der Mittagsstunde und die Sonne schien sehr warm. Die Schafe standen im Schatten der Bäume und der Knecht erging sich im Kühlen hier hin und dorthin. Rings umher war es recht stille und einsam, denn die vornehme Welt ließ sich jetzt zu dieser Tageszeit noch nicht recht blicken, und die Arbeiter hielten ihre Mittagsruhe.

Und doch sah unser Schäfer heute eine Dame auf sich zuschreiten. Er pflegte sich wohl zurückzuziehen, wenn sonst vornehme Herrschaften in seine Nähe kamen, doch diese Dame näher zu sehen, hatte er Lust; auch schien es ihm gar nicht einmal vornehm, um diese Zeit spazieren zu gehen.

Als die Dame soweit an ihn herangekommen war, dass er sie genauer betrachten konnte, da stutzte er doch. Er hatte nach seiner Meinung noch keine so vornehme Dame, als diese war, gesehen; und dabei war sie so sehr hübsch und schön von Angesicht.

„Ja”, dachte er bei sich, „mögen die Dämchen hier sich auch noch so hübsch finden, diese sollten sie einmal in Augenschein nehmen, dann wüssten sie, was hübsch ist."

Das Gewand der schönen Dame hatte viel Auffallendes und war schneeweiß. Statt dass sie an den Schäfer still vorüber gehen sollte, ohne, wie er es sonst von den vornehmen Damen gewohnt war, auch nur zu grüßen, trat diese freundlich zu ihm heran. Er zog seine Mütze ehrerbietig, in der Meinung, sie werde ihn nach etwas fragen wollen, und horchte schon recht andächtig zu; denn er wusste schon aus Erfahrung, dass er die Sprache der fremden Herrschaften oft schwer verstehen konnte. Diesmal hatte er eben keine Ursache, über die Unverständlichkeit der Rede zu klagen; aber was er hörte, und um was die Dame bat, klang gar wundersam. Sie sprach also:

„Lieber junger Mann, Du kannst mir ein rettender Engel werden. Ich bin eine verwünschte Prinzessin, die schon viele hundert Jahre in diesem Berge hat schmachten müssen. Alle hundert Jahre, am Johannistage zwischen 12 und 1 Uhr ist meine Erlösung möglich. Morgen ist wieder die Zeit da, wo mich ein unbescholtener Jüngling, wie Du bist, retten kann. Tust Du es, so mache ich Dich glücklich und sehr reich. Es ist auch keine Gefahr für Dich damit verbunden, sondern Du brauchst mich nur zu küssen, und der Zauber ist gebannt. Ich werde freilich nicht in meiner jetzigen Gestalt erscheinen, sondern als Kröte; sobald Du aber Dein Werk vollbracht hast, siehst Du mich wie jetzt vor Dir. Als Kennzeichen werde ich dieses rote Bändchen — sie hielt es in der Hand — um den Hals tragen. Sprich ja”, bat sie dringend, „und wir sind beide glücklich!" —

Der Schäfer war tief gerührt und sein frommes Herz wollte nichts anderes als ein „Ja" herauslassen. „So geschehe es denn in Gottes Namen!" sprach er fest und ergeben.

Die Dame dankte ihm freundlich und wandte sich von ihm.

Am anderen Mittage stellte der Schäfer sich richtig ein. Noch war er in seinem Entschlusse nicht im Mindesten wankend geworden. Wenn er sich auch eines kleinen Schauders nicht erwehren konnte, so hatte er doch mit dem guten Gedanken, zwei Menschen glücklich zu machen, alles Andere wieder niederzuschlagen gewusst.

Jetzt stand er am bestimmten Platze und lauschte ängstlich. Da kam die Kröte mit dem roten Bändchen am Halse. Sie hüpfte auf ihn zu und richtete sich empor, um ihn gleichsam aufzufordern.

Schon bückte sich unser Schäfer, um den Erlösungskuss zu vollführen. Auf einmal ergriff ihn aber eine namenlose Angst. Er sprang zurück und eilte mit Sturmesschritten den Berg hinunter. Doch ihn verfolgte nichts weiter, als das Jammern der armen Prinzessin.

Ihre wehklagenden Töne folterten ihn von da an fortwährend, und bald war er eine Leiche.
Blick auf den Buchenberg zu Doberan.

Blick auf den Buchenberg zu Doberan.

Schäfermeister

Schäfermeister