Die verfluchte Uhr auf dem Kirchturm zu Friedland.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 1
Autor: Gesammelt und herausgegeben von M. Dr. A. Niederhöffer, Erscheinungsjahr: 1858
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage,
In alten Zeiten hatte einmal der damalige Besitzer von Lübbersdorf bei der begüterten Stadtkämmerei zu Friedland eine kleine Anleihe gemacht und zur Sicherheit derselben einen großen Teil seiner Äcker am sogenannten Immenhofe verpfänden müssen.

Wenngleich auch der Ritter von Lübbersdorf sonst recht gut zu Wege war, ja eigentlich wohlhabend genannt werden konnte und sich daher auch noch nie in Geldverlegenheit befunden hatte — denn er war ein tüchtiger, einfacher und tätiger Landwirt, — so sah er sich doch einmal wegen plötzlicher Kündigung und gleich darauf folgender Auszahlung von einigen, schon seit alten Zeiten in seinem Gute stehenden fremden Geldern genötigt, eine Anleihe zu machen. Er hatte sich dieserhalb, wie wir schon gehört, nach dem nahen, nur eine halbe Meile von ihm entfernten Friedland gewendet und von der dortigen Stadtkämmerei das gewünschte Geld erhalten, jedoch nur unter der Bedingung, dasselbe an einem bestimmten Tage, vor Ablauf der zwölften Stunde auf dem Rathause wieder zurück zu zahlen, wo nicht, das verpfändete Grundstück dann der Stadt für immer verfallen sein sollte.

Zeitig genug hatte sich nun unser Rittersmann an dem bestimmten Tage mit der geliehenen Summe Geldes auf den Weg gemacht und kaum sahen ihn die Friedländer, wie er aus der Ferne auf seinem mutigen Rosse herangesprengt kam, als sie, voller Habgier und lüstern nach seinen verpfändeten schönen Äckern, schnell auf den Kirchturm eilten und den Zeiger der Uhr um eine Stunde weiter vorrückten.

Grade wollte der Ritter durch das Tor in die Stadt lenken, als es auch schon zu seinem größten Schrecken zwölf auf dem Turme schlug. Im höchsten Zorne über sein vermeintliches zu spät Kommen und den ihm dadurch erwachsenden bedeutenden Verlust, stieß er, sein Missgeschick verwünschend, einen recht harten und argen Fluch über die unschuldige Kirchturmuhr aus, der denn auch alsbald in Erfüllung ging. Denn von dieser Zeit an eilte die sonst so richtig gehende Uhr immer vor. Alle angewendeten Mittel und Versuche dieselbe wieder in Ordnung zu bringen, blieben erfolglos. Trotzdem man auch die geschicktesten Uhrmacher von nah und fern kommen ließ, so gelang es doch Keinem, dieselbe zum langsameren, geschweige denn zum Richtiggehen, ja nicht einmal zum Stillestehen zu bringen; sie lief nur noch immer mehr und ärger, bis man sich denn endlich entschloss, das alte Werk ganz zu entfernen und es durch ein neues zu ersetzen, seit welcher Zeit denn nun die Friedländer Kirchturmuhr wieder ganz richtig geht.
Mecklenburgs Volkssagen - Band 1

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