Die untergegangene Stadt in dem See von Groß-Pankow bei Lübz.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 2
Autor: Von J. J. F. Giese zu Strohkirchen, Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Pankow, Groß-Pankow
Südlich von Lübz, an der Grenze gegen die Mark-Brandenburg, liegt der Pankower See, so genannt von dem mecklenburgischen Dorfe Groß-Pankow, welches nicht sehr weit von seinem nördlichen Ufer liegt.

Wie man von fast allen Seen etwas erzählt, meistens dass in ihnen eine Stadt zu Grunde gegangen ist, so tut man es auch von diesem. An seiner Stelle soll früher eine mächtige Stadt gelegen haben. Schon einmal hatte die darin herrschende Sünde die Stadt an den Rand des Verderbens gebracht, als seine Einwohner noch zeitig genug, durch einen Propheten des Herrn gewarnt, sich bekehrten und dadurch die Stadt vom Untergange retteten. Als dieser Prophet jedoch entschlafen war, nahm die Sünde wieder überhand und da konnte das Gericht, welches schon einmal aufgeschoben war, nicht mehr aufgehalten werden. Die Stadt ging unter. Nicht durch Feuer, wie Sodom, noch durch Sand, wie Ramm, *) sondern sie sank in die Erde mit Allem, was darin war, und an ihre Stelle trat der jetzige Groß-Pankower See.

*) Siehe Seite 106 bis 112 dieses Bandes.

Dieses Alles war in einer Nacht geschehen und hatte so wenig Aufsehen in der Umgegend erregt, dass die Landleute auch an dem folgenden Morgen, es war ein erster Maimorgen, wie immer zur Stadt wollten, um ihren Überfluss abzusetzen, oder ihre Bedürfnisse einzukaufen. Ohne etwas zu ahnen, gingen sie in dem Nebel, der sich so dicht wie nie auf die Erbe gelagert hatte, auf dem oft gegangenen und darum genugsam bekannten Pfade der Stadt zu.

Aber wie staunten diese Leute, als sie glaubten in die Stadt kommen zu müssen und plötzlich vor einem Wasser standen, welches sie des Nebels halber nicht zu übersehen vermochten. Obgleich sich die Ursache von dem Kommen des Wassers nicht erraten ließ, denn die Stadt war nicht in Sümpfen oder Wiesen, auch nicht an Flüssen gelegen, so suchten doch Alle einen Grund zu finden; ja Einige ahnten schon den ganzen Vorgang, dass die Stadt ihrer Sünden wegen vielleicht untergegangen wäre. Doch untergegangen konnte sie auch nicht sein, denn man hörte ja das Geschrei der Schweine in derselben, dazwischen die lockenden Stimmen der Weiber; man hörte auch das Rasseln der Wagen, das Knallen der Peitschen in den Straßen etc., mit kurzen Worten, man hörte vor sich das Getöse einer großen Stadt. Es war aber nicht hinein zu kommen und so musste Jeder unverrichteter Sache wieder heimkehren.

Den ganzen Tag blieb der Nebel so dick, wie er am Morgen gewesen war, weshalb an diesem Tage zu keinem bestimmten Schluss über den wunderbaren Vorfall zu kommen war.

Als aber am andern Morgen die Sonne hell und klar am Himmel stand und kein Tauwölkchen sich zeigte, da eilte Alles nach dem rätselhaften Wasser, und da sah man, was man am Tage zuvor nicht hatte sehen können, dass die Stadt untergegangen und an ihrer Stelle ein bedeutendes Wasser entstanden war. Heute hörte man jedoch nicht mehr das Getöse einer großen Stadt, welches man gestern noch vernommen hatte; heute hörte man nur das Rauschen der Wellen, die sich noch sehr unruhig zeigten.

Jahre verflossen nach diesem seltsamen Ereignisse; der See blieb, als steter Bußprediger für die sündige Menschheit, und verfloss nicht wieder. Menschen starben und Menschen wurden geboren, doch das Andenken an den Untergang der Stadt verlosch nicht. Generationen folgten auf Generationen, doch die Sage blieb und erzählte warnend den kommenden Geschlechtern: „Die Sünde ist der Leute Verderben!"

Endlich war es tausendjährig, nur musste der erste Mai noch erlebt sein.

Maitag kam, und mit ihm kam plötzlich ein gewaltiges Leben in den See. Furchtbar stiegen seine Wasser empor, weißer Schaum bedeckte ringsum seine Gestade, und aus seiner Tiefe hörte man dasselbe Getöse, welches man vernimmt, wenn man am Tor einer großen Stadt steht. Doch der Maitag ging vorüber und mit seinem Vorübersein war auch der See wieder, wie er vorher gewesen war.

Wieder verging ein Jahrhundert nach dem andern und es kam das Jahr 1849, mit welchem auch das zweite Jahrtausend seit dem Untergange der Stadt zu Ende ging. Zuerst war die Sage noch von Jungen und Alten erzählt worden, doch mit der Zeit hatte sie sich nach und nach verloren und es wusste sie, bis auf wenige Alte, Niemand mehr recht ordentlich zu erzählen.

„Lass uns heute nicht zu Wasser gehen”, sagte ein Pankower Fischer am frühen Maimorgen zu dem anderen, „ich habe diese Nacht einen bösen Traum gehabt und gewöhnlich sind meine Träume eingetroffen; lass uns lieber zu Hause bleiben!"

„Es sind nur etliche Pfunde Fische bei mir bestellt”, war die Antwort des Anderen, „wenn ich die habe, will ich auch zu Hause bleiben!" denn auch ihm ahnte nichts Gutes an diesem Tage.

„Nun, so komme ich mit!" sprach der Erstere wieder, und beide Männer gingen dem Groß-Pankow’schen See zu.

Aber wie erschraken die Fischer, als sie an den See kamen, und denselben trotz einer gänzlichen Windstille gewaltig toben sahen. Sie hörten von unten herauf ein Rasseln, als wenn Wagen auf einem Steindamm fuhren; sie hörten ein Hämmern, Klopfen, Schreien von Menschen und Vieh; sie hörten Töne der Musik und dazwischen das Jauchzen von Männer- und Weiberstimmen. Andere Stimmen riefen Fische, welche schockweise am Ufer flossen, und Vögel, welche in großer Zahl auf dem Wasser umher schwammen, in die Tiefe des Sees und trieben sie wieder hinauf.

Den Fischern wurde ängstlich zu Sinne, als sie dies Alles hörten und sahen; sie dachten an die bisweilen wohl gehörte, aber nie geglaubte Sage vom Untergange der alten Stadt in diesem See und fürchteten sich um so mehr.

Doch die Fische waren versprochen und sollten abgeholt werden, es mussten also die Netze ausgeworfen werden. Es geschah, und man zog eine solche Menge Fische ans Land und zwar lauter große Hechte, dass der eine Fischer vor Freuden laut aufjauchzte und rief: „Heute blüht mein Glück, mein Lebtag' hab' ich nicht solchen Zug getan! Geh Du mit Deinen Träumen!"

Aber noch hatte man die Hechte nicht aus dem Wasser, als eine weibliche Stimme aus der Tiefe des Sees rief: „Rutscherutscherutsche!!" und alle großen Fische bis auf einen wieder aus dem Netze ins Wasser zurücksprangen. .

„Sind sie alle?" hörte man dieselbe Stimme da unten rufen.

„Nein, einer fehlt noch, es sind ihrer erst neunundneunzig", antwortete eine andere, worauf das „Rutscherutscherutsche!!" noch einmal erschallte, und auch der letzte Hecht ins Wasser zurücksprang.

„Ich sehe ihn schon kommen”, antwortete die zweite Stimme noch einmal und ging dann in Liebkosungen des zurückkommenden Tieres über.

Jetzt eilten die beiden Männer von Angst erfüllt ihrem Häuschen zu und erzählten im Dorfe, was sie an dem See gehört und gesehen hatten. Neugierige Leute eilten von allen Seiten dahin, und alle fanden, wie ihnen erzählt worden war.

Den ganzen Tag hörte man noch das Rauschen und Brausen des Wassers und das Lärmen auf dem Grunde desselben. Am folgenden Tage aber war der See wieder ruhig wie immer; kein Lärm drang mehr aus seiner Tiefe herauf und auch kein Fisch ist den Fischern nach dieser Zeit wieder auf den Ruf einer lockenden Weiberstimme aus dem Netze in den See zurückgesprungen.

Die ganz in Vergessenheit geratene Sage ist aber seit dieser Begebenheit wieder aufgefrischt und wird jetzt von meilenweit von dem See wohnenden Leuten mit eben solchem Interesse erzählt, wie von den nächsten Umwohnern desselben.

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