Die spukende Ratskutsche von Parchim

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 4
Autor: Von Rud. Samm., Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Parchim, Spuk, Fuhrmann, Kutsche
Die Mitternacht nahet, es blinket so hell
Der Mond an dem nächtlichen Himmel;
Da regt sich im Buchholz an bergiger Stell
Auf einmal ein seltsam Gewimmel.
Die Stille durchdringet ein schallender Ton,
Und dort, wo noch eben das leben entflohn,
      Beginnet ein sonderbar Treiben.

Und lauschend vernimmt man der Peitsche Geknall,
Daneben auch Wagengerassel,
Und jetzt in der Nähe mit tönendem Schall
Ganz deutlich der Pferde Geprassel.
Wer jagt dort so spät durch die Buchen entlang,
Wo sonst doch kein Wagen mit Pferden durchdrang,
      So eilig durch Dick und durch Dünne?

So fragt sich der Wand'rer mit ängstlicher Mien',
Der just noch nach Parchim will gehen,
Da sieht er als Antwort durch's waldige Grün —
Und gleichsam gebannt bleibt er stehen —
Da schauet sein Auge den spukenden Zug,
Es eilen vorüber in sausendem Flug,
      Die Pferde, der Fuhrmann, die Kutsche.

Er stehet ganz deutlich da vorn auf dem Bock
Beim Mondschein den Fahrenden sitzen.
Er kennet den blauen, den blitzenden Rock
So gut wie den Hut mit drei Spitzen.
Er kennet des Fuhrmanns betresste Livree,
Er kennet auch ihn mit dem Antlitz wie Schnee,
      Es ist der verstorb'ne Ratskutscher.

Die alte Kalesche, sonst schwerer wie Blei,
Rollt heut, wie vom Winde getragen,
Jetzt eben dem Ende des Waldes vorbei
In rasendem, brausendem Jagen.
Jetzt bieget sie ein in die breite Allee
Und eilet im Hui noch schneller, wie je
      Die schnellste der Lokomotiven.

Im Augenblick ist sie schon nahe dem Tor*) —
Potz Tausend, das nenn ich ein Fahren! —
Es stellt sich erschrocken der Zöllner davor,
Erkennend des Spukes Gebahren.
Er will ihm nur öffnen das eiserne Schloss,
Da haben die Pferde die schwere Kaross
      Hinweg über's Tor schon getragen.

So geht's durch die Straßen wie Sturmesgebraus
Zum Markt mit dem polternden Wagen;
Dort hört nun auf einmal der nächtliche Graus
Ganz auf mit dem rasenden Jagen;
Denn plötzlich tönt hoch von dem Turme herab
Ein dröhnendes Eins — ein gähnendes Grab
      Verschlingt die gespenstische Kutsche.

*) Das alte, jetzt abgebrochene Kreuztor in Parchim, dasselbe, an dem sich die bildliche Darstellung des vom Blitze erschlagenen eidbrüchigen Handwerksburschen befand — siehe Seite 29 bis 43 ersten Bandes, wo ich das Kreuztor versehentlich Wocker Tor genannt —.
Der Herausg.

.

.

.