Die spukende Baronesse Göden in dem Herrenhaus zu Damekow bei Wismar

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 2
Autor: Gesammelt und herausgegeben von M. Dr. A. Niederhöffer, Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Aberglauben, Dreveskirchen, Wismar, Damekow
In einem Gewölbe der Kirche zu Dreveskirchen bei Wismar befinden sich drei aus Marmor gehauene Frauengestalten, die Schwestern, Baroninnen Göden, vorstellend, welche in früheren Zeiten auf dem Gute Damekow gewohnt haben.

Während die eine dieser Marmorfiguren, welche eine Waageschale in der Hand hält, sich durch ihre strengen, ernsten Mienen auszeichnet, haben die beiden andern, die eine eine Taube, die andere wahrscheinlich eine Schlange haltend, desto sanftere Gesichtszüge. Und so wie es hier nun in Stein abgebildet, so ist es auch der Sage nach ehemals wirklich im Leben mit den drei Geschwistern gewesen; zwei derselben waren gute, sanfte Geschöpfe, die dritte aber war eine äußerst strenge, harte und stolze Person. Sie allem führte zu ihren Lebzeiten das Regiment auf dem Hofe zu Damekow; die beiden Schwestern waren zu schwach und gutmütig, um sich ihren Anordnungen zu widersetzen, sie leisteten denselben hingegen stets Folge und ließen ihr in allen Sachen ihren Willen.

Mit größter Strenge verfuhr diese Alles beherrschende Baronesse namentlich gegen die Dienerschaft und die sonstigen Gutsuntergebenen; sie war nicht allein stolz und hart, sondern ungerecht und grausam gegen Alle. Was aber das Empörendste war, sie gönnte den armen Dorfleuten nicht einmal das liebe Brot; den auf dem Hofe Dienenden aber wog sie die Lebensmittel so knapp und genau zu, dass sie stets hungern mussten.— Auf dies Letztere soll auch die beregte Waagschale in ihrer Hand hindeuten. —

An einem Sonntag Morgen, als die Gestrenge wie gewöhnlich die Runde durch das Haus macht, um die Arbeiten der Dienenden in Augenschein zu nehmen, findet sie ein Mädchen, die ihren Flachs nicht ordentlich gesponnen hat. Um diese für ihre Nachlässigkeit zu bestrafen, nimmt sie eine schwere Kette und schließt die Ungehorsame damit an dem heißen Ofen fest. Darauf verriegelt sie die Tür und fährt dann ruhig nach Dreveskirchen, wohin Damekow eingepfarrt ist, zur Kirche.

Erst am Nachmittage kehrt die schändliche Baronin wieder heim. Als sie bald darnach in das Zimmer tritt, um nach dem angeschlossenen Mädchen zu sehen, findet sie dasselbe tot und ihr Gesicht dabei so entstellt und verzerrt, als zeige sie die Zähne. Da tritt die Abscheuliche hinzu, nimmt ihr Schlüsselbund und schlägt damit der Toten in das Antlitz mit dem Ausrufe:

„Hex', nu wies noch dei Thän'n!"*)

*) „Hexe, nun zeige noch die Zähne!"

Bald darauf starb die Baronin; ihr Geist aber fand keine Ruhe im Grabe, sondern wandelte, zum Schrecken und Entsetzen der Lebenden, unablässig umher.

Auch jetzt noch soll die böse Baronesse Göden mitunter um die Mitternachtsstunde durch die Gänge und Zimmer des Damekower Herrenhauses schleichen und dabei mit ihrem großen, am Gürtel hängenden Schlüsselbunde klappern.

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