Die rote Kuh bei Warlin, zwischen Neubrandenburg und Friedend.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 1
Autor: Von F. C. W. Jacoby zu Neu-Brandenburg, Erscheinungsjahr: 1858
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage,
Wie es im ganzen Land geschah,
Wenn just der erste Mai war da,
So ließ man auch im Dorf Warlin
Die Kuhherd’ dann zu Felde ziehn.

Und jedesmal gesellte sich
Von einem Hügel eilendlich
Zur Herde eine rote Kuh
Und sprach der Weide wacker zu.

Mit jedem Abend schwand sie fort
Zum Hügel, ihrem Wohnungsort;
Und jeden Morgen früh erschien
Sie bei der Herde von Warlin.

Das ging den ganzen Sommer durch,
Und wer da kam von Brandenburg
Zu reisen hin nach Friedeland,
Dem ward die rote Kuh bekannt.

Im Herbst, wenn's Futter schon gebrach,
Stellt sich am letzten Weidetag
Die Kuh mit gold'nem Halsband ein,
Das sollt des Hirten Löhnung sein.

Hat er genommen es ihr ab,
Alsbald sie sich zum Hügel gab,
Und für den Winter unsichtbar
Die rote Kuh für Jeden war.

Einstmals zog dieses Weges hin
Ein Wanderer mit frohem Sinn;
Da bei dem Hügel sterbenskrank
Die rote Kuh lag, breit und lang.

Dem nahen Hirten rief er zu:
„Geht doch zur kranken, roten Kuh,
Versehet besser Eure Pflicht,
Sonst rettet Ihr vom Tod sie nicht!“

Als schnellen Schritts der Hirt sofort
Sich hinbegab an jenen Ort,
War von der Kuh auch keine Spur,
Und wähnt er sich genarret nur.

Doch nimmer wieder sie erschien,
Um mit der Herd zu Feld zu ziehn.
Und als den Hügel man trug ab,
Entdeckte man ein Hünengrab.
Mecklenburgs Volkssagen - Band 1

Mecklenburgs Volkssagen - Band 1