Die rote Ilse von Parchim.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 4
Autor: Von Rud. Samm, Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Parchim, Hexe, Hexenprozesse, Aberglauben, Hexenverbrennung, Feuertod, Hexenverfolgung, Kirche, Mittelalter, Slate, schwarze Kunst, Hexerei, Schäfer
Vor Zeiten wohnte ein altes garstiges Weib von Hexe in Parchim auf dem Brook*), allgemein nur unter dem Namen „de röhr Ils" oder „de Wäderhex"**) bekannt. Ihren wahren Namen wußte Niemand, und rote Ilse nannte man sie darum, weil sie stets mit einem auffallend roten Tuch bekleidet gesehen wurde. Sie war eines guten Tages in Parchim eingewandert, hatte sich ein Häuschen gekauft und lebte dort nun schon seit länger als zwanzig Jahren, überall im Geheimen Unheil anstiftend.

„Warum machte man ihr denn nicht kurzen Prozess, da zu der Zeit doch Hexenverbrennungen Lieblingsbeschäftigungen der Gerichte waren?" fragt gewiss der Leser. Dem erwidern wir aber, dass sich Jedermann scheute, ihr Treiben beim Gericht anzuzeigen, weil ihre Rache den Wagehals gewiss früher oder später getroffen hätte; im Übrigen setzen wir, wie irgend ein Geist aus irgend einer Sage hinzu: ,,De Hex was woll doa äwerst de Stunn noch nich"***).

*) Der Name einer Straße
**) Wetterhexe.
***) „Die Hexe war wohl da, aber die Stunde noch nicht."


Nun wohnte damals in dem Dorf Slate bei Parchim ein Schäfer, der ebenfalls Manches von der schwarzen Kunst verstand, ohne dabei ein Hexenmeister zu sein; denn er wandte sein Wissen nur zu guten Zwecken an. An diesen wandten sich die der roten Ilse benachbarten Leute mit der Bitte um Hilfe, weil sie, wie leicht begreiflich, am meisten von der Unheilstifterin zu leiden hatten.

Der Schäfer war auch leicht bereit zu finden. Er ließ sich von dem Treiben der Hexe erzählen und erfuhr nun, dass sie oft des Abends, als dreibeiniger Hase verwandelt, aus der Hintertür ihres Hauses lief, die den Brook bespülende Elde durchschwamm und dann zur Dakuhl oder Dagstuhl *) eilte, wo sie wahrscheinlich ein häufiges Stelldichein mit einem Wahlverwandten hatte. Wenn dies nun wieder geschähe, solle man ihn davon benachrichtigen, so hatte der Schäfer den Leuten geboten.

*) Ein kleines Gehölz vor dem Neuentor, unweit des Sonnenberges, jetzt beinahe ganz gelichtet.

Und es ereignete sich bald, dass das merkwürdige Tier auf wohlbekanntem Wege wiederum davon lief. Sofort ward der Schäfer hiervon in Kenntnis gesetzt. Dieser ergriff seine Flinte, welche er schon vorher mit einer aus Brot zusammengekneteten und durch einen Zauberspruch geweihten Kugel geladen hatte, eilte spornstreichs zur Dagekuhl und traf dort richtig mit der verwandelten Hexe zusammen. Sei es nun, dass diese nichts Gutes von ihm ahnte, oder dass sie mit ihrer Verpuppung wirklich den die Nähe des Menschen fliehenden Instinkt des Hasen annehmen musste, genug, sie ergriff das Hasenpanier und hopste so schnell davon, als es ihre Dreibeinigkeit nur erlauben wollte. Aber ihre Stunde hatte geschlagen; denn als der Schäfer seine Flinte auf das Tier abgefeuert, lag die Hexe in ihrer Weibsnatur blutend unter einem Baum und grinste ihn mit blau unterlaufenen Augen und zahnlosem Munde auf eine Abscheu erregende Weise an. Er aber band ihr die Hände und führte sie zur Stadt, wo der gewisse Feuertod ihrer harrte.

Wenn der Schäfer nun auch ihre Zaubermacht gebrochen und ihr somit das Mittel zur Selbstbefreiung entwunden hatte, so musste die rote Ilse dennoch Freunde und Gönner ihres Gelichters haben, die sie selbst noch dann, als sie schon auf dem Scheiterhaufen stand, zu retten versuchten. Denn als der Holzstoß von allen Seiten angezündet war, fing es plötzlich so stark an zu regnen, dass das Feuer schnell erlosch. Der Schäfer wusste aber auch hiergegen Rat.

Er gebot eine Erbbibel*) herbeizuschaffen, und als man diese dem Weibsbild unter die Füße gelegt hatte, loderte das Feuer gewaltig empor und hatte bald Holz und Hexe verzehrt.

Die Bibel aber zog man nachher aus der Asche unversehrt wieder hervor.

*) Eine geerbte Bibel.
Schäfermeister

Schäfermeister

Schäfer mit seiner Herde auf dem Heimweg

Schäfer mit seiner Herde auf dem Heimweg