Die in Steine verwandelten sieben Hirtenknaben bei Spornitz zwischen Parchim und Neustadt

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 2
Autor: Gesammelt und herausgegeben von M. Dr. A. Niederhöffer, Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Parchim, Neustadt, Aberglauben
Eine gleichartige Steingruppe, wie die bei Dambeck unweit Wismar, findet man auch auf dem Spornitzer Felde, über deren Ursprung die Leute hier, wie dort, Ähnliches zu erzählen wissen*).

Auch an dieser Stelle hüteten, der Sage nach, vor vielen, vielen Jahren einmal sieben wilde Knaben Vieh. Um sich die lange Weile zu vertreiben, nahmen sie die Reste des reichlich mitbekommenen Vespers, aus Brod und Wurst bestehend, zu ihrem Spiele, machten sich daraus Kugeln und begannen damit Ball zu spielen und einander zu werfen.

Als die argen Jungen dies Spiel eine Zeit lang getrieben, trat plötzlich ein großer Mann zu ihnen, im weißen, leuchtenden Gewande. Mit ernsten Worten mahnte er die Knaben, abzulassen vom sündlichen Beginnen; er sagte ihnen, welch' ein großes Unrecht es sei, so die lieben Gottesgaben zu missbrauchen, und warnte sie zugleich vor der Strafe, die ihrer warte, wenn sie nicht sogleich ihr frevelhaftes Spiel einstellen würden.

Sämtliche Hirtenknaben, mit Ausnahme eines einzigen, achteten jedoch nicht auf diese Warnung, sondern setzten tobend und lärmend ihr unheilvolles Treiben fort. Da erschien jener Mann wieder, aber diesmal nicht im weißen, sondern in einem schwarzen Gewande, und heftiges Geräusch, gleich dem Rollen des Donners, verkündete sein Kommen. Feierlich näherte er sich zuerst dem gehorsamen Knaben, der sich in Folge der erhaltenen Ermahnung von seinen Genossen abgesondert und ihr Spiel verlassen hatte, und gebot ihm: unverzüglich nach Hause zu gehen, sich auf dem Wege dorthin aber ja nicht umzusehen, da es ihm sonst übel ergehen werde. Die andern sechs gottlosen Buben aber verwandelte er darauf in Steine.

*) Siehe Seite 229 bis 231 ersten Bandes.

Der Knabe, den der Erschienene noch retten wollte, konnte jedoch der Neugierde, zu sehen, wie es wohl seinen Kameraden ergehen werde, nicht widerstehen; denn als er sich ungefähr zwanzig Schritte entfernt hatte, beugte er sich nieder und sah — um so die erhaltene Warnung zu umgehen — zwischen seinen Beinen hindurch nach den Andern zurück. Für diesen seinen Ungehorsam wurde er aber sofort bestraft und ebenfalls in einen Stein verwandelt.

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Auf dem Spornitzer Felde, in der Nähe der Parchimschen Stadtfeldgrenze, die Landwehr genannt, da wo sich vorstehende Begebenheit zugetragen haben soll, befinden sich auch jetzt noch immer sämtliche sieben Steine. Sechs derselben — die ungehorsamen Hirtenknaben — stehen oder liegen in fast kreisrunder Form ziemlich nahe beisammen, während der siebente Stein — der wegen seiner Neugierde verwandelte Knabe — etwa zwanzig Schritte davon entfernt ist.

Die Spornitzer, sowie die umwohnenden Dörfler betrachten noch fortwährend den Platz mit einer gewissen heiligen Scheu, ja viele derselben wagen nicht einmal, ihren Fuß dorthin zu setzen. Deshalb ist es auch erklärlich, dass die Steine schon Jahrhunderte hindurch noch immer unberührt auf ihrer alten Stelle liegen. In neuerer Zeit soll jedoch einmal ein pvornitzer Bauer, — dessen Namen man im Orte auch allgemein kennt — am hellen Tage und Angesichts der ganzen Dorfschaft, einen der sieben Steine nach seinem Gehöfte gefahren und ihn dort in das Fundament seiner Scheune mitvermauert haben, um dadurch der Welt zu beweisen, dass er hoch erhaben sei über ihrem Aberglauben. Bald darauf aber schon hat der Bauer den Stein wieder aus der Mauer gebrochen, und ihn bei Nacht und Nebel an seinen alten Ort zurückgebracht. Auf die Frage, was ihn denn eigentlich zu diesem Schritte bewogen, da es doch keine Kleinigkeit sei, einen solchen großen, schweren Stein wieder aus dem Fundamente herauszubrechen, hat er geantwortet, das sage er nicht und könne er auch nicht sagen. Und bis jetzt hat's auch der Bauer, trotz allen Fragens, noch immer nicht getan, und fest besteht er darauf, es vor seinem Ende auch nicht zu erzählen. Die Leute aber sagen, es sei des Nachts immer Blut aus dem Steine getrieben, während derselbe in der Scheune vermauert gewesen wäre, und dass es dem Bauer nicht eher Ruhe gelassen, bis er ihn wieder nach seiner alten Stelle zurückgebracht habe.

Einige alte Leute wollen auch noch wissen, dass sich in ihrer Kindheit auf einem der Steine deutliche Spuren einer Hand gezeigt hätten, die aber später verschwunden wären.

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