Die goldene Wiege im Ruhnerberge

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 4
Autor: Von C. T., Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Warnitz, Ruhn, Geisterstunde, Johannisnacht, Wanderer
Unter den im Ruhnerberge verborgenen Schätzen befindet sich auch eine goldene Wiege, deren schon einmal in dieser Sammlung gelegentlich Erwähnung getan. Nachstehendes mag einen Nachtrag bilden zu der von meinem Freunde dort mitgeteilten Sage: „Die verwünschte Prinzessin im Ruhnerberge."

In später Stunde hat sich einst ein Wanderer auf dem Wege von Warnitz nach Ruhn befunden. Dunkel wie die Nacht selbst ist auch der Zweck seiner nächtlichen Wanderung gewesen. Doch des Weges kundig, den er so oft am hellen Tage, vielleicht noch öfter zur Nachtzeit gegangen, hat er himmelweit nicht des Wortes gedacht: „Die Nacht ist Niemand's Freund!"

Der Wanderer ist in das Bereich des Ruhnerberges gekommen, und noch dazu ist's in der Geisterstunde der Johannisnacht gewesen. Da hat er fast nicht aus der Stelle können, so schwer sind ihm seine Füße geworden, und der kalte Schweiß hat ihm vor der Stirn gestanden. Einen Augenblick muss er gar stille stehen; denn es schwindelt ihm, so dass er nicht mehr weiß, woher und wohin. Nachdenkend legt er seine Hand an die Stirn, aber in demselben Augenblick lässt er sie auch schon sinken und bedeckt damit seine Augen. Durch die Finsternis der Nacht leuchtet plötzlich ein Licht, so hell und blendend, dass man es fast nicht ertragen mag. Wie der Blitz ist es erschienen, aber nicht so schnell verlöscht es.

Der an allen Gliedern zitternde Wanderer erholt sich nach und nach von seinem Schreck; seine Augen gewöhnen sich mehr und mehr an das blendendhelle Licht; und als er sie nun vollständig öffnet und zur Rechten sieht, da weiß er denn auch, woher dasselbe kommt

Er sieht die goldene Wiege, gefüllt bis über den Rand mit blinkenden Schätzen.

Lange steht er wie festgebannt an derselben Stelle, dann wagt er sich näher und näher und kann sich nicht satt sehen an der unbeschreiblichen Pracht. Das Verlangen nach den vor ihm liegenden Reichtümern ist bald mächtiger geworden, als seine Furcht und Todesangst, und endlich hat er gar in Vermessenheit seine Hand nach ihnen ausstrecken wollen.

Aber in demselben Augenblick ist's dem Wanderer gewesen, als fahre ihm eine Totenhand über den Rücken, und in seiner Hand hat er Eiseskälte gefühlt. Der wunderhelle Glanz aber war erloschen; denn die Wiege war wieder hinabgesunken in die Tiefe des Berges.

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