Die goldene Wiege im Kibitzberge bei Dömitz.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 3
Autor: Von L. Kreutzer zu Parchim, Erscheinungsjahr: 1860
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Johannisnacht, Dömitz, Elbe, Kibitzberg, Schatzgräber, Schatzsucher
Eine gute halbe Stunde oberhalb Dömitz liegt an der Elbe der Kibitzberg. Er birgt, wie die Sage erzählt, in seinem Schoße die goldene Wiege eines Heidenfürstenkindes.

Einst weideten Bauerknaben in seiner Gegend die Pferde ihrer Herren. Die Nacht war dunkel und die Mitternachtsstunde nahe. Da flimmte und flammte es auf dem Kibitzberge, und eine dunkle Glut auf seinem Scheitel erhellte die nächste Umgegend.

Die Knaben eilten neugierig nach dem Feuer, und einer derselben holte eine Kohle hervor, um sich die Pfeife anzuzünden. Wahrscheinlich war vom Abendtau der Tabak feucht geworden, denn derselbe wollte nicht brennen und der Junge musste die Pfeife unverrichteter Sache in die Tasche stecken. Am anderen Morgen aber lag in der Pfeife statt der Kohle ein Goldstück.

Aufs Eifrigste wurde nun der Kibitzberg von Alt und Jung nach den kostbaren Kohlen durchstöbert; aber es fanden sich höchstens Kieselsteine, und nach denen war Keiner lüstern.

Einmal machten in einer Johannisnacht sich drei Bauern auf den Weg, um den Schatz zu heben, welcher auch um die Mitternachtsstunde glücklich zum Vorschein kam. Vor Beginn der Arbeit legten die Bauern sich gegenseitig das unverbrüchlichste Stillschweigen auf, da bekanntlich das geringste Wort die Zauberei unwirksam und den Schatz verschwinden macht.

Alles schien glücklich von Statten zu gehen.

Da brauste ein Wagen heran, bespannt mit vier kohlschwarzen, schnaubenden Rossen. Neben den Schatzgräbern hielt das Fuhrwerk und zwei riesige Gestalten stiegen aus. Im Nu hatten sie einen Galgen errichtet. Mit der Gewandtheit eines Affen kletterte einer von diesen Kerlen auf den Querbalken des Galgens und ließ eine schwere eiserne Kette hinabrollen, welche der untenstehende Kamerad ergriff.

„Wer soll der Erste sein?" brüllte dieser nach oben.

„Nimm nur den Rothaarigen!"" war die Antwort.

„Ach, Herr, Kinne! mie nich; ick hess Fru und Kinne tau Hus!" *) schrie entsetzt der rotharige Schatzgräber.

Ein Krach, ein Schlag — Totenstille! Alles und auch der Schatz war verschwunden.

*) „Ach, Herr, Kinder! mich nicht, ich habe Frau und Kinder zu Hause!"

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