Die erste Kirchenglocke Vellahns bei Wittenburg.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 4
Autor: Von L. Kreutzer zu Parchim, Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Vellahn, Kirchgäste, Kirchgang,
Vom Turm, oder besser, vom Boden der vellahner Kirche herab verkünden drei Glocken den Gemeindegliedern die Tage des Herrn. Die zwei großen tönen hell und voll, die dritte hat einen Riss und klappert, und der Vellahner ist es gewohnt und findet das Anklappen auch ganz hübsch und sagt: „Klingt's nicht, so klappert's doch; eine gesprungene Glocke ist besser, als gar keine!" und wenn eingeläutet wird, nimmt er darum nicht weniger schnell seinen Sonntagsrock vom Nagel.

Es gab aber einmal eine Zeit, da hatten die Vellahner weder die beiden großen Glocken, noch die kleinen; und wenn der Sonn- oder Festtag da war, so fehlte der Kirche der metallene Mund der Glocke, und die Kirchgäste mussten schon ungemahnt und ungeladen im Hause des Herrn erscheinen. Das waren Sonntage mit Sang ohne Klang, und die kamen der Gemeinde trostlos vor.

Wäre die Vellahner Gemeinde so groß gewesen, wie sie klein und so reich, wie sie arm war, so wäre bald eine Glocke angeschafft gewesen. In Hamburg, Lübeck und Bremen gab's Meister genug, die mit Freuden die allerschönste angefertigt hätten; versteht sich, für Geld und gute Worte. Aber das Geld, das Geld! war ein harter Punkt. An guten Worten ließen sie es nicht fehlen. Es verging kein Sonntag, an welchem nicht die wärmsten Gebete um eine Glocke gen Himmel stiegen; und von Sonntag zu Sonntag wurden sie inbrünstiger und heißer. Freilich blieb die Erhörung lange aus; aber lau und flau wurden darum die Beter nicht und sie meinten, deshalb eben sei die Erhörung auch um so gewisser, und was lange dauere, werde endlich gut.

Eines Sonntags Morgens — einige Kirchgänger schritten bereits ernst und andächtig der Kirche zu — wurde es dem Hirten auf dem Felde unter seinen Schweinen so weh und übel, dass er die Herde verlassen und nach Hause eilen musste. Der Sohn musste die Stelle des Vaters vertreten, und dieser legte sich schlafen und meinte, das Fieber, oder das „Herzspann", oder die „Kolik" werde sich schon verziehen.

Und wie der alte Hirte also auf Besserung hoffte und so seine Gedanken hatte, wie die alten Knochen doch lange so gut nicht mehr wollten, als vor so und so vielen Jahren; und wie die Gemeinde in der Kirche so eben dem Herrn vielleicht zum hundertsten Male ihren Lieblingswunsch vortrug und neun gläubige Selen dachten: „Nun bleibt die Erhörung nimmer mehr lange aus" und die zehnte zu verzweifeln anfing und dachte: „Hilft's nicht, so schad's nicht" — da kam athemlos und eiligen Laufes der Sohn von der Herde zurück und bat den Vater, wenn's ihn doch nicht allzusehr fröstele, oder brenne, oder reiße, oder grimme, so möge er doch um des Himmels Willen mit zur Herde zurückkommen, er könne nichts mit dem Sauvieh anfangen und glaube gewiss, Stück für Stück sei vom Schwanz bis zum Schopf totaliter närrisch geworden.

Und so fand es der Alte. In der Mitte stand des Schulzen große Sau und um sie herum im dichtgedrängten Kreise die ganze Herde; und alle Schweine wühlten so emsig und lautlos, als gelte es, einen unermesslichen Schatz zu heben.

Die beiden Hirten hatten gut schreien, schlagen, stoßen; taub und toll schien das Vieh zu sein und drängte sich immer dichter zusammen und wühlte sich immer tiefer in die Erde. Und als endlich der Alte sich bis zu des Schulzen Sau gedrängt hatte, da sielen ihm die Arme am Leibe nieder und er schaute und schaute und wollte und konnte es nicht glauben, und sein Sohn auch nicht. Halb aus der Erde gewühlt, lag vor ihnen die schönste Kirchenglocke, so blank und unversehrt, als komme sie gerade aus der Werkstatt des Glockengießers.

Wie weggeblasen war des Alten Krankheit, und seine alten Knochen dünkten ihn kräftiger denn je. Der Sohn wollte ins Dorf zurück, um dm noch versammelten Kirchleuten die freudige Mähr zu überbringen; aber der Alte litt es nicht und meinte, seine sechzigjährigen Beine seien doch stämmiger und des Laufens mehr gewohnt, als die sechzehnjährigen Beine eines Jünglings, und die Nachricht von dem gefundenen Schatz könne doch nimmer schnell genug ins Dorf kommen.

Wie ein Böcklein, so leicht und lustig, trabte der alte Hirte dahin, und wo ihm ein Stein im Wege lag, ging er nicht um weg, und wo ihm ein Graben entgegen trat, sprang er hinüber, und einen Teich durchwatete er, denn das Wasser war ihm heut nicht nass, und die Kirchhofsmauer überkletterte er, denn nach der nächsten Pforte hin war ein Umweg. Und obgleich das Vaterunser noch nicht gebetet war und die Gemeinde den Segen noch nicht empfangen hatte, so ging's doch schnurstracks in die Kirche und in den Beichtstuhl hinein.

Noch nach Jahren hat der Herr Pfarrer gemeint, so freudestrahlend, wie das Antlitz des Hirten bei Überbringung der Freudenbotschaft, so freudestrahlend denke er sich die heiligen Angesichter der himmlischen Heerscharen am ersten Weihnachtsmorgen. Allein der gute Pfarrer hat nur sein eignes Angesicht nicht gesehen, und auf die freudeleuchtenden Augen der Gemeindeglieder zu schauen, dazu war damals keine Zeit.

Zuvorderst hatte der Herr Pfarrer genug zu tun, die übergroße Freude des Alten zu mäßigen, der da meinte, Kirche, Kirche sein zu lassen und sogleich nach der Weide zu eilen; der Herr Pfarrer könne ja am Schluss des nächsten Gottesdienstes zwei Vaterunser beten und zwei Segen austeilen, so komme der liebe Herrgott ja auch nicht zu Schaden.

Aber der Herr Pfarrer brachte den Gottesdienst fein säuberlich zu Ende; so meinte er nämlich, obgleich die Gemeinde fand, dass er das Vaterunser gotteslästerlich schnell gebetet und im Segen sogar das zweite Bekreuzen vergessen habe, was doch falsch und sündlich sei. Als aber der Herr Pfarrer den guten Leuten die Botschaft des Hirten mitteilte, da gerieten sie selbst aus Rand und Band. Der Eine vergaß, ganz gegen Gewohnheit und Gewissen, das Schlussvaterunser, der Andere überschlug ein paar Bitten, ohne dass er's merkte und der Dritte sagte hinter der vierten Bitte schon Amen und meinte, ehrlich ans Ende gekommen zu sein.

Und als Alle am Platze waren, da schauten und schauten sie und konnten und konnten es nicht begreifen. Jetzt völlig aus der Erde gewühlt, lag vor ihnen die schönste Kirchenglocke, so schön und makellos, als sei sie so eben erst der Form entnommen. So groß und schön hätten sie nimmer eine Glocke kaufen können. Sogar zwei Figuren schmückten die Glocke; und der Eine behauptete, sie stellten einen Glockengießer mit seinem Lehrburschen dar, und der Andere, es sei Maria mit dem heiligen Christkindlein an der Hand, und der Dritte, es sei ein Engel mit einem Engelein, und das Engelein habe eine Fahne in dem Händchen; und am Rande der Glocke war eine wunderschöne Inschrift, die Niemand lesen konnte.

Das war ein Jubel, als die Glocke auf dem Turm im neuerbauten Glockenstuhl hing und ihre Stimme zum ersten Male erschallen ließ! Die Dankgebete wollten kein Ende nehmen und die Vaterunser, die an jenem Sonntage vergessen oder andachtslos über die Lippen gegangen waren, wurden doppelt und mit der inbrünstigsten Andacht wiederholt; und am Schluss des Gottesdienstes hat der Herr Pfarrer auch das Vaterunser wieder gebührend langsam gebetet und im Segen das Bekreuzen nicht wieder vergessen.

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Jetzt ist der Turm längst verschwunden, nur einige Fundamentüberreste ragen kaum sichtbar aus der Erde hervor, ein Blitzstrahl soll seine Vernichtung herbeigeführt haben; aber die Glocke ist noch vorhanden und ist noch heute die größte und schönste unter den drei Vellahner Glocken.

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