Die deutsche Hansa

Vortrag zum Besten der deutschen Flotte, gehalten im Museumssaale zu Heidelberg am 28. Dezember 1861
Autor: Goldschmidt, Levin Dr. (1829-1897) deutscher Professor der Handelsrechte, Autor und Publizist, Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Hanse, Hansa, Städtebund, Handelsbündnis, Kaufleute, Mittelalter, Ostsee, Nordsee, Handelsmonopol, Handelsherrschaft, Rostock, Lübeck, Hamburg, Stralsund, Wismar, Bremen, Köln, Magdeburg, Braunschweig
Mit allem Grund ist die deutsche Nation stolz auf ihren geistigen Ruhm, auf jene universale Anlage und Richtung, welche sie zur berufensten Trägerin und Vermittlerin der gesamten modernen Kultur erhebt. Doch ist dieser Genuss kein ungetrübter, denn dem gern gehörten Lobe des Denkervolkes mischt sich ein schriller Misston von staatlicher Ohnmacht, von arger Verwahrlosung der großen politischen Aufgaben bei. Was die unerfreulich drückende Gegenwart versagt, sucht dann der rückwärts gewendete Blick in längst vergangenen Tagen. Unter den Bildern entschwundener Macht und Größe, welche dem deutschen Blick in allem Schimmer patriotischer Phantasie entgegenstrahlen, ragen vor allen zwei hervor. Und die enge Verbindung beider in Herz und Sinn der Nation weist so recht mitten in die wunderbare Welt der Gegensätze hinein, in denen unser geschichtliches Denken sich bewegt. Ich meine das deutsche Kaisertum, und die große niederdeutsche Kaufmanns- und Städteverbindung, welche unter dem Namen der deutschen Hansa die Meere und die Völker des Nordens beherrscht hat, welche den Osten mit dem Westen Europas im friedlichen, aber männlich geschützten Handelsverkehr verbunden hat, welche das von Fürsten und Edlen begünstigte Seeräubertum ausgerottet, welche die erste und letzte deutsche Seemacht gegründet hat. Die Machtentfaltung der Hansa begleitet als herrlichste Frucht die größte politische Tat unseres Volkes: die Germanisierung der slavischen Nord- und Ostseeländer; ihr Verfall trifft zusammen mit jener furchtbaren Krisis des deutschen Lebens, deren Ausgangspunkte die Gründung der habsburgisch-spanischen Weltmacht und die Reformation sind, deren Ende jene unnennbare Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges bildet, aus welcher wir noch immer nach zweihundertjähriger Machtlosigkeit uns herauszuretten bestrebt sind.

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Mit Recht durften das deutsche Kaisertum und die deutsche Hansa als die beiden Gegensätze unseres politischen Nationallebens bezeichnet werden. Dort eine große Kraft auf gewaltige, aber kaum lösungsfähige Aufgaben gerichtet, und in jammervollem Scheitern, ohne jede bleibenden Erfolge, die Nation in tiefster Ohnmacht und Zerrissenheit zurücklassend. Hier das zähe, selbsttätige Bürgertum, welches in engem Zusammenschließen die dem Einzelnen fehlende Macht ersetzt, alten Stammesboden der deutschen Kultur wieder erringt, welches den skandinavischen Erbfeind der Nation verhindert, sich an den vielbegehrten Küstenländern der Nord- und Ostsee dauernd festzusetzen, — und welches diese große Erbschaft getreulich den Nachkommen überliefert, da es in dem allgemeinen Umschwung der europäischen Machtverhältnisse, der Bildung des modernen Staatswesens, bei der veränderten Richtung der Handelswege, gespalten und kraftlos zusammenbricht.

Nur die zähe Ausdauer, die kernhafte Tüchtigkeit des Bürgertums hat es vermocht, die Ungunst der Verhältnisse zu besiegen, welche im deutschen Norden einer jeden Machtentfaltung im Wege standen. Das Kaisertum hat, selbst in seinen tüchtigsten Trägern, zu keiner Zeit verstanden, in dem deutschen Städtetum die unentbehrliche Stütze gegen die Anmaßung der großen Reichsvasallen zu finden, noch die freiheitliche und geschützte Entwickelung ihrer Gemeinwesen, das Streben nach überseeischer Machtstellung zu unterstützen. Ja, die bloße Existenz des deutschen Städtebunds verstieß wider die klarsten Reichsgesetze. Das Kaisertum hat niemals dem Auslande gegenüber eine Handelspolitik befolgt. Hat doch selbst der Hohenstaufe Friedrich II. dem Dänenkönig alle längst mit deutschem Blut erkauften Länder jenseits der Elbe und Eider überlassen, und fast ein Jahrhundert darauf Albrecht I. die schmähliche Abtretung bestätigt, so dass selbst das reichsfreie Lübeck mutlos gewillt war, dem Reiche zu entsagen. Wider die kaiserliche Acht hat die Hansa ihren glorreichsten Kampf gegen Waldemar von Dänemark geführt. Gegen den ausdrücklichen Spruch Kaiser Sigismunds haben die deutschen Städte das Anrecht der holsteinischen Fürsten auf Schleswig behauptet. Als Karl IV. sich gegen den Rat zu Lübeck schwächliche Andeutungen erlaubte, wie wünschenswert es erscheine, unter kaiserlicher Aegide hanseatische Politik zu treiben, begegnete ihm nur äußerst ehrerbietige Zurückweisung. Da ist es denn freilich eine seltsame Erscheinung, dass mitten in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges, da die Hansa ihrem baldigen Ende entgegen siechte, da England, Holland und die nordischen Reiche den deutschen Kaufmann bereits vom ausländischen Markt verdrängt hatten, dass damals Kaiser Ferdinand II., wetteifernd mit den Spaniern, die obere Leitung des hanseatischen Handels zu erringen strebte. Diese Versuche, selbst ernstlich gemeint, konnten keinen Erfolg haben. — Zwar finden wir in den frühesten Zeiten die deutschen Kaufleute im Auslande als die „Leute des Kaisers“ bezeichnet, der ihnen auch gelegentlich Privilegien erwirkt; sie stehen unter besonderem kaiserlichen Schutz — allein dieser ideale Schutz erwies sich in wirklicher Gefahr überall völlig wirkungslos. Auf seine eigene Kraft gestützt, hat der Bund unzählige Kriege mit fremden Mächten geführt und Verträge geschlossen, ohne jemals die kaiserliche Bestätigung einzuholen. Als in den Zeiten ihres Verfalls sich die Hansa um Schutz an Kaiser und Reich wandte, da erstarben ihre Klagen in den Protokollfolianten des Reichstages, und vermochten kaiserliche Mandate einer Elisabeth von England gegenüber nichts auszurichten. — Dem ungeachtet blieb sich der deutsche Kaufmann seines engen Zusammenhangs mit dem Reiche und seines Volkstums überall wohl bewusst. Auf den Faktoreien der Hansa in London wie in Nowgorod, in Bergen wie in Brügge prangte der deutsche Reichsadler, wenngleich, wie in Bergen, in wunderlicher Verbindung mit dem gekrönten Stockfisch, oder in Nowgorod mit dem Petersschlüssel des Schutzpatrons. Und: der „gemeine deutsche Kaufmann,“ „der Kaufmann des deutschen Reiches,“ „die Hansa Deutschlands,“ so pflegte sich dieser norddeutsche Kaufmanns- und Städtebund selbst zu bezeichnen, so nannten ihn die Könige, welche mit ihm, wie mit Ihresgleichen, verhandelten. — Aber diese ganze wundersame Erscheinung, ohne jede Parallele in der Geschichte, hat doch nur bei der völligen Ohnmacht des Reichsoberhaupts sich bilden können, bei der Zersplitterung des Reichsbodens in zahllose kleine Landesherrschaften, deren jede stark genug war, die Einigkeit des Reiches zu verhindern, aber kraftlos selbst ihren eigenen Städten gegenüber, und jederzeit bereit, auf ihre wesentlichsten Hoheitsrechte zu verzichten, sofern nur die Städte ihrer beständigen Finanzverlegenheit durch Anleihen und sonstige Unterstützung abhalfen. Der einzige Heinrich der Löwe hatte die Macht und den Willen, eine große nordische Macht zu gründen — mit der Zertrümmerung seines gewaltigen Herzogtums in viele kleine unmächtige Fürstentümer und Grafschaften ward die Möglichkeit wie die Notwendigkeit selbständiger Kraftentwicklung für die norddeutschen Städte gegeben. —

Die Geschichte der deutschen Hansa ist die Geschichte der Blüte zunächst nur des norddeutschen Städtetums, aber ihre Glanzzeit fällt zusammen mit der Blüte des deutschen Handels und des deutschen Bürgertums überhaupt. Nur dass im Handel Ober- und Niederdeutschland ihre verschiedenen Wege gehen, einander nur selten, und dann nicht ohne Eifersucht und Neid, begegnen. Was der Hansa der Norden Europas, das ist den blühenden Städten Oberdeutschlands: Regensburg, Ulm, Augsburg, Frankfurt, Nürnberg, Wien der Verkehr mit Italien, mit Genua, Mailand, Venedig. Von dort werden die köstlichen, überall begehrten orientalischen Maaren, die Industrieerzeugnisse Italiens in das Innere Deutschlands oder auf die flandrischen Märkte gebracht, um gegen die nordischen Waren der Hansa, gegen die Fabrikate der Niederlande eingetauscht zu werden. Hoch blühte die Industrie der oberdeutschen Gemeinden, emsig wurden jene gewinnreichen Verbindungen mit Italien, dann auch mit Spanien, Portugal, Frankreich, Flandern und Brabant gepflegt, und haben den sprichwörtlich gewordenen Reichtum der Welser und Fugger erzeugt, welchen der Norden keine Gleichen entgegenzustellen vermag. Tief eingreifend haben jene italienischen Beziehungen auf unser gesummtes politisches, kirchliches und geistiges Leben, auf Kunst, Wissenschaft und Recht eingewirkt; sie haben uns die geistigen Errungenschaften des Altertums und der italienischen Blütezeit übermittelt. Allein eine Handelsherrschaft haben die süddeutschen Städte weder in den überlegenen Kommunen Italiens, noch irgendwo sonst zu begründen vermocht, und das berühmte Kaufhaus der Deutschen zu Venedig gleicht nur sehr äußerlich dem Stahlhofe von London oder gar der Brücke von Bergen. Von der See ausgeschlossen, haben sie sich begnügen müssen, das von fremden Nationen aufgestapelte Gut der Heimat und den niederdeutschen Genossen auf Land- und Flusswegen zuzuführen, während diese, kühn die Meere durchschiffend, in den nordischen Erzeugungsländern ihre selbstherrlichen Comtoire errichteten. —

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Braunschweig Stadtansicht

Braunschweig Stadtansicht

Bremen Marktplatz

Bremen Marktplatz

Greifswald Stadtansicht

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Goslar Stadtansicht

Goslar Stadtansicht

Elbing Stadtansicht

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Berlin und Kölln

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Kaiser Otto I. und Gemahlin

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Lübeck Das Holstentor

Lübeck Das Holstentor

Lüneburg Stadtansicht

Lüneburg Stadtansicht

Magdeburg Stadtansicht

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Rostock Stadtansicht

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Stettin, das Alte Schloss

Stettin, das Alte Schloss

Stralsund Stadtansicht

Stralsund Stadtansicht

Wismar, Stadtansicht

Wismar, Stadtansicht

Hamburg, Blick auf die Unterelbe

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Hamburg, Flet in der Altstadt

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Bremen - Einfamilienhäuser in der Olbersstraße

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Bremen - Freihafen

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Danzig - Frauengasse

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