Die Zweikämpfe um die Oberherrschaft zwischen den Wenden und Dänen.

Aus: Die Volkssagen von Pommern und Rügen
Autor: Gesammelt von Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller, Erscheinungsjahr: 1840
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage,
In den alten Zeiten wurde das jetzige Pommernland von einem Volke bewohnt, welches Wenden genannt wurde. Diese Wenden waren sehr tapfer und kriegerisch. Insbesondere wurden sie in viele und arge Kriege mit den Dänen verwickelt. Einstmals, lange Zeit vor der Geburt des Herrn, lebte in Dänemark ein König Namens Rorich, welcher viel Krieg mit seinen umliegenden Nachbarn führte. Derselbe unterstand sich auch, die Wenden im Pommernlande zu bekriegen. Er fand diese zum Streite lustig, und die beiden Völker kamen in ihren Schiffen auf der See gegen einander. Die Wenden hatten etliche Schiffe in einen Halt versteckt, und ließen nur einige wenige sehen, indem sie meinten, der Dänische König solle auf diese losgehen; so wollten sie dann weichen bis auf jene Seite des Haltes, und alsdann den König von vorn und von hinten zugleich überfallen. Aber der König merkte den Betrug, und als die Wenden vor ihm flohen, verfolgte er sie nur bis zu dem Halte hin und überfiel flugs die im Halt und schlug sie in die Flucht, ehe die anderen umkehren konnten. Diese kamen ihnen aber doch nach einer Weile wieder zur Hülfe, und sie setzten sich nun sämtlich dem Könige zur Wehre. Da der König das sah, hielt er stille, und war zweifelhaft, was er tun sollte.

Wie nun die Feinde so gegen einander lagen, trat einer der Wenden hervor, der hieß Maska, und war ein weidlicher starker Mann, von Gliedmaßen und von Gemüte. Derselbige rief, so die Dänen wollten, um Vermeidung vielen Blutvergießens, Einen gegen ihn schicken, dass sie mit einander kämpften um die Überhand, also welcher von den Kämpfern gewänne, dass dessen Volk des andern Herr sein sollte, so wollten die Wenden ihr Glück und Unglück darauf setzen. Dem Könige und den Seinen bedünkte es zwar schwer zu sein, um solche hochwichtige Sache, daran ihre Freiheit und ganze Wohlfahrt stände, auf eines einzigen Mannes Hand zu wagen; dennoch zogen sie sich es zum Schimpfe, dass nicht Einer unter ihnen sein sollte, der so keck und stark wäre als der Wenden Einer; sie forschten deshalben unter sich, und fanden Einen, der sich gegen den Wenden zum Kampfe erbot. Also willigten sie in den Vorschlag der Wenden ein, und gaben Maska einen Gegenmann.

Diese beiden Kämpfer traten nun zu Lande; die anderen aber Alle blieben in ihren Schiffen, damit kein Teil seinem Kämpfer mochte zu Steuer kommen, und sahen mit großer Begierde und Angst zu, wie es doch die Kämpfer endigen würden. Darauf stießen die Trompeter an, und die beiden Kämpfer liefen feindlich an einander. Der Däne schmiss weidlich gegen den Wenden an, und gab ihm einen Streich über den andern, und verwundete ihn etlichemal hart, also dass er schier erlegen hätte. Aber der Wende säumte auch nicht, schlug aller Orten um sich herum, und wehrte sich männlich, bis auf dass er zuletzt dem Dänen das Haupt mitten entzwei hieb und ihn also erwürgte.

Da erhob sich ein großes Geschrei und Frohlocken unter den Wenden; sie holten ihren Kampfer Maska zu Schiffe, ließen ihn verbinden und erwiesen ihm große Ehre. Von den Dänen aber forderten sie, der gegenseitigen Verwilligung nach, dass sie ihnen untertänig sein sollten. Über solches Unglück wurden die Dänen traurig und sie begannen ihren Unbedacht zu verfluchen, dass sie so leichtsinnig ihr höchstes Gut und Wohlfahrt, als die Freiheit, auf Eines Mannes Hand gestellt. Sie suchten daher Ausflüchte, wie sie von ihrer Verpflichtung sich befreien möchten, und sagten, der Kampf sei ungleich gewesen, dies und jenes hätte daran gefehlt, sonst hätte ihr Kämpfer wohl so gut gewinnen mögen als Maska; sie wollten ihrer Zusage nicht entfallen, aber es müsse ehrlich und unparteiisch zugehen; daher wollten sie noch einmal zwei Kämpfer gegen einander stellen, und dieselbigen sollten, ihrem vorigen Bescheide nach, durch ihren Gewinn oder Verlust entscheiden, wer da herrschen oder dienen solle.

Den Wenden bedünkte die Ausflucht unbillig; aber sie nahmen die Sache in Bedenken bis auf den andern Tag, und unterdes beredete Maska sie, sie sollten der Dänen Vorschlag annehmen, nicht dass sie es schuldig, sondern zum Übermaß, er versehe sich, ob er gleich etwas verwundet worden, dennoch so stark zu sein, dass er einem Dänen, er mochte sein, wer er wolle, Manns genug sein könnte, und die Dänen würden auch so leicht keinen finden, der sich gegen ihn zu erheben vermochte: derohalben sollten sie es nur kühnlich auf ihn wagen, er wolle ihnen, mit Hilfe der Götter, keinen Schimpf oder Verlust zu Wege bringen. Da die Wenden solch einen Trost hörten, ergaben sie sich darein, und bewilligten den Dänen ihren Vorschlag, doch dass es einen Tag oder vierzehn anstände, bis dass Maska ganz geheilt wäre. Das nahmen die Dänen fröhlich auf, und sie zogen unterdes auf Mone (Insel Möne) und die Wenden auf Rügen. Die Dänen konnten anfangs nicht leicht Einen unter sich finden, den sie zu dem Kampfe vermochten; zuletzt hat sich Einer, Ubbo genannt, dazu angegeben. Dem hat der König Rorich große Verehrung zugesagt und ihm auch sogleich seine goldenen Armbänder geschenkt.

Nachdem nun der Anstand verlaufen war, sind die Dänen und Wenden wieder zur See gezogen, und haben die Stelle des Kampfes auf Falster benannt. Daselbst traten die Kämpfer auf den Strand und boten sich den Kampf.

Die Wenden und Dänen hielten auf dem Wasser in ihren Schiffen, und sahen zu. Da stießen die Trompeten an, und Maska und Ubbo liefen wie Riesen, mit großem Ungeheuer auf einander, und stritten mörderisch zusammen, also dass von den Schlägen das Feuer aus den Waffen flog und Einer dem Andern den Harnisch zerhieb, dass die Stücke klangen und das rote Blut zur Erde lief. Darüber erhob sich ein großes Geschrei und Rufen in den Schiffen. Ein jeder Teil ermahnte seinen Kampfer und wünschte ihm zu gewinnen, und standen beide Teile in Hoffnung und Angst.

Aber wie die Kämpfer also auf einander verhitzt waren, und Einer auf den Anderen mörderisch drängte, da erwürgten sie sich zuletzt Beide, also dass Keiner übrig blieb.

Darauf vermeinten die Dänen, die Sache wäre jetzt gleich. Aber die Wenden bezogen sich darauf, dass ihr Kämpfer zuerst gewonnen, nachdem auch nicht verloren hätte; darum sollte die erste Überwindung nicht tot sein, und die Dänen sollte, ihnen Untertänigkeit geloben. Das wollten die Dänen nicht, und war die Sache wie zuvor. Nach vielem Zanken und Dräuen haben sie sich jedoch in der Länge so vertragen, dass die Dänen sich absagen mussten, nimmer wieder gegen die Wenden zu kriegen ohne billige Ursache.

Thomas Kantzow, Pomerania, herausgegeben von H. G. L. Kosegarten, I, S, 9—13,
Alberti Cranzii Wandalia, S. 8.

.

.

.

Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller

Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller