Die Wunder der Bischhöfe von Ratzeburg.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 2
Autor: Von C. Masch, Pastor zu Demern, Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Ratzeburg, Bischöfe, Wunder, Heinrich der Löwe
Das Bistum Ratzeburg ward von Herzog Heinrich dem Löwen von Sachsen und Bayern, diesseits der Elbe, 1154 gegründet, und hat 5 Bischöfe sich zum rühmen, welche Wunder getan haben. Zwar ist die Erinnerung an diese nur zum Teil noch und unvollständig im Volke geblieben, aber die Geschichtsschreiber haben sie seit lange in ihre Bücher eingetragen, und da sie dieselben doch als Volkssagen empfangen haben, so mögen sie denn, obgleich sie nicht mehr Sagen sondern jetzt Legenden sind, auch hier ihre Stelle finden.

Der erste Bischof, der dem Bistum vorgesetzt ward, war Evermodus von 1154 bis 1178. Von ihm erzählt die alte Geschichte mehrere Wunderwerke.

Einstmals hatte Graf Heinrich von Ratzeburg zwei vornehme Friesen in Gefangenschaft. Da er diese auf eine tyrannische Weise quälte, so hatte der Bischof Mitleid mit ihnen und bat oftmals den Grafen, er solle sie frei lassen. Aber das Mitleid rührte ihn nicht; er behandelte sie nicht milder. Unterdessen kam Ostern heran, und aus Achtung vor dem Feste nahmen sie Teil am Gottesdienste, jedoch von Wache begleitet und in Fesseln.

Als nun der Bischof die Gemeinde mit Weihwasser besprengte, benetzte er mitleidsvoll mit dem geweihten Wasser ihre Fesseln mit den Worten: „Der Herr richtet die Gebeugten auf, der Herr löset die Gebundenen." Und alsbald zersprangen die Fesseln mit großem Geräusch und die Befreiten preisten Gott. Dies geschah aber auf dem Sanct Georgsberge, wo damals der Bischofssitz war, und die Fesseln hingen lange Zeit, zur Erinnerung an das Geschehene, in der Kirche.

Zu einer anderen Zeit war Bischof Evermodus mit Erzbischof Hartwich von Hamburg in Ditmarsen bei einer berühmten Besprechung zugegen. Und da der Mann Gottes die öffentliche Messe in Gegenwart des Erzbischofs verrichtete, trug es sich zu, dass ein Dithmarse einen Todschlag an einem der Vornehmen des Landes verübt hatte. Als dies der Bischof erfuhr, suchte er Versöhnung zu stiften, wie es Sitte bei der Feierlichkeit der Messe ist, und bat den, dessen Verwandter getötet worden war, flehentlich, er solle seinen Nächsten vergeben, indem er die Worte des Gebets anwandte: „Vergib uns unsere Schuld!" Jedoch da der Dithmarse zornesvoll nicht darauf achtete, schritt der Bischof herab von seinem Sitze, ging auf ihn zu und warf sich, die Reliquien in seinen Händen haltend, zu seinen Füßen. Da aber Jener mit schrecklichen Eiden bei Gott, der Jungfrau und den Heiligen schwur, er wolle nie vergeben, so gab der Bischof statt des Segens dem Widerspenstigen einen mächtigen Faustschlag, und sogleich gewährte Jener mit erhobenen Armen, warum gebeten war und versöhnte sich mit seinem Nächsten. Doch halten wir, setzt der Chronist Arnoldus hinzu, dies für eine Tat, die von Gott kam, und glauben, dass durch die Ohrfeige der Teufel aus dem Menschen getrieben sei.

Als der Bischof einstmals in Amtskleidern etwas mit bloßen Händen tun wollte, legte er die priesterlichen Handschuhe ab, und wie es ihm schien, an einen passenden Ort hin. Indem er nun zu dem eilte, was er tun wollte, beachtete er nicht, wohin er sie gelegt. Sie wurden wunderbar in der Luft schwebend, ohne Stütze gefunden. Darüber gerieten Alle, die es sahen, in Staunen, und diese Geschichte ist lange wieder erzählt worden, bis sie endlich, 400 Jahre später, von Krantz niedergeschrieben ward.

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Der zweite Bischof von Ratzeburg war Isfridus von 1190 bis 1204.

Seine Frömmigkeit war so groß, dass er auch gegen seinen Willen Wunder tat, wie die Späteren erzählen.

Er hatte am Karfreitag seinem Diener befohlen, ihm Wasser zum Trinken zu bringen. Jener gehorchte und brachte Wasser; der Bischof kostet und findet Wein. Mit finsterem Blicke wandte er sich zum Diener: „Hab ich Dir nicht befohlen, Wasser zu bringen und keinen Wein?" Erschrocken versicherte Jener, er habe Wasser aus der Quelle geholt; er befahl ihm noch einmal zu schöpfen, und es war Wein; zum dritten Male wird es wiederholt mit demselben Erfolg. Da stürzten Tränen aus den Augen, die er gen Himmel erhob. „Weil”, sagte er, durch Deinen Willen, wunderbarer Schöpfer, das Geschöpf verwandelt wird, so weiche ich, weil Du befiehlst und genieße am Tage der Leiden Deines Sohnes, was Du mir sendest.“ Und noch nach Jahrhunderten zeigte man neben dem Schatzhause die Quelle, aus der das Wasser geschöpft ward.

Als er einstens mit einer Prozession den Kirchhof umging, da sah er einen Blinden am Wege sitzen und betteln. Er besprengte ihn mit dem geweihten Wasser und sprach die prophetischen Worte: „Der Herr löset die Gefesselten, der Herr erleuchtet die Blinden”, und sogleich erhielt der Blinde sein Gesicht.

Die Kirche hat den Bischof unter die Seligen versetzt und feiert sein Gedächtnis; am 15. Juni.

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Vom heiligen Ludolfus, dem achten Bischofe, der von 1236 bis 1250 auf dem bischöflichen Stuhle in Ratzeburg saß, ist schon früher erzählt worden*).

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Der zehnte Bischof war Ulricus von 1257 bis 1284, aus dem Geschlechte der von Blücher, ein frommer und mildtätiger Mann.

Einstmals hatte er seinen Kornboden, der voll Getreide und Mehl war, ganz in die Hände der Armen geleert und nichts für sich und die Seinen behalten. Da kamen die Armen und baten um Almosen; er rief seinen Schaffner und befahl, ihnen zu geben, was noch vorhanden sei; es war aber eine große Teuerung und Hungersnot auf Erden. Der Schaffner wusste, dass alle Vorräte erschöpft waren und sagte, es sei nichts mehr da und Alles zu diesem Zwecke verwendet. Vertrauensvoll sagte ihm der Bischof; „Geh' und sieh', ob vielleicht noch ein Scheffel da sei, dass die Armen nicht leer weggehen, geh' im Namen des Herrn und gib ihnen!" Und als er das Vorratshaus öffnete, da war alles voll Mehl und Korn, und er gab reichlich den Armen. Als aber der Bischof es erfuhr, zerfloss er in Tränen und dankte Gott dem Geber alles Guten.

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Wipertus von Blücher ward 1356 einstimmig zum Bischof gewählt, und hatte erst das dreißigste Jahr erreicht. Als nun der Erzbischof von Bremen ihn nicht consecrieren konnte, da ihm die Dispensation vom Alter nottat, ging er nach Rom, um die Bestätigung und die Weihe zu erhalten und stellte sich, wie es Sitte war, im öffentlichen Konsistorium dem Papste Innocenz VI. vor und bat um Bestätigung. Dieser aber sah sein schönes Gesicht und seine blonden Haare, hielte ihn eines solchen Amtes und solcher Kirche nicht gewachsen, verschob die Konfirmation auf eine andere Zeit und dachte bereits daran, einen Betagteren an seine Stelle zu ernennen; jedoch befahl er ihm, bei einem andern Konsistorium wieder zu erscheinen. Und er erschien mit grauem Haar, buschigem Bart und gerunzelter Stirn. Da brach der Papst, voll Scheu, da eine so plötzliche Verwandlung nur durch göttlichen Willen geschehen sein konnte, in folgende Worte aus: „Mein Sohn! Gott, Dessen Stelle auf Erden ich unwürdig vertrete, hat Dich bestätigt, Ihm entgegen zu treten ist ruchlos; übrigens gebe ich Dir gerne die Bestätigung, bewahre die Ratzeburgische Kirche und die Dir anvertraute Herde, bewache sie, in Leben und Zucht ihr das Beispiel gebend; gehe hin in Frieden."

Und Vipertus, der bis 1367 regierte, war der erste der Ratzeburger, welcher sich von Gottes und des apostolischen Stuhles Gnaden nannte.

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Heinrich der Löwe - aus Simrock:

Heinrich der Löwe - aus Simrock: "Die deutschen Volksbücher" 1845

Kirchlicher Würdenträger in der Hansezeit

Kirchlicher Würdenträger in der Hansezeit