Die Wesenberger Schatzgräber und die blanke Jungfrau.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 3
Autor: Von Friedrich Latendorf zu Neu-Strelitz, Erscheinungsjahr: 1860
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Wesenberg, Schatzgräber, Schatzsucher,
Am Ende des vorigen und dem Anfange des jetzigen Jahrhunderts trieb eine ganze Bande von Schatzgräbern in Wesenberg und den Nachbardörfern ihr Wesen. Ihr gewöhnlicher Ruhepunkt bei ihren Streifereien war der Prelanker oder Belower Teerofen, deren Besitzer selbst eifrigst mitgruben, ohne dass es irgend einem von ihnen sonderlich geholfen hätte. Vielmehr ging ihre Wirtschaft mehr zurück als vorwärts, und die Erben mussten gut machen, was die Väter versäumt hatten.

Nun gilt es bekanntlich als Hauptgrundsatz der Schatzgräberei, das unverbrüchlichste Stillschweigen zu beobachten. An diesem einen Punkte scheiterte denn auch in der Regel das Unterfangen unsrer Helden. So sollen sie oft selbst nicht ohne Behagen, aber doch mit heimlichem Ärger erzählt haben, wie sie ihrer Drei schon so weit gelangt waren, dass sie von einem Schatze den schweren Behälter und großen Umfang deutlich wahrnahmen. Da aber sprang zwischen ihren Händen eine blanke Jungfrau — eine andere Quelle, mein Onkel, nannte sie graugekleidet — hin und her, so dass sie nicht weiter zu arbeiten im Stande waren.

Plötzlich rief einer der Schatzgräber ungeduldig seinem Nachbar zu: „Rehdantz, griep, griep!"*) und im Nu war Schatz, Jungfrau und Alles verschwunden.

*) „Redantz, greife, greife!“

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