Die Völker Europas

Kultur- und Charakterskizzen der europäischen Völker
Autor: Kohl, Johann Georg (1808-1878) deutscher Reiseschriftsteller und Bibliothekar in Bremen, Erscheinungsjahr: 1872
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Europa, Völker, Kulturgeschichte, Charakterskizzen, Sittenbilder, Sozialgeschichte
Der vorliegende schwache Versuch, die Völker Europas in kurzer und populärer Weise zu schildern, entstand aus einer Reihe von Vorlesungen, die ich im Verlaufe von zwei Wintern vor einem kleinen Publikum von Herren und Frauen aus den gebildeten Ständen in meiner Vaterstadt Bremen hielt. Mein Plan bei diesen Vorlesungen war folgender:

Nach einer allgemeinen Schilderung unseres Kontinents, so wie nach einem Hinblick auf die benachbarten Weltteile Afrika im Süden, und Asien im Osten, sowie auf die Einwirkung ihrer Bevölkerung auf Europa, gruppierte ich die Völker Europas in zwei große Abteilungen, eine östliche und eine westliche. [Aus dem Vorwort]

,,Dies alte Europa langweilt mich!“ soll einmal Napoleon gesagt haben. Und viele „Europamüde“ haben es ihm später nachgesprochen.

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Inhaltsverzeichnis
Jener große Mann tat seinen berühmten Ausspruch vermutlich auf der Höhe seiner Triumphe, als er den ganzen Weltteil sich zu Füßen sah, und ihm nichts zu erstreben übrig schien. Und die Europamüden sagten es, weil sie hoffnungslos in dem alten Laude nichts mehr zu gewinnen und zu verlieren hatten.

Es ist ein trübsinniger Spruch, der entweder von der Übersättigung oder von der Verzweiflung erzeugt und eingegeben war. Weder die Geschichte noch eine kühle Erwägung der Verhältnisse lädt uns ein, ihm beizupflichten, vielmehr ermutigen uns beide zu der erfreulichen Annahme, dass unser gutes Europa weder langweilig, noch, wie die Amerikaner es so gern nennen, altersschwach sei.

Auf dem ganzen Erdenrund gibt es bis auf die neusten Tage herab, kein für Herz und Geist unterhaltenderes Schauspiel, als die Betrachtung des Lebens und Treibens der rührigen Europäischen Nationen, nirgendwo sonst mehr Hoffnung auf Jugend, auf Fortschritt und stets neue Gestaltungen, als auf unserem kleinen Kontinent, der zwar schon alt ist, aber stets noch lebensfrisch blieb.

Von den Zeiten der Athenienser an war das große Leben der Welt in Europa. „Mit dem Christentum,“ sagt unser alter Arndt, „sind alle Geister dahingezogen. Es ist das Herz der Weltgeschichte geworden. Columbus nahm es und setzte es ein in den Mittelpunkt des Erd Organismus, und seitdem kann man fast mit Gewissheit sagen, es werde für alle Zeiten das geistige und leibliche Zentrum unseres irdischen Sternes bleiben.“

Diese Gewissheit befestigt sich in uns bei einer Betrachtung des wundervollen und auf Erden einzigen Planes, nach welchem der Schöpfer unsern Kontinent gebaut hat, so wie bei einer Erwägung der glücklichen Naturanlage, welche den europäischen Völkern seit den ältesten Zeiten her eigen war, und in der Hauptsache auch geblieben ist.

Wenn die Griechen dem Gotte des Regens und der Wolken und seinem Bruder dem Erderschütterer Poseidon, dem Gotte des Meeres, das oberste Regiment zuteilten, und die Göttin des Erdreichs nur als empfangende leidende Iran darstellten, und wenn ihr großer Dichter Pindar eine seiner Oden mit dem berühmten Spruche begann: „Das Wasser aber ist das Beste,“ so zeigt ein Blick auf die Erdkugel, von wie richtiger Erkenntnis dieser wie jene dabei geleitet wurden. —

Alle alten und jungen Kulturländer der Welt haben unfern des Wassers gelegen. Von China über Indien nach Persien, Arabien, Ägypten und Europa bilden sie einen langen Gürtel von meerumschlungenen Halbinseln. Im tieferen Innern der großen Continental-Massen, fern von dem munteren Anhauche der See, außerhalb des Bereichs ihrer befruchtenden Wolken und Wellen, abseits von den schiffbaren Strömen, hat nie die Kultur selbstständige Wurzeln getrieben.

Das in zahllose Landstückchen aufgelöste und stets barbarische Ozeanien, wo die Insel-Brocken mit kleinen wilden Völkerstämmen sich in der Wasser-Wüste verlieren, beweist zwar, dass es auch in Hinsicht auf Wasser des Guten zu viel geben könne.

Es scheint, dass bei der Vermählung zwischen Festland und Flüssigem beide wie Eheleute mit etwas gleichartiger Kraft sich gegenüber stehen müssen. Im Umkreise der unermesslichen Ozeane, wo Gaea wie eine Zwergin lebt, sieht es eben so unheimlich ans, wie im Innern grenzenloser Ländermassen, zu denen Neptuns elekrischer Dreizack nicht hinaufreicht.

In keinem Weltteile aber ist das Flüssige und Feste so günstig und vorteilhaft gegen einander abgewogen, wie in Europa.

Auf drei Seiten vom Salzwasser umspült, wird es von breiten Meerbusen in eine Menge kräftig entwickelter Länder zerschnitten. Es ist, so zu sagen, aus lauter großen Halbinseln zusammengesetzt. Es hat einen sehr zierlichen und doch kompakten Gliederbau, eine schlanke wohl proportionierte Gestalt, mit deutlich entwickeltem Kopfe, wohlgeformter Brust, knapper Taille und stark gebildeten Armen.

Mit Recht hat man daher Europas Physiognomie der menschlichen Figur verglichen und seinen Namen von dem einer göttlichen Jungfrau entlehnt, als ob die Natur selbst schon die hohe Bestimmung dieser Weltpartie vorbildend habe andeuten, als ob sie habe sagen wollen: Du sollst der lebendigste sein unter den Welt teilen, die Königin der Erde!

Die anderen Kontinente Asien, Afrika etc. erscheinen im Vergleich mit unserem Europa als breite, plumpe ungeschlachte Massen, die man nie mit menschlicher Figur, höchstens, wie die indischen Sagen es bei Asien taten, mit den Gehäusen mächtiger Schildkröten, oder mit auf dem Welt-Ozean schwimmenden riesigen Pflanzenblättern verglichen hat.

Die glatten, kühlen, salzigen, länderverknüpfenden Wogen, in denen Europa sich badet, umspülen der Jungfrau in Spanien und Frankreich das Haupt und die Brust, sie kräftigen in England und Italien ihre nervigen Arme. Sogar tief im Schwarzen Meere und nordwärts im Weißen netzen sie ihr den Fuß, und gleich wie die Liebesgöttin geht sie munterer, gesunder und schöner aus diesem Bade hervor.

Der Altvater Ozean, in dessen Schoße Europa liegt, hat, so beweglich er ist, doch einen gewissen Gleichmut als Grundstimmung seines Charakters. Da er unähnlich der leidenschaftlichen Fran Gaea nicht leicht von der Sonne erhitzt wird, und selbst im Winter auch noch einen Rest von Wärme im Blute bewahrt, so mäßigt er überall, wo er nahe hinzutritt. Er bricht den Pfeilen des südlichen Sonnengottes die Spitzen ab, und zugleich schmeidigt sein milder Anhauch die steifen Glieder des nordischen Boreas.

In Europa tut er dies in Folge einer ganz besonderen Gunst zusammentreffender und exzeptioneller Umstände mehr als in irgend einer andern Erd-Partie. —

Unser Erdteil kehrt nämlich sein Angesicht jener merkwürdigen ozeanischen Strömung zu, die als ein heißer Fluss unter dem Namen Golfstrom aus dem Meerbusen von Mexiko hervorbricht und, von Amerikas Küsten zurückgeworfen, als ein sanft gewärmter Strom aus südwestlicher Richtung sich zu uns heranbewegt.

[Aus dem Kapitel: Europa]
Kohl, Johann Georg (1808-1878) deutscher Reiseschriftsteller und Bibliothekar in Bremen

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000 Die Völker Europas

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003 Die Araber und Mauren

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011 Die Polen

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032 Die Deutschen

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