Die Vietings-Höhle im Sonnenberge bei Parchim

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 1
Autor: Gesammelt und herausgegeben von M. Dr. A. Niederhöffer, Erscheinungsjahr: 1858
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage,
Eine besondere Eigentümlichkeit des Sagenkreises ist es, dass man oft ein und dieselbe Sage in verschiedenen Gegenden ähnlich wiederholt findet; es ist dies z. B. auch mit der von der Papedönken-Kuhle im Ratzeburgischen und der von der Vietings-Höhle bei Parchim der Fall.

Da ich nun sämtliche vaterländischen Sagen, insoweit sie sich bis jetzt noch erhalten haben, herauszugeben beabsichtige, so nehme ich auch keinen Anstand, die Sage von der Vietings-Höhle, trotz ihrer großen Ähnlichkeit mit der bereits auf Seite 63 und 64 mitgeteilten, ebenfalls meiner Sammlung einzuverleiben und dieselbe somit nachstehend, wie sie noch heute im Munde des Volkes fortlebt, zu erzählen.

Zu den ausgedehnten und reichen Kämmerei-Besitzungen der Vorderstadt Parchim gehört auch der sogenannte Sonnenberg, eine große, schöne Waldung mit vielem, herrlichen Laubholze, worunter gewiss so manch' ehrwürdiger Eichbaum schon ein Alter von Jahrhunderten zählen mag. In alten Zeiten, wo das Holz weniger rar war, als heutigen Tages, standen auch im Sonnenberge die Bäume viel enger, ja auf manchen Stellen so dicht beisammen, dass man gar nicht hindurch dringen konnte. — Die Art des Holzhauers hatte den Sonnenberg damals noch nicht so gelichtet und verkleinert, wie es jetzt der Fall ist. —

An einer solchen dichtverwachsenen, undurchdringlichen Stelle, nicht weit von der durch den Wald führenden Landstraße, hatte sich vor vielen, vielen Jahren, am Fuße eines kleinen Hügels, ein Räuber und Mörder Namens Vieting eine Höhle gegraben, von wo aus er unentdeckt die ganze Umgegend belästigte und unsicher machte. Trotz allen Nachstellungen und sonstigen Versuchen wollte es immer nicht gelingen, sich des Vietings zu bemächtigen; derselbe war zu schlau und verwegen, wusste seine Verfolger zu sehr zu hintergehen und zu täuschen und so trieb er denn Jahrelang, zum Schrecken aller Leute, sein schändliches Handwerk ungestört weiter. Alle Reisenden, deren Weg bei Tag oder Nacht durch den Sonnenberg an Vietings Versteck vorbeiführte, wurden von ihm meuchlings überfallen, getötet und beraubt. Selten nur entkam ihm einer, denn von der Höhle ging eine Schnur quer über die nahe Landstraße, die aber so versteckt war, dass sie Niemand sehen konnte. Kam nun Jemand durch den Weg, so berührte er auch jedesmal die Schnur, die dann sofort eine in der Höhle befindliche Klingel in Bewegung setzte und somit dem Schändlichen anzeigte, dass es Zeit und Gelegenheit zum Rauben und Morden sei. Leise schlich er dann hervor und stürzte sich plötzlich gleich einer gierigen Tigerkatze auf seine Beute. Doch der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht, und so sollte es auch endlich durch Gottes weise Fügungen dem Vieting ergehen.

Eines Tages als Vieting gemächlich in seiner Höhle lag und grade sein Mittagsschläfchen verträumte, klingelte es plötzlich wieder einmal. Vieting richtete sich sogleich auf, griff nach seinen ihm zur Seite stehenden Mordwerkzeugen und schlich sich leise an den nahen Weg. Hier sah er, hinter dichtem Gestrüppe verborgen lauernd, wie ein junges Mädchen, mit Heller, jugendlicher Stimme ein Liedchen singend, daher gewandelt kam. Schon hatte er angelegt, um die einsam Wandernde niederzuschießen und sie dann darnach zu berauben; schon zielte er mit scharfem Auge und war schon im Begriff auf sein sicheres Opfer abzudrücken, als er sich mit einem Male eines Anderen besann und sein Gewehr sinken ließ. Das Mädchen war so jung und schön, so heiter und harmlos schritt sie einher, und vielleicht zum ersten Male in seinem Leben regte sich ein menschliches Gefühl in seiner Brust. Er war hingerissen von ihrer Anmut und Schönheit, ihre herrliche, kräftige Gestalt reizte ihn, ihre Jugend erweckte sein Mitleid, er konnte sie nicht töten, und ein Gedanke war's, der sein ganzes Wesen durchzuckte. „Die muss ich lebendig haben, die muss mein werden!" rief er laut aus; schnell brach er durch das Gebüsch und stand auch schon gleich darauf vor der Erschrockenen, die in ihrer Überraschung und Bestürzung an kein Entfliehen dachte.

Vieting nahm das zitternde, arme Mädchen — Hanna genannt, — mit sich nach seiner Höhle. Sie musste bei ihm bleiben, sein Weib werden, ihm Essen kochen, kurz seinen ganzen Haushalt führen und besorgen. Trotz ihres anfänglichen Wiederstrebens musste sie sich doch endlich ergeben und in ihr Schicksal fügen. Obgleich nun auch der Räuber wohl recht gut gegen seine Gefangene war, ja sie sogar mit Güte und Zuvorkommenheit behandelte, so setzte er doch, ungeachtet ihrer vielen Bitten und Vorstellungen, noch immer sein schändliches Gewerbe, das Rauben und Morden nach alter Weise fort. Dies ekelte die arme Hanna zu sehr an, war ihr zu sehr zuwider und deshalb war auch ihr ganzes Sinnen und Trachten nur darauf gerichtet, sich aus der ihr verhassten Umgebung und Lage zu befreien. Dem Vieting durfte die Bedauernswürdige hiervon natürlich nicht das Geringste merken lassen, da er sie, trotz seiner sonstigen Nachsicht, doch stets mit misstrauischem Auge beobachtete und bewachte. Deshalb musste sie ihre Zuflucht zur Verstellungskunst nehmen und dem Vieting den Glauben beizubringen suchen, dass sie recht gerne bei ihm weile, dass ihr die jetzige Lage nicht zuwider sei etc. und dies gelang ihr denn auch nach und nach immer mehr.

Ist's auch sonst wohl nicht recht und ehrenhaft einen Menschen zu täuschen, so blieb doch der armen Hanna gegen diesen Bösewicht nichts anderes zu tun übrig, so schwer es ihr auch immer wurde, so viel Überwindung es ihr auch kostete. Und Gott, an den sie sich oft und viel, wenn sie allein war, im Gebete wendete, gab ihr die Kraft und Ausdauer hierzu und so gelang es ihr mit des Höchsten Hülfe, durch ihr scheinbar ergebenes Wesen, durch ihr aufmerksames Benehmen gegen den schändlichen Vieting, sich zugleich auch noch dessen Vertrauen zu erwerben, was sich mit der Zeit so steigerte, dass sie, als Vieting eines Tages grade in besonders guter Laune war, ihn zu bitten wagte, sie doch einmal nach Parchim gehen zu lassen. Sie habe dort, wie sie ihm sagte, verschiedene notwendige Einkäufe für die Wirtschaft zu machen, und wolle dann zugleich auch ihre alten Eltern besuchen. Vietings Vertrauen war jetzt schon so groß zur Hanna, dass er ihr sofort diese Bitte gewährte. Aber wie erschrak die Arme, als er hinzufügte, dass er sie nur unter der Bedingung ziehen lassen könne, wenn sie ihm nicht zuvor auf das Heiligste zuschwören wolle: zu keinem Menschen auch nur eine Silbe davon zu sagen, wo sie so lange gewesen und sich bis jetzt aufgehalten habe; kurz ihr ganzes Verhältnis mit und zu ihm gegen Jedermann zu verschweigen und dann spätestens am dritten Tage wieder nach der Höhle zurück zu kehren. Hanna gehorchte und schwur mit schwerem Herzen den ihr abverlangten Eid. — Sie hatte gehofft, dass Vieting so etwas nicht begehren würde und dann wäre sie auch niemals wiedergekommen; doch jetzt konnte sie an kein Fortbleiben mehr denken, sie musste wiederkehren, sie hatte es ja geschworen! Der Schwur war ihr zu heilig, den durfte und konnte sie doch niemals brechen, auch jetzt nicht, wo er ihr von einem Verbrecher, von einem Raubmörder abgezwungen war! —

Am nächsten Tage, früh Morgens verließ Hanna die Höhle. Zwei Jahre waren fast schon verflossen, seitdem sie dort von Vieting gefangen gehalten wurde. Oh wie klopfte ihr das Herz, als sie aus der Ferne den lieben Heimatort erblickte, mit welchen Gefühlen schritt sie bald darnach, durch das sogenannte „neue Tor", in die Vaterstadt hinein. Freude, aber auch Schmerz zersprengten ihr fast die Brust. Sie sollte ihre alten Eltern, alle ihre Lieben jetzt wiedersehen; so lange, lange schon hatte sie sich darnach gesehnt. Aber ach, sie musste sie alle die Teuren so bald schon wieder verlassen und dann wieder zurück in die Einsamkeit, wieder zurück kehren nach der Höhle, zu dem verhassten Manne. —

Nur zu schnell schwanden die schönen Stunden dahin, die Hanna in Parchim bei den Ihrigen verweilen durfte und mit Entsetzen dachte sie an ihre nahe Rückreise. Beharrlich hatte sie während ihres Dortseins auf alle Fragen über ihr Ergehen, ihren Aufenthalt etc. geschwiegen, und als man sie immer mehr mit Bitten und Fragen bestürmte, rief sie endlich verzweifelt aus: „Oh ich habe einen schrecklichen Eid geschworen, der meiner Zunge Schweigen gebietet!" Darnach drang man auch nicht weiter in sie, denn Alle respektierten und ehrten die Unverbrüchlichkeit des Schwures!

Als Hanna nun am Nachmittage des dritten Tages das traute Vaterhaus verließ, ach verlassen musste, da begleiteten sie noch eine Strecke Weges ihre betrübten, alten Eltern und einige gute Freunde. Rührend, ja herzzerreißend war der Abschied von ihnen. — Und als nun darauf die Arme wieder so allein und verlassen dastand, sank sie übermannt vom tiefsten Kummer und Schmerz schluchzend auf einen Stein. Laut klagte sie diesem ihr hartes Leid. — Ach einem Menschen durfte sie nicht ihr Herz ausschütten, einem solchen durfte sie nicht sagen, was ihr fast die Seele zerriss, das hatte sie ja Vieting heilig zuschwören müssen. Einem Steine aber konnte sie es klagen, kein Schwur band sie hieran. Und so rief sie denn jammernd aus: „Lieber Stein, Dir klage ich's, was Vieting so manchen Menschen tut, und so Du mir willst nachspüren, können Dich diese ausgesprengten Erbsen dahin bringen!" Darnach erhob sie sich und ging mit wankenden Schritten, immer einige von den für Vietings Wirtschaft eingekauften Erbsen vor sich hin in den Weg streuend, wieder zurück nach dem Sonnenberge, in das Versteck ihres Gebieters.

Die Klagen der Unglücklichen sollten aber nicht ungehört verhallen; der liebe Gott hatte es so gefügt, dass sie von einem gerade vorbei gehenden parchimschen Einwohner, den Hanna nicht bemerkt hatte, mit angehört worden waren. Dieser machte nun alsbald der Obrigkeit Anzeige von dem eben Vernommenen, die denn auch sofort Mannschaften aufbot und den durch die Erbsen bezeichneten Weg verfolgen ließ. Noch in derselben Nacht wurde die Räuberhöhle umzingelt, Vieting gefangen genommen und Hanna befreit.

Im Triumphe brachte man den argen Raubmörder und die von ihm gefangen gehaltene Dulderin nach Parchim. Während man Vieting in den finsteren Kerker warf, führte man die jetzt so glückliche Hanna in die Arme ihrer alten, vor Freude und Dank weinenden Eltern, denen so für immer die liebe Tochter wieder zurück gegeben wurde.

Welche Freude alle guten Leute über dies glückliche Ereignis empfanden, kann sich gewiss Jeder denken, und deshalb lobten und dankten auch Alle Gott für Seine Güte und wunderbaren Fügungen. Aber auch der Hanna vergaß man nicht; betrachtete man sie doch als die eigentliche Befreierin von einer so großen, wahren Landplage, als das Werkzeug Gottes, wodurch es möglich geworden war, eines mit Recht so allgemein gefürchteten und verhassten Menschen habhaft zu werden. Jedermann dankte ihr dafür und pries ihr mutiges Ausharren und Dulden, und von allen Seiten bestrebte man sich, ihr durch allerlei Aufmerksamkeiten, Liebesdienste oder Geschenke das gehabte Leid zu vergelten und vergessen zu machen.

Einige Tage später strömte Alles mit frohen Gesichtern auf den Parchim’schen Marktplatz, wo Vieting öffentlich durch das Beil gerichtet wurde. Unter allgemeinem Jubel und Hurrahrufen fiel das Haupt des schändlichen Bösewichts, dessen ferneren Rauben und Morden ja nun für immer ein Ziel gesetzt war.

Von dieser Zeit an war es wieder sicher im Sonnenberge und Jeder konnte ihn nun wieder ohne Furcht und Angst betreten.

Die Vietingshöhle existiert noch jetzt; im Sonnenberge, zwischen dem Parchim’schen Brunnen und dem Dorfe Kiekindemark ist sie zu finden. Wohl fast Jedermann in Parchim und dortiger Umgegend kennt den Ort und weiß zugleich auch die Sage vom Raubmörder Vieting zu erzählen.

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Mecklenburgs Volkssagen - Band 1

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Parchim, Wockertal

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Parchim, zur Markower Mühle

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Parchim, St. Georgen-Kirche

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Parchim, Rathaus

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Parchim, Wasserberg

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