Die Vernichtung des Sonnengottes Parchun*) im Sonnenberge bei Parchim.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 4
Autor: Von Rud. Samm., Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Heinrich der Löwe, Parchim, Wenden, Heiden, Christentum
Schon vor achthundert langen Jahren
Ward hier im Land das Christentum,
Mit vielen Mühen und Gefahren,
Einst eingeführt zu Gottes Ruhm.
Allein es sollt nicht lange währen
Mit diesem einzig wahren Glück,
Denn zu den heidnischen Altären
Kehrt schnell der Wenden Volk zurück.**)

*) Der wendische Sonnengott Parchum oder Parcun stand, wie die Sage erhellt, im Sonnenberge bei Parchim und soll, außer einer goldenen Strahlenkrone um das Haupt, auf das Reichste mit Gold verziert gewesen sein. Parchim leitet wahrscheinlich von ihm seinen Namen ab.

**) Das Christentum fand bei den Wenden in der Mitte des elften Jahrhunderts einigen Eingang, doch nur auf kurze Zeit; denn sie kehrten wieder zu ihrem alten Götzendienst zurück, bis Heinrich der Löwe, Herzog von Sachsen und Bayern, 1161 dieses Land eroberte und die christliche Religion gründlich einführte. — Siehe auch Anmerkung 1 Seite 207 und 208 zweiten Bandes. —


Die Götzen, deren Macht vernichtet,
Und die schon lagen in dem Staub,
Sie werden wieder aufgerichtet
Und frisch bekränzt mit grünem Laub.
Um sie herum, in weiter Runde,
Tanzt wiederum im tollen Kreis
Das Volk, aus seinem Lästermunde
Ertönt der alten Götter Preis.

Und rings herum im ganzen Lande
Ist bald das Christentum verpönt,
Man spricht davon nur noch mit Schande,
Nur noch, wenn man es frech verhöhnt.
Auch manche neue Bilder werden
Gebaut, geschmückt mit goldner Zier,
Erheben sie sich auf der Erden,
Als wären sie des Volks Panier.

So sieht man auch zu der Zeit prangen
Ein hohes, großes Götzenbild,
Behangt mit blanken, goldnen Spangen,
Aus lauterm Gold der schwere Schild,
Dort auf dem grünen Sonnenberge, *)
Der sich vor Parchims Tor erhebt,
Dort steht das prächtigste der Werke,
Von dem nur noch die Sage lebt.

*) Auch sein Name stammt von dem Sonnengott her.

Denn, was gemacht durch Menschenhände,
Muss doch dereinst zu Grunde gehn,
Und nur in Ewigkeit, ohn' Ende,
Wird Gottes Wort allein bestehn. —
Schon naht schnellfüßig das Verderben
Dem Sonnengott im Buchenwald;
Er kann sich nicht einmal verbergen
Vor einer feindlichen Gewalt.

Soeben ist die Burg*) im Sturme
Genommen, die am Berge steht,
Und von dem hohen, festen Turme
Des Kreuzes Siegesfahne weht.
Hell leuchtet an dem Himmelsbogen
Verbrannter Hütten Feuersglut,
Der nahen Elde blaue Wogen
Sind rot gefärbt mit Menschenblut.

Heinrichs des Löwen**) tapfrer Haufe
Vernichtet den in Glaubenswut,
Der nicht bereit ist zu der Taufe
Der Christen in des Wassers Flut.
Wer nicht verkünden will den Namen
Des', der die Sünde einst bezwang,
Dem bringen sie, ja seinem Samen,
Durch's Schwert den blut'gen Untergang,

*) Nach einer kaiserlichen Urkunde vom Jahre 1170 muss in der Nähe der jetzigen Stadt Parchim, — etwa am Fuße des Sonnenberges an der Elde, weil die Wenden in Sümpfen und Wiesen zu bauen pflegten, um ihre Wohnplätze im Falle der Roth unter Wasser setzen zu können — eine wendische Burg Parchum oder Parcun gestanden haben.

**) Heinrich, Herzog von Sachsen und Bayern.


Was jetzt noch atmet von der Rotte
Der Heiden flieht zum Buchenhain
Und sucht dort bei dem Sonnengotte,
Bei ihm das Heil nur noch allein;
Zu ihm erhebt sich ihre Stimme
In dieser äußersten Gefahr,
Dass er zermalmen mög' im Grimme
Der Christen ganze, mächt'ge Schaar.

Und als sie nicht erfüllet sehen,
Was sie gewünscht von ihrem Gott,
Verwandelt sich ihr angstvoll Flehen
Zuletzt in frechen, bittern Spott:
„Wenn unsrer Brüder Schilde brechen,
Wo, Parchum, bleibt zum Schutz
Dein Schild? Und willst Du nicht die Toten rächen,
Was frommst Du uns als totes Bild?"

Die Kühnsten treten aus dem Schwarme
Hervor und legen dreist die Hand
An ihren Götzen, kräft'ge Arme
Umklammern seinen hohen Stand;
Und unter Dröhnen, unter Krachen
Wankt selbst das bindende Metall —
Doch sieh! es öffnet sich ein Rachen
Des Berges weit mit mächt'gem Schall.

Und aus des Orkus*) tiefem Schlunde
Steigt eine rote Flammenglut,
Beleckt das Bild mit gier'gem Munde
Und reißt es in des Feuers Flut.
Dann schließen sich der Öffnung Wände,
Und still ist's wieder ringsumher;
Erloschen sind der Flammen Brände,
Als wären sie getaucht ins Meer.

Der Haufe aber steht daneben
Versteinert, sprachlos und erbleicht,
Es scheint aus ihm entflohn das Leben,
Denn Alles lauscht und Alles schweigt.
Dann aber hört man laut erschallen:
„Heil Dir, Du Gott der Christenheit,
Du bist der Mächtigste von Allen,
Dir weihn wir uns für alle Zeit!"

*) Unterwelt.
Heinrich der Löwe - aus Simrock:

Heinrich der Löwe - aus Simrock: "Die deutschen Volksbücher" 1845

Heinrich der Löwe (1) - aus Simrock:

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