Die Vampyre in Kassuben.

Aus: Die Volkssagen von Pommern und Rügen
Autor: Gesammelt von Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller, Erscheinungsjahr: 1840
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Pommern, Kassuben
Im Lande Kassuben hat es sich, selbst vor nicht gar langer Zeit, zugetragen, dass zuweilen Kinder mit einer ganz feinen Kopfbedeckung, wie ein zartes Mützchen, auf die Welt gekommen sind. Das werden sehr gefährliche Menschen, wenn sie gestorben und begraben sind. Man muss ihnen daher das Mützchen abnehmen, und es trocknen und sorgfältig aufbewahren. Und bevor nun die Mutter nach ihren Sechswochen zur Kirche und zum Opfer geht, muss sie es verbrennen, dass es zu Pulver kann gerieben werden. Dieses Pulver muss sie dann mit Muttermilch dem Kinde eingeben.
Stirbt nämlich ein solcher mit der Mütze geborener Mensch, bevor er auf diese Weise die Mütze selbst wieder aufgegessen hat, so entsteht daraus das schrecklichste Unglück. Er richtet sich im Grabe wieder auf, und verzehrt zuerst alles Fleisch von seinen eigenen Händen und Füßen, samt dem Sterbehemde, das er mit in den Sarg bekommen hat. Dann steigt er aus dem Grabe heraus und verzehrt nun die Lebenden. Zuerst sterben seine nächsten Anverwandten, darauf die entfernteren, Einer nach dem Andern. Wenn er keine Verwandtschaft mehr hat, dann macht er sich an die Kirchenglocken in seinem Dorfe; die läutet er des Nachts, und nun muss Alles sterben, so weit der Schall der Glocken reicht, Jung und Alt, Groß und Klein.

Gegen dieses Elend gibt es alsdann nur Ein Mittel: man muss den Toten wieder aufgraben, und ihm mit einem Kirchhofsspaten den Kopf abstechen. Dann hört die Gefräßigkeit auf.

Pommersche Prov. Blätter von Haken, III. S. 421 folg.
Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller

Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller