Die Teufelsbrücke über den Galenbecker See unweit Friedland in Mecklenburg-Strelitz

Aus: Mecklenburgische Sagen
Autor: Studemund, Friedrich (1784-1857) Pastor an der Nikolaikirche in Schwerin, Erscheinungsjahr: 1848
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg, Sagen, Galenbecker See, Galenbeck, Teufelsbrücke
Wenige Schritte nur hinter dem Dorfe Galenbeck stießt der See gleiches Namens in mäßiger Breite zwischen Wiesenflächen und dem mit Gartenfrüchten bebauten Uferlande hin, bis sich der Flusspfad um eine Anhöhe krümmt, welche ihn den Blicken des Wanderers entzieht. Obwohl die Heide, durch welche der Weg nun geht, jetzt ziemlich licht ist, so lässt sie doch nur an einzelnen Stellen die bläulichen Wogen durchschimmern, und so gewährt es wirklich einen überraschenden Anblick, mit einem Male ins Freie tretend, den See in seiner höchsten Breite, die hier gegen 200 Fuß beträgt, vor sich liegen zu sehen. Gegenüber schimmert das dunkle Laub einer kleinen, dichtbewachsenen Halbinsel, und zu ihr strebt die Richtung der sogenannten Teufelsbrücke, welchen Namen ein hier von der Natur gebildeter Knüppeldamm führt. Ungeheure Baumstämme scheinen durch gewaltigen Sturmwind entwurzelt und in den See geschleudert zu sein; durch große Stein- und Erdmassen unterstützt und verbunden, bilden sie eine feste und bequeme Brücke, welche über 500 Fuß lang und von nicht unbeträchtlicher Breite ist. Wenn man die kleine Insel betritt, so fallen gerade, der Brücke gegenüber, mehrere mit dichtem Moose überzogene Baumstubben von ungeheurem Umfange in die Augen, welche in wilder Verwirrung durch einander geworfen zu sein scheinen, während rechts ein Fußsteig zu einer halb verwitterten Trümmer leitet, welche ehemals eine Kapelle gewesen sein soll.

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Vor langen Jahren, noch zu den Zeiten, wo rings im Lande Alles katholisch war, hat in dem Dorfe Galenbeck ein Bauer gelebt, der Christoph Petzkow geheißen und ein gar wüster Geselle gewesen ist. In lustiger Prasserei vertat der wilde Toffel gar viel des Seinen und kehrte sich dabei wenig an die Ermahnungen seiner hochbetagten Mutter, dass es schier übel um Haus und Hof, wie um die alte Frau ausgesehen haben würde, wenn sich nicht eine treue Dienstmagd, Katharina Noinewskow mit Namen, ihrer angenommen, alles nach besten Kräften zusammen gehalten und besonders des lieben Viehes mit treuer Sorgfalt gewartet hätte. Viele junge Bursche, die das Bezeigen der Magd gegen ihre Dienstherrschaft gewahrten, und wie sie eine schmucke Dirne war, der alles unter den Händen gedieh, begehrten sie zur Ehe; doch wollte das Mädchen vom Gehöfte nicht weichen und wies alle Freier von der Hand. Die arme Catharina gedachte nämlich noch immer der Zeiten, wo Christoph ihr, ehe er unter den Kriegsknechten verwildert, in herzlicher Liebe zugetan war, und wie in ihrer Gesinnung sich nichts verändert hatte, so glaubte sie ihm und seinem Hause auch jetzt noch die Treue schuldig zu sein, die sie ihm damals gelobt, und dass er gerade bei seiner Ruchlosigkeit eines sorglichen Auges am meisten bedürfe. Auf seine Weise hatte sie der wilde Mensch noch immer lieb; da sie ihm jedoch seine Frechheit oftmals verwies, höhnte und kränkte er sie mannigfach. So trieb er auch jeden Morgen seine Herde nach dieser Insel, streckte sich, während das Vieh umher weidete, gähnend unter einen Baum, aß, zechte, trieb mit den Mädchen, die zum Gras schneiden hierher kamen, Catharinen zum Schur, allerlei Narrenstreiche, und ließ die Wirtschaft im Felde gehen, wie sie wollte; haderte aber alle Morgen mit dem lieben Gott, dass er ihn durch den See zu einem so großen Umwege zwinge und nur in des Angesichts bitterem Schweiße sein Brot zu essen gebe. Als mit solchem Ausruf sich eines Tages er in das hohe Gras gelagert, trabte ein stattlicher Reiter des Weges, der ein hochrotes, goldgesticktes Kleid und eine Hahnenfeder auf dem Hute trug, und befragte ihn um den Weg zum Dorfe. Gähnend wies der Faulbauch über den See, sprechend: „Da müsst Ihr hinauskommen, und wäre der Weg durch die Heide nicht weiter, konnte es sein, dass ich mit Euch ginge.“ — „Du bist ein Gesell, wie ich sie gerne mag“, entgegnete der Fremde mit Lachen, „und zögest auch wohl mit, wenn ich wie hier, so überall dir eine bequeme Brücke schlüge?“ — „Wahrhaftig, ich mein’s“, spottete Christoph zurück: „wenn ich bis dahin nicht alt und grau geworden.“ — „Ist’s dir so eilig, mein Bursche?“ fragte höhnisch der Rotrock. „Ich bin ein schneller Baumeister, vom Mondes-Aufgang bis der Hahnenruf schallt und die Kreatur schnatternd und grunzend ihr Morgenlied singt, soll das Werk vollendet sein.“ — „Gebt ihr nur die gehörige Breite“, erwiderte Petzkow, „ich aber will jetzt eins ausschlafen, dass ich Euch fein munter über die Brücke folgen mag, wenn Ihr den Wunderbau vollführt.“ Somit legte sich der Faullenzer auf die andere Seite; der Reiter aber rief grinsend: „es ist ein Wort!“ und jagte davon, dass der Staub in dichten Wolken hinter ihm aufwirbelte. Heiße Glutt umwehte den Trägen; die Sonne sticht heiß, dachte er, doch wunderlich war ihm zu Sinne, und nicht gelang es ihm, die Mittagshitze wie sonst zu verschlafen. Nachdenklich trieb er am Abend heim und blieb wider Gewohnheit aus der Schenke zurück. Ein Gewitter, das schon lange am Himmel gestanden, zog jetzt finster drohend vom See her; Petzkow fühlte sich schwer beklommen, er ging in seine Kammer und versuchte halb vergessene Gebete zu stammeln; aber alle Gedanken waren verwirrt, und von seltsamem Grauen erfasst, warf er sich endlich aufs Lager und barg das Gesicht tief unter die Decke. Doch ob er die geschlossenen Augen noch so fest verhüllte, sein Ohr konnte er dem furchtbar rollenden Donner nicht verstopfen, und das Auge der Seele ließ sich nicht schließen. Im Geist zum Ufer des Sees entrückt, sah er Blitz auf Blitz durch die rabenschwarze Nacht flammen, und gewahrte bei seinem zuckenden Leuchten den Rotrock auf der Höhe haltend, um ihn viele hundert Gesellen, angetan gleich ihm, doch zur Arbeit geschürzt, und beschäftigt, seine Winke zu vollstrecken. Unter grässlichem Gelächter rissen Einige ungeheure Bäume aus der Erde, die Andere in den See schleuderten, während Viele gewaltige Stein- und Erdmassen herbeiwälzten, womit noch Andere die Baumstämme stützten und verbanden. Mit immer höher klopfendem Herzen sah Christoph das grausige Werk fördern, näher und näher rückte die Brücke dem jenseitigen Ufer, in Todesangst sprang er endlich vom Lager und flüchtete entgeistert zu Catharinens Kammer. Wach, im eifrigsten Gebet, fand er die fromme Magd; kaum aber hatte sie seine stammelnde Erzählung vernommen, als sie dem Geängstigten hieß, sich im brünstigen Gebet zum Herrn zu kehren; sie selbst bezeichnete sich mit dem heiligen Kreuze, befahl Gott Leib und Seele und trat alsbald getrosten Mutes in die stürmische Nacht.

Nicht Finsternis, nicht Unwetter achtend, lief die wackere Dirne zu den Ställen, störte das Geflügel auf, rief den Kühen mit Namen und ahmte dabei mit täuschenden Lauten dem Hahnenruf nach. Als das Vieh die Stimme seiner Pflegerin vernahm, säumte es nicht, mit Blöcken und Brüllen wie mit schnatterndem Geschrei zu antworten, besonders aber war der Hühner-Papa zu krähen emsig, dass die Hähne des Dorfs, als hätten sie schon viel versäumt, eifrig mit einstimmten, und es nun auf allen Gehöften lebendig ward, als ob der Morgen tagte. Wie die kecke Magd also eine Zeitlang ihr Wesen gehabt, verhallten nach und nach die Donner, der Sturmwind legte sich, und dem zagenden Christoph war es, als entweiche der Rotrock samt der Schaar seiner Unholde auf garstigem Qualm in die Lüfte. Als aber die Sonne wieder am Himmel stand, staunte das ganze Dorf nach dem beinah vollendeten Damm über dem See. Im einsamen Kämmerlein dankte Catharine für die Rettung des Geliebten; denn Christoph hielt fortan sich zum Herrn und dessen Geboten. Zu seiner Bußübung hat er jedoch in brennender Mittagshitze alle Steine auf dem Rücken nach der Insel getragen, die zu dem Bethäuslein von Nöten, welches er auf der Stelle erbauen lassen, wo ihm der Rotrock erschienen. Darein hat er einen frommen Waldbruder gesetzt, und obwohl seine ganze Habe darüber aufgegangen, hat er’s doch mit aller Freude getan, weshalb ihn auch Gott wiederum mit seinem Frieden erquickt und ihm in der wackeren Catharine ein braves Weib bescheret hat. Diese hat ihm, als der Bau der Kapelle vollführt, dort ihre Hand am Altare gegeben, und Gottes reicher Segen sie beide während ihres Ehestandes begleitet.
Galenbeck, Burgruine

Galenbeck, Burgruine

Galenbecker See 2

Galenbecker See 2

Galenbecker See

Galenbecker See