Die Teufelsbrücke im Gahlenbecker See bei Friedland.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 3
Autor: Gesammelt und herausgegeben von M. Dr. A. Niederhöffer, Erscheinungsjahr: 1860
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Friedland, Gahlenbeck, Schäfer, Galenbecker See,
Südöstlich von Friedland liegt an dem über eine halbe Meile langen Gahlenbecker See der gleichnamige, große Hof Gahlenbeck.*) Von dem jenseitigen Ufer dieses Sees, das aus unabsehbaren Wiesenflächen besteht, erstreckt sich eine höchst wahrscheinlich künstlich hergestellte Landzunge bis etwa zur Mitte in denselben hinein, welche man allgemein die Teufelsbrücke nennt.

Nach einer alten Sage soll diese Landzunge auch wirklich der Rest eines Dammes oder einer Brücke sein, die der Teufel einmal durch den ganzen Gahlenbecker See bauen wollte. Über die Veranlassung zu einem solchen Baue erzählt man sich Folgendes:

In uralten Zeiten wohnte ein Schäfer zu Gahlenbeck, der sich kümmerlich von dem Ertrage seiner Herde ernährte; denn die Weide war mager, seine Schafe konnten darauf nicht gedeihen und ihm deshalb auch nur wenig einbringen. Mit sehnsüchtigen Blicken hatte der Schäfer schon oft nach dem gegenüberliegenden Ufer des Sees geschaut und sich gewünscht, dort auf dem fetten Wiesengrunde seine Herde immer weiden zu können; aber leider durfte er an die Ausführung seines frommen Wunsches nicht denken, da es viel zu weit war, täglich den zwischen ihm und den herrlichen Wiesen liegenden See mit seinen Schafen zu umtreiben.

*) Das Herrenhaus, noch jetzt von einem breiten Wallgraben umgeben, liegt auf der Stelle, wo sich früher die alte feste und berühmte Burg Gahlenbeck erhob, von welcher noch manche Überbleibsel und Ruinen erhalten sind. Schon 1383 wird das altadelige Geschlecht der von Rieben als Besitzer Gahlenbecks genannt, dem dasselbe auch jetzt noch gehört und als Wohnsitz dient.

Als unser Schäfer eines Abends wieder mit seiner hungrigen Herde von der kärglichen Weide nach Hause zurückkehrte, und unterwegs seine Blicke auf das jenseitige Ufer mit seinem üppigen Graswuchse fielen, da rief er ärgerlich aus: „Ja, so wollte ich doch was drum geben, wenn mir der Teufel eine Brücke über den See bauen wollte!"

In derselben Nacht erschien nun auch wirklich der Böse vor des Schäfers Bett, und machte ihm mit schönen Worten und unter allerlei Kratzfüßen den Vorschlag, noch in derselben Rächt eine Brücke über den See zu bauen, wenn er ihm dafür seine Seele verschreiben wolle.

Der Schäfer aber wollte nicht hierauf eingehen, sondern bat vielmehr den Teufel, sich zu entfernen und ihn in Ruhe zu lassen. Dazu hatte dieser aber nicht die mindeste Lust, weshalb er dem Schäfer jetzt das Anerbieten machte, ihm nur für den Fall feine Seele zu verschreiben, wenn er mit dem Bau der Brücke eher fertig werte, denn der Hahn dreimal gekräht hätte.

Der Schäfer war still hierzu, und schien sich die Sache zu überlegen. Mit boshafter Freude gewahrte dies der Pferdefuß, jetzt schien es ihm Zeit, den günstigen Augenblick zu benutzen. Schnell begann er daher dem armen Manne mit den lebhaftesten Farben seine glänzende Zukunft auszumalen, wenn er sich seinem Willen fügen werde. Mit einer Geschwätzigkeit, mit einer Redefertigkeit, wie sie nur dem Teufel und bösen Menschen eigen ist, schilderte er ihm, was er dann haben werde, wenn er erst täglich drüben seine Herde weiden könne; wie dieselbe dann schnell zunehmen und sich vermehren, welcher Gewinn ihm daraus erwachsen, ja zu welchem Reichtum er dadurch gelangen werde; wie fröhlich, wie so flott und schön er dann leben könne, während er jetzt darbe und mit Not und Sorgen zu kämpfen habe etc.

Und wirklich, es gelang denn auch endlich dem schändlichen Versucher, das Herz des Schäfers zu betören und ihn dahin zu bringen, seine Seele der Hölle zu verschreiben, wenn die Brücke durch den See vorher fertig werde, ehe der Hahn dreimal gekräht.

Hierauf hatte der Teufel den Schäfer verlassen, und dieser lag nun wieder allein in seiner kleinen Kammer auf dem ärmlichen Strohlager. Er versuchte wieder einzuschlafen, aber der Schlaf floh seine Augen und allerlei böse Gedanken kamen ihm in den Sinn. Ein furchtbares Lärmen und Toben, was sich bald draußen erhob und vom See her zu ihm drang, zeigte ihm an, dass der Teufel bereits bei dem Baue begonnen habe.

Angst und bange wurde es jetzt dem Armen in seinem Bette, und eiskalt rieselte es ihm durch die Glieder, als er daran dachte, dass der Teufel doch vor Tagesanbruch, ehe die Hähne zu krähen begännen, fertig werden könne, und dass er dann für immer verloren, für immer der ewigen Verdammnis anheimgefallen sei.

Der Angstschweiß quoll dem armen Schäfer in großen Tropfen von der Stirne, als er nach einiger Zeit fein Lager verlassen und durch das Fenster hinaus nach dem See sah. Es war stockfinstere Nacht draußen, einzelne Blitze durchzuckten das dunkle Gewölk und leuchteten dem Teufel bei seiner Arbeit. Mit furchtbarer Gewalt riss er Bäume aus der Erde, und seine höllischen Geister hauten, klopften und hämmerten mit einer Geschäftigkeit, als wären tausende von Zimmerleuten versammelt. Mit Schaudern und Entsetzen sah der Schäfer, dass die Brücke schon halb fertig war, aber noch lange war es nicht Tag, noch immer wollte kein Hahn krähen.

Schon sah sich der vor Angst und Schrecken mehr tote als lebendige Hirte im Geiste in der Hölle, schon kostete seine gefolterte Seele alle die grässlichen Qualen der ewigen Verdammnis, da sank er endlich aufs Äußerste erschöpft auf seine Knie und flehte zu Gott um Beistand und Hilfe.
Und sein Gebet wurde erhöret; der Allerbarmer hatte dem Bedrängten einen Weg zu seiner Errettung gezeigt. Denn alsbald lief der Schäfer mit einem Beutel zu seinen Hühnern, machte den Hahn munter und warf ihm von dem mitgebrachten Hafer vor. Dieser, höchlich erfreut hierüber, fing sogleich an luftig zu krähen. Und als das hingestreute Futter verzehrt, und sein Herr ihm solches wiederum vorwarf, da krähte der dankbare Hahn nochmals und dann nochmals, als dies wiederholt wurde.

Der Teufel hatte da draußen bei seiner gewaltigen Arbeit den Hahnenschrei wohl vernommen, als er aber den ersten hörte, sagte er höhnisch:

        „Dat iß de Witt,
        Dat iß so vähl, als wenn de Hund . . . !“*)

denn die Brücke war nun schon über dreiviertel fertig.
Als er aber bald darnach den zweiten Hahnenruf hörte, da rief er ärgerlich:

        „Dat iß de Rohd',
        Dat geht mie dörch't Blood!"**)

*) „Das ist der Weiße – Hahn -
Das ist so viel, als wenn der Hund . . .!"
**) „Das ist der Rote,
Das geht mir durchs Blut!"


Und als nun endlich gleich darauf das dritte Gekrähe in die Ohren des Teufels drang, da brüllte er außer sich vor Wut:

        „Dat iß de Schwart,
        Dat geht mie dörch't Hart!" *)

und damit warf er Alles hin, ließ Alles stehen und liegen; denn er hatte ja nun verloren und alle Arbeit und Mühe war umsonst gewesen. Und mit großem Gepolter und Geräusch schwang er sich auf und fuhr, samt allen seinen teuflischen Geistern, in Sturmessausen durch die Lüfte dahin, zurück nach seinem fürchterlichen Höllenreiche.

Der Schäfer aber dankte Gott für seine gnädige Errettung aus den Krallen des Bösen und aß von nun an mit Demut und Zufriedenheit sein schwarzes Brot, ohne je wieder seine Blicke missgünstig nach dem jenseitigen Ufer zu richten.

Als man, so fügt die Sage zum Schlusse hinzu, nach mehreren Jahren den angefangenen und über dreiviertel fertig gewordenen Gahlenbecker Brückenbau ganz vollenden wollte und schon rüstig dabei begonnen hatte, da musste man doch bald wieder von diesem Unternehmen abstehen; denn was die Leute am Tage arbeiteten, das zerstörte der Teufel regelmäßig in der nächsten Nacht wieder.

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Also ist das Werk des Bösen, allgemein die Teufelsbrücke genannt, bis auf diesen Tag unvollendet geblieben. Immer mehr und mehr ist der Bau versunken und jetzt zwar schon so tief, dass nur noch die Hälfte von der ehemaligen Länge desselben aus dem Wasser hervorragt. Und da nun das Ganze über und über mit Rasen dicht bewachsen ist, so sieht es zur Zeit eher einer künstlichen Landzunge, als einer Brücke ähnlich.

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