Die Strafe eines Meineidigen Boitzenburg.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 3
Autor: Von N. N. zu B., Erscheinungsjahr: 1860
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sagen, Volkssagen, Boitzenburg, Meineid, Falschaussage, Bestechung, Bestechlichkeit, Korruption, Meineid
Wer die Umgebungen Boitzenburgs näher kennt, der weiß auch, dass dort in dem Weichbilde derselben, teils in den Gärten halb versteckt, teils an den Landstraßen, einzeln kleine Häuser liegen, die von den Gewerbetreibenden der Stadt, namentlich vom Schifferstande, bewohnt sind.

In einem dieser Häuser, hart am Wege, wohnte einst ein Mann, der mit größeren Kenntnissen ausgestattet war, wie nach damaligen Begriffen der gewöhnliche Mann. Ihm waren die drei Hauptsachen der gewöhnlichen Lebenswissenschaft nicht unbekannt, er konnte lesen, schreiben und rechnen. Der gewöhnliche Mann konnte kaum notdürftig lesen, geschweige denn schreiben und rechnen, und wer damals alle drei Fähigkeiten inne hatte, der galt schon für einen Gelehrten. Deshalb pflegte auch seine Mutter von ihm zu sagen: „Mein Sohn, der Advokat!"

Dieser Sohn, seines Zeichens ein Zimmermann, war weit in der Welt umher gewesen und hatte nicht allemal seinem redlichen Gewerbe angehangen, sondern manche lose Streiche ausgeführt. So, sagte man, sollte er sich einst unter falschem Namen von den Holländern haben anwerben lassen, habe das Handgeld genommen und sei darauf desertiert. Doch durfte man, bei Leibe nicht, ihm das ins Gesicht sagen, denn er verstand keinen Spaß.

Nachdem sein Vater gestorben, kehrte er in die Heimat zurück, um sein Erbe in Besitz zu nehmen; denn er war der älteste Sohn und ihm fiel das väterliche Haus anheim. Er verheiratete sich und setzte das Geschäft seines Vaters als Zimmermeister fort. Von nun an nannte man ihn, zum Unterschiede von seinem Bruder, welcher als ein zwar weniger begabter, aber redlicher Mann in der Stadt wohnte und das Maurerhandwerk betrieb, „Buten-Peter", das heißt Peter draußen; wogegen sein Bruder „Binnen-Klas", das heißt Nikolaus in der Stadt, genannt wurde.

Allein unser Peter trieb alles Andere lieber, als sein Geschäft, und so kam es denn auch, dass es bald mit ihm den Krebsgang ging. Er vernachlässigte seine Kunden, besorgte nichts zur rechten Zeit und ließ die Gesellen ohne Arbeit auf dem Bauplatze stehen, während er in den Wirtshäusern saß. Bei solcher Führung musste in ein Paar Jahren Alles zu Grunde gehen, da er nicht den Bitten seiner Frau und den vernünftigen Vorstellungen seines Bruders Gehör schenken und bei Zeiten einlenken wollte.

Doch Mancher hat oft mehr Glück als er verdient, so auch unser Peter. Wie alle Arbeit und Verdienst dahin war, wurde ihm noch, durch das inständige Bitten seiner Frau, welche beim Magistrat einen hohen Gönner hatte, ein städtischer Dienst zu Teil, welcher seinen Neigungen mehr zusprach, als die Holzart in der Hand auf dem Bauplatze zu stehen.

Er wurde die rechte Hand des städtischen Kämmerarius, hatte die Aufsicht über das städtische Baumaterial und über die Arbeiter. Hier war er recht an seinem Platze und konnte nach Belieben den Herrn spielen, wenn er nur seine Oberen sich zu Freunden hielt.

Wer etwas an die Stadt zu liefern hatte oder Arbeit zu haben wünschte, der musste Herrn „Buten-Peter" seinen ergebensten Diener machen; denn sonst wurde er nicht beachtet, oder man fand an den gelieferten Sachen so viel zu tadeln, dass er sich musste erhebliche Abzüge gefallen lassen.

Kurz, jeder fürchtete ihn und suchte seine Freundschaft nach, und Peter wusste dieses gut auszubeuten.

Einstmals beschloss man die Straßen der Stadt neu zu pflastern, und es wurden dieserhalb große Lieferungen an Steinen ausgeschrieben, welche unser Peter zu empfangen und Scheine darüber auszustellen hatte.

Zur selbigen Zeit wollte auch ein reicher Mann sich ein großes Haus bauen lassen, mit einem massiven Steinfundamente und einem großen Keller. Da nun die Fundamentsteine, durch die Lieferungen an die Stadt, teurer geworden und schwer zu haben waren, so beschloss er, unsern Peter für sich zu gewinnen, damit er ihm zu guten Bausteinen behilflich sei. Beide lernten sich auch, so sagte man, bald kennen und verstehen, und eines schönen Tages waren auf dem Bauplatze des reichen Herrn Steine in schönster Auswahl und reichlich vorhanden, während sie bei der Straßenpflasterung zu mangeln begannen.

Man murrte laut und schalt den Peter einen Betrüger; und da die Sache Aufsehen erregt hatte, so sah man sich genötigt, den Peter seines Dienstes zu entlassen und in Untersuchung zu ziehen.

Der Prozess gegen ihn wurde mit aller Umständlichkeit geführt, und obgleich die Beweise klar zu Tage lagen, so schwor sich doch unser Peter von der Tat frei, indem er sich hoch und teuer vermaß: „Wenn ich falsch geschworen, so soll mir die Zunge aus dem Halse faulen."

Damit stürzte er fort aus der Gerichtsstube.

Aber furchtbar rächte sich das Geschick an ihm; denn kurze Zeit darauf fühlte er einen Stich in der Zunge. Sie wurde so dick, dass er nur lallend reden konnte und zeigte endlich widrige Eiterbeulen; und wer in seiner Nähe saß, der wurde von dem Pesthauche seines Mundes höchst unangenehm berührt. — Er wurde gestraft an dem Organe, mit dem er gefrevelt! —

Wenn er so in den Straßen der Stadt, finsteren Blickes, den Hut tief im Gesichte, einherwandelte, so wich Alles scheu vor ihm; selbst seine besten Freunde kannten ihn nicht mehr. Doch wollte Einer, der mehr Mitleiden fühlte, wie die Anderen, ihn anreden, so floh er entsetzt von dannen. — Das war die Macht des bösen Gewissens! —

Endlich nach wochenlanger, unendlicher Qual, starb er an jener fürchterlichen Krankheit, dem Zungenkrebse, nachdem er auf dem Totenbette, wo es leider zu spät war, sich noch einmal bemüht hatte, zu reden.

Ein dumpfes Röcheln war nur noch vernehmbar gewesen, darauf war seine Seele entflohen, um Rechenschaft abzulegen vor jenem höheren Richter, wo jedes Leugnen vergebens ist.

Auch jenem reichen Mann wurden die Fundamentsteine, worauf er sein Haus gebaut, zum Fluch; er erkrankte und siechte bald darauf sichtbar dahin, bis er zuletzt nur noch, gleich einer wandernden Leiche, mühsam am Stabe dahinschlich.

Nach Jahresfrist starb auch er und hinterließ einen ungeratenen Sohn, der bald das väterliche Erbe vergeudete und sich durch ausschweifenden Lebenswandel ein frühes Grab bereitete.

So kam auch dies unrecht erworbene Gut nicht mehr auf den dritten Erben, sondern ging alsbald in fremde Hände über. „Unrecht Gut gedeiht nicht!" konnte man auch hier mit Recht sagen.

In der Nähe von Peters einsamen Hause war es lange Zeit nicht recht geheuer. Man sagte, sein Geist könne im Gabe nicht Ruhe finden und irre in der Gestalt eines schwarzen Pudels ohne Zunge in den Wegen umher, der die Menschen bei nächtlicher Weile durch sein heiseres Geheul erschrecke.

Alte fromme Mütter, welche zu später Abendstunde dieses Weges kamen, sprachen still ein Vaterunser und eilten scheu vorüber.

Auch pflegte man den Kindern, welche nicht zur Ruhe wollten, drohend zuzurufen: „Warte nur, der schwarze Peter Kommt“, worauf dann die Kleinen still bei Seite krochen.
Heulender Wolf

Heulender Wolf

005 Wolf (Canis Lupus)

005 Wolf (Canis Lupus)