Die Slawen in Norddeutschland. Geschichtliche Skizze

Aus: Unterhaltungen am häuslichen Herd. Herausgeber: Gutzkow, Karl. Neue Folge . Band 3
Autor: Asmus, Heinrich (?), Erscheinungsjahr: 1858
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Slawen, Wenden, Wagrier, Hügelgräber, Christentum, Polaben, Obotriten, Gastrecht, Götter, Swantevit, Radegast, Prove, Rhetra, Siwa (Göttin des Lebens und der Wahrheit), Arkona, Ratzeburg, Seegeberg, Heinrich der Löwe, Vitus, Orakel, Opfer, Märtyrer, Rugier, Wendenfürst Billung, Bischof Wago, Kreuzzug, Taufe, Täufling, Mistewoy, Niclot, Ansverus, Oldenburg, Rugierfürst Kruko, Vicelin,
Seit dem 5. Jahrhundert, wenn nicht schon früher, wurden die Küsten des Baltischen Meeres und die Ufer der in dasselbe mündenden Flüsse von einem kräftigen Menschenschlag bewohnt, der in den Geschichtsbüchern bald Slawen, bald Wenden genannt wird, in Holstein Wagrier, im Lauenburgischen Polaben, in Mecklenburg Obotriten heißt und von den ältesten niedersächsischen Schriftstellern als ein arbeitsames, friedliebendes, die Viehzucht, Jagd, den Ackerbau und Fischerei treibendes Volk bezeichnet wird, das den Krieg nicht eigentlich liebte, aber die Waffen zu handhaben verstand, wenn es gezwungen ward, dieselben zur Verteidigung seines Herdes und seiner Götter zu ergreifen. Die Verstorbenen wurden verbrannt und ihre Asche in Urnen aufbewahrt; häufig musste die Gattin das Los ihres verstorbenen Mannes teilen. Die Grabhügel bestehen aus ungeheuren Stein-Massen, die jetzt immer mehr verschwinden, da die Holzungen, in denen sie sich befinden, abgetrieben und der Boden zu Ackerbau benutzt wird. In neuerer Zeit hat man sich jedoch Mühe gegeben, diese Grabmäler aufzusuchen und die Arbeit ist auch nicht vergeblich geblieben. Man fand Gräber mit Aschenkrügen und ohne dieselben; die letzteren mögen wohl solchen Streitern gehört haben, die ihren Tod in den Wellen fanden, ohne dass ihre Leichen je wieder zum Vorschein kamen. Wenn nämlich die Slawen angegriffen wurden und dem Feind nicht widerstehen konnten, stürzten sie sich, mit langen Röhren versehen, in die Flüsse; das eine Ende derselben nahmen sie in den Mund, das andere hielten sie über die Oberfläche des Wassers hinaus: so vermochten sie Luft zu schöpfen und lange in der Tiefe zu verweilen. In den meisten aufgefundenen Slawengräbern fehlen die Urnen. In einem solchen urnenlosen Grabmale befand sich eine Streitaxt, deren Stiel mit einer Blume geziert war; ein Gefäß dicht daneben hatte die Form einer Ente. Kopf, Flügel und Schweif waren durch Punkte angedeutet. Auf dem Rücken befand sich eine runde Öffnung und das Ganze ruhte auf einem kurzen runden Fuße. Ein anderes Gefäß hatte die Form eines Nachens. Wahrscheinlich versinnlicht die Art die Tapferkeit und die Gefäße in Enten- und Nachenform den Tod solcher Slawen, die ihr Leben im Wasser endeten. Besonders reich an solchen Slawengrabmälern waren früher die Gegenden der Trave und der Wakenitz; gewöhnlich lagen vier bis sechs in einem Umkreise nebeneinander. Alle aber waren mit Steinen am Fuße eingefasst und zwischen ihnen ragten höhere Hügel hervor. Die Urnen, welche man hier gefunden, waren freilich nicht so schön und rein geformt als in den Gegenden Mecklenburgs, denn sie waren nur mit Asche und Knochensplittern angefüllt, aber neben ihnen fand man doch mitunter auch Ringe und andere Gegenstände.

Der Slawe liebte das Gastrecht, von dem selbst seine Feinde, die Christen, nicht ausgeschlossen waren. Verließ er auf mehrere Tage seine Hütte, so setzte er vorher Speise und Trank, wie die Natur sie erzeugte, zurecht, damit, wenn ein Fremder während seiner Abwesenheit seine Schwelle beträte, derselbe Nahrung fände. Hatte jedoch der Slawe, an dessen Tür ein Wanderer klopfte, nichts zu geben, so brachte er ihn zu seinem Nachbar, oder er erwartete die Nacht, und ging umher und — stahl. Solcher Diebstahl war erlaubt. Keiner durfte unerquickt seine Hütte verlassen. Ward ein Slawe überführt, die Gastfreundschaft vernachlässigt zu haben, so durfte ihm ein anderer die Hütte über dem Kopf anzünden. Daher konnten selbst christliche Priester und Mönche auf ihren Missionswanderungen es wagen, bei den Slawen um ein Obdach und Speise und Trank nachzusuchen. Der zweite Grundzug ihres Charakters war eine unbegrenzte Liebe für die Freiheit, sie duldeten keinen Herrn über sich. Alle Angelegenheiten wurden bei ihnen in Volks Versammlungen, bei den Altären ihrer Götzen, zur Sprache gebracht, wo es freilich nicht immer sehr friedlich hergegangen sein mag, denn gleich zeitige Schriftsteller bezeugen, dass die widersprechende Partei oft von der stärkeren durch Schläge zum Nachgeben gezwungen worden sei.

Eine Macht aber erkannte der Slawe über sich, die seiner Priester. Sie waren die Seele des slawischen Volks, lenkten alle Angelegenheiten des Staates, sie entschieden über Krieg und Frieden, setzten Könige ein oder entfernten sie. Die slawische Religion ist zwar bis auf unsere Zeit noch in ein tiefes Dunkel gehüllt, so viel ist jedoch gewiss, dass der Slawe an ein unsichtbares Wesen glaubte, das dem Menschen nur Gutes erzeige, und zugleich an ein zweites, das ihn anfeinde. Außerdem jedoch beugte er seine Knie noch vor vielen Göttern, die seine Priester aus Ton oder Erz in beliebigen Formen schufen. Die an dem Baltischen Meere wohnenden Slawen verehrten namentlich den Swantewit, die Siwa, den Radegast und den Prove. Dem letztgenannten Götzen hatte man Eselsohren gegeben, ihn mit einer Krone geziert und seine Bildsäule in einem Haine aufgestellt; in der linken Hand trug er einen Speer, an dem eine kleine Fahne befestigt war; in der rechten ein der Pflugschar nicht unähnliches Eisen. Radegast hatte seinen Haupttempel in Rhetra; seine Bildsäule trug einen Löwenkopf mit einer Gans darauf und einen Büffelkopf auf der Brust. Ihn verehrten besonders die Obotriten. Siwa (Göttin des Lebens und der Wahrheit), hatte ihren Haupttempel in Ratzeburg; ihre Bildsäule war unbekleidet; sie hielt einen schlafenden Raben auf dem Haupte, Weinreben in der einen, einen Apfel in der andern Hand. Sie ist der deutschen Freya nicht ganz unähnlich.*)

*) Abweichend hiervon ist das Bildnis dieser Göttin unter den Altertümern in Rhetra gefunden worden. Es ist 5 Zoll hoch, wiegt 20 ½ Loth. Ist von vermischtem Metall gegossen und fein verzinnt. Das Gesicht ist freundlich und trägt kennbar weibliche Züge; es ist mit einer Einfassung, mit einem zierlichen, etwas gebogenen Rand, in dem sich kleine Strahlen Zeigen, umgeben. Auf dem Kopf sitzt ein zierlich gebildeter Affe, das Gesicht gegen Siwas linke Hand gekehrt. Sie ist mit einem Kleide umgeben, das noch nicht bis an die Knie reicht; es ist unförmlich und schlecht gemacht. Die rechte Hand ist an den Leib gelegt, die linke ausgestreckt und hat etwas gehalten, das Zerbrochen. Auf dem linken Arme, vorn, ließt man „Siba“, auf dem rechten Fuße „istid“, auf dem linken „Raziva“. (Vergl. „Geschichte des Bistums Ratzeburg. Von G. Masch.“)

Swantewit endlich hatte seinen Haupttempel in Arkona auf Rügen. Der Ursprung dieses Götzen ist ebenso sonderbar als seine Figur. Swantewit stammt aus der katholischen Kirche; dies scheint widersprechend, ist aber doch so. Unter der Regierung des Königs Ludwig des Deutschen wurden Mönche aus dem Kloster zu Neucorvey als Missionare nach Rügen gesandt, um die heidnischen Insulaner zum Christentum zu bekehren. Diese Mönche ließen es sich besonders angelegen sein, ihren Patron, den heiligen Vitus, den Ungläubigen bekannt zu machen und erbauten ihm zu Ehren eine Kirche; als aber später die Bekehrer von Rügen verjagt wurden, blieb von dem Christentum daselbst nichts weiter übrig als die Verehrung des heiligen Vitus, den die Rugier für eine Gottheit hielten. Der Name Sankt Vitwardit ward bald in Swante — wit verkehrt und aus einem Märtyrer ein Götze. An der Figur aber waren die corveyischen Mönche unschuldig — so hatten sie ihren Heiligen nicht abgebildet. Swantewit nämlich hatte eine riesenmäßige Größe und war aus Holz mit vieler Geschicklichkeit ausgehauen. Er war mit vier Köpfen begabt, hielt in der rechten Hand ein Horn, das alljährlich einmal mit Wein gefüllt wurde, in der linken einen Bogen. Man gab viel auf die Orakelsprüche dieses Götzen, mehr als auf irgendeinen der übrigen. Ihm wurden jährlich aus allen slawischen Gegenden an der Ostsee, unter denen Helmold namentlich Wagrien nennt, bestimmte Opfer gebracht; auch legte man einen Teil der erbeuteten Waffen ihm zu Füßen. Die Fürsten sandten reiche Geschenke, um eine günstige Antwort zu bekommen, wenn sie derselben bedürftig waren, und selbst fremde Kaufleute durften von ihren Waren nicht eher das Geringste einkaufen, bevor sie die Erstlinge dem Götzen geopfert hatten. Dadurch gelangte der Tempel zu großem Reichtum und die Priester hatten ein mehr als königliches Ansehen; namentlich der erste Opferpriester. Nur er durfte in die Halle gehen, in welcher die Bildsäule des Götzen aufgerichtet war, und damit der Götze auch nicht mit einem Hauche entheiligt werde, musste er, wenn er Atem schöpfen wollte, hinaustreten. Wer die Gottheit zu fragen hatte, musste durch den Mund des Priesters dies tun, der auch die geheimnisvolle Antwort zurückbrachte. Jährlich feierte man dem Götzen zu Ehren ein großes Fest, an welchem sich das Volk vor der Tür des Tempels versammelte. Bei dieser Feierlichkeit nahm der Priester das Horn aus der Hand des Götzen und untersuchte, ob der Wein in demselben durch Abdünstung sich stark vermindert oder nicht; im ersten Falle weissagte er Unfruchtbarkeit oder Teuerung; im letzteren aber erlaubte er die Ausfuhr des Getreides. Darauf ward das Horn wieder mit Wein gefüllt. Auch hatte Swantewit seine eigene Kriegerschar. 300 auserlesene Reiter waren ihm geheiligt und mussten alle Beute, die sie dem Feinde abnahmen, in den Tempel bringen. Man hielt ihm ein weißes Ross, das gleichfalls hier heilig gehalten wurde und dem sich nur der Priester nahen durfte. Oft, beim Aufgange der Sonne, fand man es sehr erhitzt und mit Schweiß und Staub bedeckt, das für ein untrügliches Zeichen galt, dass Swantewit wiederum seine Feinde verfolgt habe.

Gegen diese Slawen unternahm Karl der Große zu Anfang des 9. Jahrhunderts einen Kreuzzug, um ihre Götzen zu zertrümmern und dafür das Kreuz aufzurichten. Er ward aber bald inne, dass dies Boll für die Christuslehre noch nicht reif sei; er, der den Sachsen nur die Wahl zwischen Taufe und Tod gelassen, ließ ab von dem Versuche, die Slawen zu bekehren. Zwölf Jahre nach Karls Tode (826) empfing der jütische König Harald Klag zu Mainz die Taufe und kehrte, von dem heiligen Ansgarius, dem Apostel des Nordens, begleitet, in sein Vaterland zurück, mit dem Vorsage, das unvollendete Werk Karls an den Slawen zu vollziehen. In Dänemark, in Schweden und einem großen Teile Holsteins fasste das Christentum auch Wurzel, bei den Slawen aber fiel sein Same auf einen unfruchtbaren Boden. Und wie war dies auch anders denkbar! Die päpstlichen Missionare verstanden nicht einmal die Sprache der Slawen hinlänglich, um sich durch ihre Rede Einfluss zu verschaffen; noch weniger konnten sie sich in ihre Sitten finden. Wie konnten die Slawen so plötzlich die Religion ihrer Väter aufgeben, die mit ihrer ganzen Staatseinrichtung so innig verknüpft war? Was ihnen heilig war, was ihre Gesetze ihnen erlaubten, nannte das Christentum Gräuel. Sie sollten der Vielweiberei entsagen, sich der Ehe mit Verwandten enthalten, schwache oder ungestalte Kinder nicht mehr aussetzen, Zauberkünste melden, den Sonntag streng feiern, den Leib mit Kasteiungen und Fasten schwächen, den Zweikampf fliehen und den Selbstmord, den ihre Religion so sehr anpries, verabscheuen; sie sollten selbst ihre Lebensart ändern und den liebsten Speisen, Raben-, Geier- und Pferdefleisch entsagen. Und für alle diese Opfer ward ihnen ein Himmel versprochen, der keineswegs mit den Kämpfen, Trinkhörnern und den Jungfrauen Walhallas verglichen werden konnte, ein Himmel, in dem sie nicht hoffen durften, irgendeinen ihrer Väter zu finden. Und überdies war ja auch das Christentum die Religion der Franken, deren herrschsüchtige Pläne den noch nicht unterjochten Völkern unmöglich gleichgültig sein konnten, da sie mit Feuer und Schwert die freien Sachsen bezwungen und überall Haine und Altäre ausgerottet hatten!

Später glaubte sich Otto der Große berufen, das Werk der Bekehrung bei den Slawen auszuführen. Er zog mit Heeresmacht gegen die Küsten des Baltischen Meeres; es kam zu einer blutigen Schlacht (948) und sein Vorhaben schien gelungen. Die Slawen mussten versprechen, sich taufen zu lassen und den Geistlichen den Zehnten zu geben. Aber bei diesem Versprechen verblieb es auch, soweit es die Taufe betraf: der Getaufte nahm einen Besen und fegte das Christentum von seiner Wohnung wieder ab. Freilich rühmten sich die Missionare, viel unter den Slawen ausgerichtet zu haben, das war aber in Wahrheit nur Selbsttäuschung, denn aus Überzeugung oder innerer Neigung ging kein Slawe zum Christentum über, wenn dieser oder jener sich auch zehn mal und noch öfter hatte taufen lassen: das weiße Taufkleid, welches man den Proselyten schenkte, äußerte bei ihnen eine magische Kraft. So kamen einst mehrere Slawen zum Kaiser, die ihm ihr Verlangen, gleich getauft zu werden, aussprachen. Nun waren aber keine leinenen Kleider vorrätig, und der Monarch ließ in der Eile einige aus grober Sackleinwand zusammennähen. Einer der Täuflinge fand jedoch das ihm angezogene Kleid so schlecht, dass er entrüstet ausrief: „Ich bin nun schon 20 mal getauft worden und habe allemal sehr hübsche Kleider erhalten; ein solcher Sack aber wie dieser passt sich für einen Sauhirten!“ Der Wendenfürst Billung freilich ließ sich aus andern Gründen und irdischen Rücksichten die Taufe gefallen: er glaubte, sich in die Schwester des oldenburgischen Bischofs Wago verliebt zu haben und, um sie zu ehelichen, ward er ein Christ — auf einige Wochen. Als er seiner christlichen Gemahlin überdrüssig geworden, verstieß er sie und ward wieder ein so guter Heide, als er es je vorher gewesen. Mit einem Worte, alle so hochgepriesenen Missionsversuche hatten dem Christentum weiter keine Frucht getragen, als dass es auf eine kurze Zeit im Slawenlande geduldet wurde. Wer aber nicht blind und taub war, musste überall wahrnehmen, dass die Stimme des Volkes sich gegen das Christentum aussprach, zumal da es inne wurde, dass den christlichen Geistlichen der Zehnte mehr galt als der Glaube, und dass es nicht sowohl auf ihre Bekehrung als auf ihre Unterdrückung abgesehen war. Helmold, der durchaus kein Freund der Slawen war, äußert in seiner „Slawischen Chronik“ — die wichtigste Urkunde für die ältere Geschichte der Slawen in Nordalbingien —: „Jene große Grausamkeit zwang sie, das Joch der Knechtschaft zu brechen und ihre Freiheit mit den Waffen zu verteidigen.“ Wer aber auch zum Christentum übergetreten war, der kehrte wieder zu den Götzenaltären zurück, als der Enkel Billungs über die Slawen herrschte. Dieser Fürst hatte für seinen Sohn um eine sächsische Prinzessin angehalten, aber die höhnische Antwort erhalten: „Man werde die sächsische Prinzessin keinem Hunde zum Weibe geben!“ Das griff wie Geierkrallen in das Herz des verachteten Häuptlings. „Ein starker Hund pflegt scharf zu beißen!“ gab er zurück, sagte sich von aller Gemeinschaft mit den Sachsen los und versammelte seine Schar um den heiligen Tempel zu Rhetra, Tod allen Christen schwörend. Rasch, wie es dem Charakter des Slawen eigen, drang die wutschnaubende Schar in alle Ortschaften Nordalbingiens, wo es Christen gab, ein und verübte die schrecklichsten Gräuel; unzählige wurden niedergemetzelt, nur wenige entgingen dem Racheschwert. Einer Anzahl von 60 Geistlichen war es vorbehalten, als Märtyrer des Christentums zu sterben. Man schnitt ihnen vorn auf die Stirn das Zeichen des Kreuzes ein, zerschlug ihnen teilweise die Hirnschädel und führte sie dann wie gemeine Verbrecher mit auf dem Rücken gefesselten Händen im ganzen Lande zur Schau umher, bis sie den Schmerzen erlagen und das Leben aushauchten. Aber merkwürdig, Mistewoy, der die erste Veranlassung zu diesem Verheerungszug gegeben, bereute später seinen Abfall vom Christentum und wollte durch seine Taufe den Christen einige Entschädigung bieten — aber sein Volk dachte anders: es entthronte ihn und jagte ihn in die Verbannung.

Sein Enkel, Gottschalk, bestieg den Thron, und die Christen schmeichelten sich mit der Hoffnung, dass er, da er in Lüneburg in der christlichen Religion erzogen, ihr auch Vorschub leisten werde; allein sie irrten sich. Der junge Fürst wurde der ärgste Christenverfolger; plötzlich aber entbrannte er für die gehasste Religion und wurde ein ebenso warmer Anhänger derselben, als er früher ihr Verfolger gewesen. Die niedergebrannten Kirchen und Klöster wurden wieder aufgebaut, und christliche Missionare fanden sich, zum geheimen Ärger der heidnischen Priester, wieder ein, die nicht nur dem Herrn ihre lateinischen Horas sangen, sondern auch das Volk in der slawischen Sprache unterrichteten. Es schien, als wenn endlich die Zeit gekommen, wo das Glockengeläute die Hörner der heidnischen Götzenaltäre verdrängen sollte. Allein diese Hoffnung fiel zusammen. Die heidnischen Priester, denen Gottschalks Gebaren aus mehreren Gründen zuwider war, versäumten nicht, ihn bei dem Volke zu verdächtigen und als Opfer zu bezeichnen, durch das allein der Zorn der Götter gestillt werden könne. Am 7. Juni 1066 war Gottschalk in der Kirche zu Lenzen beim Gottesdienst gegenwärtig; betend knieten alle vor dem Altare — da plötzlich ertönt Waffengeklirr und gleich darauf stürmt in den Tempel eine bewaffnete Schar, geführt von heidnischen Priestern und ermordet alle Andächtigen — Gottschalk zuerst. Das war der Anfang der Gräuelszenen, das Ende war die Ermordung aller Christen im Slawenlande. Von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf zog die fanatische, blutlechzende Menge, allen Gläubigen den Tod schwörend. Die Bistümer Ratzeburg, Oldenburg und Mecklenburg wurden gänzlich zerstört, und der Märtyrer waren unzählige. Kaltblütiger starb aber wohl keiner als der Mönch Ansverus, der mit vielen seiner Klosterbrüder am 15. Juli vor Ratzeburg gesteinigt wurde. Bei weitem grausamer verfuhren die Slawen gegen den Bischof Johann von Mecklenburg; nachdem er die schmählichsten Misshandlungen erduldet, schleppten sie ihn nach Rhetra, hieben ihm Arme, Beine und Kopf ab, warfen seinen Körper auf die Straße und steckten sein Haupt, als Siegeszeichen dem Radegast geweiht, auf eine Stange. Der Tag dieser Gräueltat war der 10. November 1066.

So war aufs neue der christliche Glaube von den Küsten des Baltischen Meeres mehr denn je verdrängt. Und was war Ursache dieses Rückfalls der Slawen zum Götzendienst? Weit mehr als die Anhänglichkeit an die Religion der Väter war es die Liebe der Slawen zur Freiheit. Gottschalk nämlich stand nicht mehr selbständig da, er war dem Sachsenherzog dienstbar geworden und nicht mehr ein freier Slawenfürst; daher erblickte das Volk in ihm einen Verräter seiner Freiheit und in dem Christentum die Kette seiner Knechtschaft. Zwischen Slawen und Sachsen gab es nun keine Einigung mehr; im „Sachsenspiegel“ wird ausdrücklich verordnet, keinen Sachsen gegen einen Slawen und umgekehrt zeugen zu lassen, da man gewiss war, dass jede Partei die Unwahrheit beschwören werde, sobald sie dem Gegner zum Nachteil gereiche. Von jenem Bluttag an mussten alljährlich den slawischen Göttern Christenopfer gebracht werden, sodass es bald keinen einträglichem Handel nach den wendischen Häfen gab als den mit gefangenen Christen; jeder fremde Schiffer und Kaufmann aber musste zum Zeichen, dass er kein Christ sei, den Göttern ein Opfer bringen, und unzählige christliche Kaufleute haben aus Gewinnsucht dem Radegast geopfert.

Dieser Zustand zwischen Slawen und Christen in Nordalbingien währte fort ein halbes Jahrhundert; erst mit dem Anfange des 12. schienen die Strahlen des Christentums milder und freundlicher als früher über das Slawenland sich zu verbreiten. Was von den Künsten des Friedens, was durch allmähliche Verbreitung des Lichts und der Kultur sich in der Wenden Länder gebildet hatte, das alles ging freilich unter Gottschalks Nachfolgern, dem Rugierfürsten Kruko — dessen Vater Grimus ein Bruder des obenerwähnten Mistevoy war — gewaltsam wieder verloren, da sein wilder Sinn den Frieden und ruhigen Lebensgenuss verschmähte und Tausende seiner Untertanen alljährlich zum blutigen Kampfe führte, der nur auf Zerstörung gerichtet war und Befriedigung seiner Raubsucht bezweckte. Er verheerte demzufolge die benachbarten Gegenden von der Ostsee bis zur Elbe mit Feuer und Schwert, zerstörte Hamburg mehrmals und zwang den Bischof, seinen Sitz nach Bremen zu verlegen. Allein es wurden doch viele Slawen der Tyrannei des Kruko überdrüssig; es bildete sich für die Söhne des erschlagenen Gottschalk, Buthue und Heinrich, die dem Blutbade glücklich entgangen waren und als Flüchtige in der Fremde umherirrten, in der Stille ein Anhang. Der ältere, Buthue, versuchte es, unter sächsischem Einfluss, den Thron seines Vaters wieder zu erkämpfen; er drang mit einem Häuflein Krieger in das unbesetzte Ploen ein, wurde aber vom Glücke verlassen, in die Festung eingeschlossen und musste sich, von Hunger und Verrat gezwungen, dem Kruko ergeben. Dieser hatte ihm und den Seinen durch gegebenes Wort zwar freien Abzug gewährt, allein der wortbrüchige Rugier ließ alle meuchelmörderisch niederstoßen und rückte darauf als Sieger in Holstein ein, unterwarf sich dasselbe und drückte so schmählich das Land, dass mehr denn 600 Familien auswanderten und sich am Harze anbauten.

Gottschalks jüngerer Sohn, Heinrich, hatte während dieser Zeit bei seinem Großvater mütterlicherseits, dem Könige von Dänemark, Zuflucht gefunden. Mit Hilfe Dänemarks und im Vertrauen auf die Nachrichten erprobter Freunde aus dem Heimatlande, unternahm er 1105 einen Kriegszug gegen die wagrische Küste, erstürmte auch glücklich Oldenburg und zwang den alternden Kruko zur Abtretung mehrerer fester Plätze. Allein Heinrichs Glücksstern wäre doch wohl bald erloschen, wenn er nicht die Zuneigung der noch jugendlichen Gemahlin Krukos gewonnen. Durch sie gewarnt, entging er den ihm gelegten Fallstricken und wurde für die christlichen Bewohner Norddeutschlands ein neuer Stern der Hoffnung. Nur ist es schmerzlich, den sonst so trefflichen Fürsten eines Verbrechens beschuldigen zu müssen. Die Furcht vor dem rachedurstigen Kruko und die verbrecherische Liebe für die Gattin seines Todfeindes brachte ihn dahin, den Gatten durch einen Jüten ermorden zu lassen und die Witwe zu ehelichen. Sonst war er ein Fürst von großen Gaben, er suchte alle Slawen nach und nach unter seinem Zepter zu vereinigen und das Christentum, mehr als bisher geschehen, zu verbreiten. Er unterhandelte mit den benachbarten Bischöfen, bedang sich aber von vornherein, dass sie sich jeglichen unmittelbaren Einwirkens auf seine Untertanen enthalten und ihm selber das Bekehrungswerk überlassen sollten. Zu dem Ende berief er christliche Priester und fand auch glücklich den Mann, welchen er suchte und der begabt genug war, das ihm übertragene Werk entsprechend auszuführen — Vicelin.

Vicelin (Wessel), der nach damaligen Begriffen auf christliche Weise lehrte, berechtigte in seiner Jugend keineswegs zu den Hoffnungen, die er später so überraschend erfüllte. Schon früh der Eltern beraubt, fiel er als Jüngling in die Stricke der Verführung und hatte gar bald sein kleines Erbteil verprasst. Um dem drückendsten Mangel zu entgehen, verließ er seine Vaterstadt, Hameln, wo er vielleicht 1086 geboren wurde, und fand glücklicherweise als Chorknabe in dem benachbarten Schloss der Gräfin von Eberstein eine Zufluchtsstätte. Das Wohlgefallen der Schlossherrin an dem schönen Jüngling zog ihm aber die Ungunst des Schlosskaplans zu, dass dieser es kaum erwarten konnte, den neuen Günstling zu stürzen. Dieser Augenblick fand sich jedoch bald. Die Gräfin hatte große Gesellschaft bei sich, und diese günstige Gelegenheit glaubte der Priester benutzen zu müssen und fragte Vicelin: welche Schriftsteller er denn auf der Schule gelesen. „Die Achillaide des Statius“, gab der Gefragte zurück. „Und was ist der Inhalt dieses Gedichts?“ fragte der Kaplan weiter. Der Jüngling bekannte offen seine Unwissenheit. Da rief der schadenfrohe Pfaffe: „Seht mir diesen gelehrten, eben erst aus der Schule gekommenen Jüngling! Ich glaubte, es sei etwas Rechtes an ihm, aber wie bin ich enttäuscht! Er weiß soviel wie nichts!“

Beschämt über diese Bloßstellung schlich Vicelin sich aus der Gesellschaft, verließ, ohne Abschied von seiner Wohltäterin zu nehmen, das Schloss und wanderte unaufhaltsam Paderborn zu, wo er dem trefflichen Rektor, M. Hartmann, offen und reumütig seine Verirrungen gestand und ihn bat, das Versäumte unter seiner Leitung nachholen zu dürfen. Der Schulmann willfahrte der Bitte, und Vicelin lohnte ihm in dem Grade, dass der Lehrer aus väterlicher Besorgnis für die Gesundheit des Schülers demselben riet, seinen Eifer für die Wissenschaften etwas zu zügeln. Allein der lernbegierige Jüngling antwortete immer: „Ich muss eilen, solange Gelegenheit und Jugend es mir gestatten!“ Bald übertraf Vicelin denn auch alle seine Mitschüler an Kenntnissen so sehr, dass Hartmann ihn zu seinem Gehilfen erwählte. Aber ein Schulamt konnte seinen Plänen, die von Ehrgeiz nicht frei waren, nicht mehr genügen. Demnach hatte er in Bremen, wohin er später versetzt wurde, den Wunsch geäußert, die Vorträge der scholastischen Theologie auf der Hochschule zu Paris zu hören, deren Scharfsinnigkeit damals die ganze gebildete Welt in Verwunderung setzte. Aber die Hindernisse waren schwer zu besiegen, bis endlich der Erzbischof ihm die Erlaubnis zu dieser Reise gab. Aber wie sehr sah Vicelin sich in seinen Erwartungen getäuscht! Drei Jahre war er in Paris und lernte hinlänglich die Männer kennen, die ganz Europa wie ein Orakel der Weisheit verehrte, konnte ihrem Dünkel aber keinen Geschmack abgewinnen. Dagegen fand seine Seele Nahrung in den Vorträgen der biblischen Scholastiker Rudolf und Anshelm: hier ging ihm eine neue Welt auf! Mit dem festen Entschluss, sich dem Priesterstande zu widmen, kehrte er zurück, und obwohl er noch kein Mönchsgelübde abgelegt, lebte er doch schon ganz wie ein Mönch, er enthielt sich der Fleischspeisen und trug ein härenes Gewand auf bloßem Leibe. Nachdem er zum Priester geweiht war, zog er hinab zum Strande des Baltischen Meeres, ins Slawenland, Heinrich seine Dienste anbietend. Dieser nahm ihn nicht nur freudig auf, sondern merkte auch bald, dass keiner besser zum Heidenapostel tauge als Vicelin, der damals in der Blüte seines Alters stand — hoch in den Dreißigern. Mit den schönsten Hoffnungen kehrte Vicelin nach Bremen zurück, um seine Geschäfte dort schnell zu ordnen und sein Werk zu beginnen — als gänzlich unerwartet die Nachricht von dem plötzlichen Ableben Heinrichs ihn traf. Was vorauszusetzen, geschah, die Verhältnisse im Slawenlande veränderten sich zum Nachteil des Christentums und die beabsichtigte Mission unterblieb. Heinrichs Söhne, Zwentipold und Kanud, die nach des Vaters Willen von der Thronfolge ausgeschlossen, standen einander im blutigen Kampfe gegenüber, jeder suchend, die Gewalt an sich zu bringen. Vicelin musste also abstehen von dem heiligen Werke, wenn er es auch nicht aus den Augen verlor.

Im Jahre 1126 musste der Erzbischof von Bremen eine Visitationsreise in die entlegensten Teile seines Sprengels, nach Holstein machen. Vicelin begleitete ihn. Als sie bei dem Städtchen Faldera, später Neumünster genannt, das hart an der Grenze des Slawenlandes lag, angekommen waren, sprachen einige Bürger des, Orts den Wunsch aus, der verwaisten Kirche wieder einen Priester zu geben. Da wandte sich der Bischof an seinen Begleiter und sagte: „Diene ihrer Kirche, es gibt keine, die näher dem Slawenlande läge und geeigneter wäre, von ihr aus unter jene Völker zu kommen.“ Vicelin folgte freudigen Muchs. Und wahrlich, er bedurfte desselben; noch gegenwärtig gehört die Gegend, in welche er zog, zu den traurigsten Landstrecken in Holstein, und damals war sie nun vollends eine Einöde. Soweit das Auge reichte, erblickte es nichts als Heidegegenden, die nur hin und wieder von Moor und Gestrüpp unterbrochen wurden; und diesem Boden ähnlich waren die Menschen in den elenden Hütten. Von dem Chriftentume kannten sie nur den Namen und opferten noch in Hainen und an Bächen den Götzen ihrer Väter. Allein Vicelin vertraute Gott, unermüdlich suchte er die Irrenden zu bessern, die Unzufriedenen zu versöhnen, die Götzenaltäre aus den Wäldern, die heidnischen Gebräuche aus dem Leben zu vertilgen, sodass bald sein Ruf in Holstein bis an die Elbe sich verbreitete — aber für die anwohnenden Slawen konnte er nur beten.
Ein Jahr später aber belebte ihn wieder die Hoffnung, auch dorthin den Friedensgruß des Christentums bringen zu können. Der Kampf zwischen den beiden Söhnen Heinrichs war beendet; Kanud war durch Mörderhand gefallen und Zwentipold zeigte sich menschlicher. Vicelin erinnerte ihn an das Versprechen seines Vaters, und der Slawe gewährte ihm freie Mission. Allein schon nach einigen Monaten standen die Rugier, um den Tod ihres Stammfürsten Kruko zu rächen, dem neuen Slawenfürsten kampfbereit gegenüber. Zwei Jahre leuchtete die Kriegsfackel durch Nordalbingien und der Kampf endete erst mit der Ermordung Zwentipolds und seines Sohnes, des letzten Nachkommen Heinrichs. Jetzt ergriff der Dänenkönig Knut Hlawarde das slawische Zepter und das Herz der bedrängten Christen und des neumünsterischen Priesters schlug höher. Aber das Schicksal, das solange schon über die Slawenfürsten gewaltet, ereilte auch den neuen Herrscher. Knut wurde 1131 von seinen Verwandten meuchlings ermordet und Vicelin verlor wieder einen treuen Beschützer seiner jungen Pflanzung und einen persönlichen Freund. Kaum war der Tod Knuts bekannt, so erhoben sich zwei Häupter der Slawen: Pribislav und Niclot; ersterer ein Seitenverwandter Heinrichs, letzterer ein angesehener Gutsbesitzer. Dieser hatte sich bald den westlichen, jener den östlichen Teil Nordalbingiens unterworfen. Helmold bezeichnet beide „als grausame, gegen das Christentum wütende Tiere“. Das Heidentum kehrte überall zurück, neue Götzenbilder und Altäre wurden aufgerichtet, Tiere und Christen geopfert. Wer weiß, wie weit die fanatischen Götzenpriester die Wut der Slawen gegen die christliche Lehre gesteigert, wenn nicht Kaiser Lothar sie im Zaume gehalten. Dieser zog mit einem ansehnlichen Heere gegen Dänemark, um den Tod des vielgeliebten Freundes Knut an dessen Mörder zu rächen; als er sein Werk beendet, ließ er zum Schutze der zwischen der Elbe und Trave wohnenden Christen eine Burg anlegen (1134), der er den Namen „Siegesberg“ (Segeberg) gab. Die slawischen Priester aber sahen dem wachsenden Baue mit düstern Blicken zu. „Diese Burg wird ein Joch für das ganze Land!“ knirschte der eine. „Von hier aus werden die Deutschen unser ganzes Land beherrschen!“ rief ein anderer. „Sie werden über die Trave gehen und in ganz Polabien ihr Wesen treiben!“ prophezeite der dritte. „Siehst du jenes kahlköpfige Männchen? dem haben wir alles zu verdanken!“ meinte der vierte, auf Vicelin zeigend. „Er muss aus dem Wege geschafft werden!“ riefen alle im Chor. Aber die Fürsten, klüger als ihre fanatischen Priester, warnten vor solchem Meuchelmord und verhielten sich ruhig. Wohl versuchte es Pribislav später, das deutsche Joch abzuschütteln, belagerte den „Siegesberg“ und brannte die Vorstadt ab (1139), allein die Mission ward durchaus nicht beunruhigt.

Der Rugierfürst Ratze, aus Krukos blutigem Geschlechte stammend, war aber dem Pribislav feindlich gesinnt, und wieder brannte nun mehrere Jahre des Krieges Fackel in Nordalbingien;
Städte und Dörfer lagen verwüstet und das Land war von Einwohnern beinahe entblößt — da endlich nahte der Tag, wo die Christen den Sieg davontragen sollten. Adolf II. war endlich als Graf von Holstein anerkannt und die Länder an der Trave wurden seiner Grafschaft einverleibt. Um aber die Blüte seiner Länder schnell zu fördern, musste er eine Handelsstadt besitzen; einen passenden Ort für dieselbe glaubte er am Zusammenfluss der Trave und Wakenitz zu finden, und hier gründete er 1143 unter dem Namen einer alten in den Kriegen zerstörten Stadt das neue Lübeck, das seinen Hoffnungen auch bald entsprach und eine bedeutende Rolle spielte. Aber mit gänzlicher Sorglosigkeit konnte man doch nicht in die Zukunft blicken, da man den kriegerischen Sinn der zurückgedrängten Slawen kannte. Dazu wuchs von Tag zu Tag die Macht des Niclot, der unbezwungen über Mecklenburg herrschte; aber auch dieser Gefahr sollte ein Ende gemacht werden.

Wir befinden uns in der ersten und glänzenden Periode der Kreuzzüge, wo die Begeisterung, für des Himmels Güter zu kämpfen, von den lebhaften Westfranken auch zu den bedächtigem Norddeutschen gekommen war (1146). In drei großen Heereszügen zogen die Kreuzfahrer gegen die Ungläubigen; der eine nach dem Gelobten Lande, der andere nach Portugal und der dritte gegen die Slawen, ans Baltische Meer. Bei dem letzteren Zuge ragte vor allen der achtzehnjährige Herzog von Sachsen und Bayern, Heinrich der Löwe, durch Heldenmut und Stärke seiner Mannschaft hervor. Kaum hatten die Slawen von dem gegen sie gerichteten Zuge Nachricht erhalten, so rief auch Niclot sein Volk unter die Waffen und erinnerte den Grafen Adolf an das mit ihm geschlossene Schutz- und Trutzbündnis. Aber der Fürst wollte, davon nichts wissen und verweigerte jeglichen Beistand. Da entbrannte der Zorn des betrogenen Slawen; unerwartet erschien er vor Lübeck, an einem Tage den Krieg ankündigend und beginnend. Nach kurzer Gegenwehr war die Stadt erstürmt. Dies blutige Vorspiel scheuchte endlich das Kreuzheer aus seiner deutschen Langsamkeit auf. Es fiel in Mecklenburg ein, sengte und plünderte wie der Feind und zwang Niclot zum Rückzug. Große heroische Taten wurden nirgends verrichtet. Keine Flamme erlöscht ja leichter als die der Begeisterung. Kurz, der ganze Kreuzzug war in einigen Monaten beendet, und kann nicht treffender bezeichnet werden, als es von Böttiger in den wenigen Worten geschehen: „Man hatte schlecht gefochten, schlecht gesiegt und schlechten Frieden geschlossen.“ Nachdem die Deutschen von den Slawen das Versprechen erhalten, sich taufen zu lassen und die Gefangenen frei zu geben, verließen sie das verwüstete Land, während Adolf II. mit Niclot das alte Bündnis erneuerte. Dieser verunglückte Kreuzzug gewährte den christlichen Ansiedlern nur wenig Schutz, als aber Heinrich der Löwe kurz darauf die Zügel der Regierung in die Hand nahm und sich mit Klugheit in die inneren Angelegenheiten der Slawen eindrängte, konnte Vicelin ungestört für die christliche Kirche bis zu seinem Tode, der 1154 erfolgte, wirksam sein.

Bis zum Jahre 1160 mäßigten die Slawen ihren Groll und Hass, oder wurden vielmehr durch den Löwen im Zaume gehalten, als dieser aber in diesem Jahre von seinen Ländern entfernt gehalten wurde, brachen sie das Friedensgebot und fielen räuberisch in die christlichen Dörfer und Städte. Auch Lübeck wurde von einem plötzlichen Überfall bedroht, aber glücklich durch die Geistesgegenwart eines Priesters gerettet. Kaum hatte Heinrich von diesem erneuten Raubzuge Kunde erhalten, so zog er gleich einer drohenden Gewitterwolke eilig daher und seine Scharen wüteten furchtbar gegen die Unglücklichen: was nicht das Schwert fraß, ertrank im Wasser oder wurde gefangen genommen. In das eroberte Land rief er dann Ansiedler aus Holland, Flandern und Seeland, die in Dörfer und Städte, welche so viele Jahrhunderte ein Sitz des Heidentums gewesen, neues Leben, christlichen Glauben und christliche Sitten brachten. Der Kampf um das Christentum aber entfernte sich immer weiter von dem Baltischen Meere nach den Ufern der Weichsel.

Allein dieser Sieg des Kreuzes an den Küsten der Ostsee war zu groß und blutig gewesen, als dass man nicht schon früher gestrebt hätte, denselben durch Denkmäler der redenden und bildenden Kunst zu vereinigen. Sinnreicher aber und poetischer ist es wohl nie geschehen als durch jene Legende, die wir noch heutigen Tages unter dem Wandgemälde in dem Dom zu Lübeck in lateinischen Versen lesen, deren deutsche Übersetzung wir, wie sie in alten kubischen Chroniken zu lesen ist, zum Schlusse anfügen.

Die Zeit hat längst beglaubt, als Karl, der große Held,
— Den noch den großen Karl nennt uns’re große Welt —
In Wendland einmal jagt und einen Hirschen fing,
Hat er um dessen Hals geleget einen Ring
Von Golde ganz gemacht; d’rauf ward die Zahl gesetzt,
Wann von ihm dieser Hirsch gefangen und gehetzt.
Vierhundert Jahr’ hernach kam Heinrich, sonst genannt
Der Leu, ein großer Fürst, durchs ganze Sachsenland.
Er sah an diesem Ort auch zur gewissen Zeit,
Wie dann und wann der Hirsch ohn’ alle Furchtsamkeit
Sich sehen ließ, und gab Befehl zur Jagd.
Den Hirschen fing man bald, und wie der Fürst gesagt.
Ward er vor ihn gebracht. Er sieht das güld’ne Band
Und zwischen dem Geweih ein Kreuz in schönem Stand;
D’rob er an diesem Ort ein’ heil’ge Lust gewann,
Zu bauen eine Kirch’, und schaffete auch bald,
Was hierzu nötig war; schmückt’ sie auch dergestalt,
Dass sie schön und auch reich. Er gab zum Wappenbild
Ein gelbgefärbtes Kreuz in einem roten Schild.
Hat einer dies erkannt, so wund’re er sich nicht,
Warum an diesem Ort ein Hirsch ist aufgericht.

Heinrich der Löwe - aus Simrock:

Heinrich der Löwe - aus Simrock: "Die deutschen Volksbücher" 1845

Heinrich II.

Heinrich II.