Die Schlieffen und Adebare in Colberg.

Aus: Die Volkssagen von Pommern und Rügen
Autor: Gesammelt von Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller, Erscheinungsjahr: 1840
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Pommern, Colberg
Vor Zeiten waren viele Jahre lang die beiden mächtigsten Geschlechter in der Stadt Colberg die Schlieffen und die Adebare. Deren lebten einmal um das Jahr 1500 zwei junge Bürger, Benedictus Adebar, der des Bischofs von Cammin Schwester zur Ehe hatte, und Niclas Schlieft, Peter Schlieffens, des Bürgermeisters, Sohn. Dieselbigen waren große Freunde, und hielten sich wie Brüder untereinander. Da begab es sich einmal, dass sie zusammen in Gesellschaft gezecht hatten, und Niclas Schlieff ging guter Zeit zu Hause und legte sich zu Bette. Etwa eine Stunde nachher folgte ihm Benedictus Adebar, und klopfte an seine Tür, und bat, ihm diese zu öffnen. Als Schlieff hörte, dass er es war, stand er selbst im Hemde auf, um ihn einzulassen. Adebar aber war etwas lustig geworden vom Weine, und wie er nun hörte, dass Schlieff kam, stach er mit seinem Schwerte durch die Tür, und wollte jenen erschrecken. Das war ein großes Unglück; denn Schlieff lief im Finstern rasch zu, um die Tür zu öffnen, und rannte sich in das durchgestochene Schwert, dass er laut aufschrie und für tot hinfiel. Darüber erschrak Adebar hart, und verstopfte ihm eilig die Wunde, führte ihn auch zu einem Arzte, und entschuldigte sich sehr gegen den Freund, dass er es nicht aus bösem Gemüt, sondern nur aus Vorwitz getan. Schlieff aber fühlte sich sehr übel, und er vermerkte, dass er werde sterben müssen; er vermahnte daher den Adebar, dass er entweichen möge, denn wenn ihn seine Verwandten erhaschten, so werde er wieder sterben müssen, was er ihm nicht gönnte. Adebar aber wollte den sterbenden Freund nicht verlassen, und wurde also, wie er sich nicht von ihm trennen konnte, von Schlieffens Freundschaft gefangen und ins Gefängnis gesetzt.

Der Bischof von Cammin und die anderen Freunde Adebars gaben sich zwar viele Mühe und baten die Schlieffen sehr, dass er auf gebührenden Abtrag möchte loskommen. Aber die Schlieffen’sche Freundschaft wollte das nicht tun, sondern ließen Adebar vor Gericht bringen und ihn zum Tode verurteilen. Und erst als das geschehen war, wollten sie ihn wieder losgeben, damit man sagen könne, dass sie ihm recht eigentlich das Leben geschenkt hatten. Das aber wollte Adebar nicht annehmen, denn er ließ sich bedünken, ein zum Tode einmal Verurteilter sei des Lebens ferner nicht wert. Darum sagte er freien Mutes, er wolle lieber bei seinem erschlagenen Freunde und Bruder sein, denn länger leben.

So ging er freiwillig zu der Richtstätte. Nur damit er nicht wie ein Missetäter geführt würde, durften ihn der Nachrichter und dessen Knechte nicht anrühren, sondern er ging frei und gutwillig. Seine Schwester, welche Äbtissin im Jungfrauenkloster zu Colberg war, nahm ein Kruzifix und trat vor ihm her, und der Rat und die ganze Stadt begleiteten ihn und betrübten sich um seinethalben. Also kam er aus der Stadt. Da wurde ihm vergönnt, dass er nicht auf die gewöhnliche Richtstätte ging, sondern auf den Kirchhof; allda ließ er sich das Haupt abhauen.

Von der Zeit an entstand ein ewiger Groll zwischen den beiden Geschlechtern Adebar und Schlieffen.

Kantzow, Pomerania, II. S. 448—450.
Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller

Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller