Die Pferdediebe von Köslin bei Plau

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 1
Autor: Gesammelt und herausgegeben von M. Dr. A. Niederhöffer, Erscheinungsjahr: 1858
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage,
In früheren Zeiten wurde der Pferdediebstahl, wie die meisten derartigen Verbrechen, viel härter bestraft, als es jetzt geschieht. Während derselbe heut zu Tage durch Geldbußen, körperliche Züchtigung, Gefängnis oder dergleichen geahndet wird, wurden damals weniger Umstände gemacht, indem man gewöhnlich den Pferdedieb nach kurzem Prozesse sehr bald an den ersten besten Galgen hing und ihn somit für die Folge unschädlich machte.

„Wenn ich" — so erzählte mir einmal ein bekannter Landmann, — „den Weg von Stuer nach Leitzen passiere und die großen Fichten, die dort an einer Stelle der Landstraße stehen, ansehe, dann fällt mir immer die Geschichte von den Kösliner Pferdedieben ein." Auf meine Bitte, mir dieselbe doch einmal zum Besten zu geben, erfuhr ich ungefähr Folgendes:

Als sich Köslin nebst den umliegenden Gütern noch im Besitze der von Flotow befand und so zugleich das Haupt- und Stammgut einer Linie dieser alten Adelsfamilie bildete, hatte man einmal auf einem der von Flotow’schen Höfe zwei Pferdediebe eingefangen, denen denn nach damaliger Sitte alsbald der Prozess gemacht und die auf dies Verbrechen stehende Strafe, des Erhängens, zuerkannt worden war.

Am Abende vor dem Tage, an welchem nun die beiden Diebe in früher Morgenstunde aufgeknüpft werden sollten, begab sich der Pastor aus dem Dorfe Stuer — damals ebenfalls zu dem von Flotow-Kösliner Güterkomplexe gehörend — zu ihnen in das Gefängnis, um sie vorzubereiten auf den nahen Tod und ihnen die Tröstungen der Religion zu bringen. Obgleich auch beide Verbrecher als ein Paar schlechte und starrsinnige Menschen allgemein bekannt und verrufen waren, so gelang es doch endlich dem Pastor, der ein gar frommer und treuer Seelsorger war, sie durch seine eindringlichen Worte und Ermahnungen zur Reue und Buße zu bringen, so dass er, als er sie verließ, den beseligenden Glauben mit sich nahm, ein Paar Seelen gerettet und sie dem Herrn wieder zugeführt zu haben.

Bald aber schon sollte der brave Mann enttäuscht werden; denn wer beschreibt wohl das Erstaunen und den Schreck desselben, als er des Nachts plötzlich durch ein starkes Klopfen an den Fensterladen seiner Schlafstube erweckt wird und auf die Frage: was es denn da draußen gebe, aus dem Munde des einen der am Abende von ihm zum Tode vorbereiteten Pferdediebe, die höhnische Antwort bekommt:

„Herr Pastuhr, ick woll Sei blod seggen, wovan wie gistern schnackt hebben, ward nicks van!"*) —

*) „Herr Pastor, ich wollte Ihnen nur sagen, wovon wir gestern gesprochen haben, wird nichts!"

Man hatte nämlich, als der Prediger die Gefangenen verlassen, dieselben während der Nacht getrennt und jeden einzeln eingesperrt und war es nun dem Einen gelungen, sein Gefängnis zu erbrechen und somit zu entfliehen.

Als unser Spitzbube also den guten Prediger erschreckt, ging er gemütlich weiter, legte sich im nahen Walde auf das Ohr und schlief ruhig bis der Morgen zu dämmern begann. Dann eilte er nach den am Wege zwischen Stuer und Leitzen stehenden, großen Fichten, erkletterte eine derselben und erwartete hier, sicher hinter den dichten Zweigen versteckt, die Ankunft des Zuges mit seinem Genossen, der, wie er wusste, hier vorbei kommen musste, um nach dem Richtplatze zu gelangen.

Bald erschien auch der Zug mit dem anderen Deliquenten. Gefühllos sah er aus der Höhe hernieder auf seinen Mitschuldigen; mit schadenfrohem Gesichte betrachtete er ihn, wie er kreideweiß, zitternd und zagend, mit unsicheren Schritten, wankend daher gegangen kam. Anstatt denselben zu bedauern, lachte er nur teuflisch über seine Todesangst und Not, dabei ein:

„glückliche Reise Galgenkamerad!" vor sich hinmurmelnd.

Als der Zug vorüber war und ihn Niemand mehr entdecken konnte, verließ er sein Versteck, und ging, eine lustige Melodie pfeifend, weiter. Gott für seine Rettung zu danken, kam ihm nicht in den Sinn, im Gegenteil verhöhnte er Denselben nur noch, indem er sich boshaft freute, wie er gestern den Prediger getäuscht, als er ihm weiß gemacht, dass er sich wirklich zu Gott gewendet habe, was ihm doch gar nicht eingefallen und was ja Alles nur bloße Verstellung und Augenverdreherei gewesen war.

Anstatt sich also jetzt zu Gott zu bekehren, sein Diebeshandwerk aufzugeben, ein ehrlicher Kerl zu werden, sein früheres Leben zu bereuen und dafür nun ein neues, rechtschaffenes und ordentliches zu beginnen, trieb er es nur noch immer ärger und stahl und raubte, wo er es nur immer habhaft werden konnte.

Aber seine Schändlichkeiten und Spöttereien sollten dennoch nicht ungestraft bleiben; nach längerer Zeit wurde er bei einem andern Diebstahl wieder ergriffen und wiederum zum Tode verurteilt. Es gelang ihm diesmal nicht wieder zu entfliehen, denn bald sah man seinen entseelten Körper an einem andern Galgen hängen!

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Wer einmal die Tour von Leihen nach Stuer macht, dem werden gewiss auch die dort an einer Stelle des Weges stehenden, großen Fichtenbäume auffallen, denn es gibt wohl wenige im lieben Vaterlande, die eine solche Höhe und Größe erreicht haben und einen wirklich so großartigen und prächtigen Anblick gewähren, als eben diese. Möge man sich dann beim Betrachten dieser ehrwürdigen Bäume, zugleich der vorstehenden Sage erinnern.
Mecklenburgs Volkssagen - Band 1

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Plau.

Plau.