Die Obotriten – Bewohner Mecklenburgs

Aus: Mecklenburgische Sagen
Autor: Studemund, Friedrich (1784-1857) Pastor an der Nikolaikirche in Schwerin, Erscheinungsjahr: 1848
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg, Sagen, Bewohner, Obotriten, Thietmar von Merseburg
Obotriten hießen die früheren Bewohner Mecklenburgs und der angrenzenden Länder, welche von einem König beherrscht wurden, dessen Macht ansehnlich war. Man hat sich unendlich viele Mühe gegeben, die Ableitung dieses Namens zu erweisen. Einige waren der Meinung, es wären diese Obotriten die berüchtigten Abderiten, Heruler und Vandalen gewesen, welche eine Wasserflut aus Mecklenburg vertrieben, nach Paphlagonien geführt und darauf zu Kolonisten in Abdera gemacht habe, woher selbige dann nach Alexander des Großen Tode von dem Anthyrius in das, während der Zeit wieder trocken und fest gewordene Vaterland wieder zurückgeführt worden.

*************************************
Andere leiten das Wort aus dem Griechischen ab, wonach es so viel bedeuten soll, als bunte Rotte, d. i. des Anthyrius bunte Garde. Nach anderen Quellen sind die Obotriten vom Fluss Oby in Russland so geheißen. Wieder andere meinen, die Obotriten wären Abenteurer, Abendreuter, Abendstreiter; noch andere: Abtrünnige, Abgetretene. Von dem slawischen Obtrit, Obtrite, sauber, gesäubert, wollen andere es abgeleitet wissen und meinen, die Obotriten wären die Leibgarde der herulischen und vandalischen Könige in Mecklenburg gewesen. Thietmar von Merseburg nennt sie Abotriten. Frank in seinem A. und N. Meckl. hält dafür, dass ein wendischer Stamm den Namen Obotriten geführt, der mit dem der Wilsen nach und nach das meiste Ansehen erlangt habe.

Es ist zu bewundern, dass man bei allen diesen zum Teil sehr gewagten Ableitungen nicht darauf verfiel, das Wort Obotriten in Aborigen *) oder Aboriginer zu verwandeln, wozu es nur der Versetzung einiger Buchstaben bedurfte. Ein solcher Einfall verdiente wenigstens nicht mehr belächelt zu werden, als der, die Obotriten zu Abendreutern, Abenteurern und Abtrünnigen zu machen.

*) Urbewohner

.

.

.

Bischof Thietmar von Merseburg, neuzeitliche Darstellung auf dem Brunnen in Tangermünde

Bischof Thietmar von Merseburg, neuzeitliche Darstellung auf dem Brunnen in Tangermünde