Die Muränen im Schaalsee bei Zarrentin.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 2
Autor: Von L. Pechel, Organist und Lehrer in Röbel, Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Schaalsee, Zarrentin, Nonnenkloster, Zisterzienser-Kloster, Zisterzienser-Orden, Zisterzienser,
Der Ort Zarrentin, am südwestlichen Ende des Schaalsees gelegen, erhielt im dreizehnten Jahrhundert ein Nonnenkloster Zisterzienserordens. In der Mitte des Fleckens, auf dem Kirchenplatze, steht noch das mittelalterliche, massiv aus Mauersteinen aufgeführte Klostergebäude, und wo einst fromme Ordensschwestern in stiller Beschaulichkeit lebten und geräuschlosen Schrittes zur Hora und Vesper eilten, da wird jetzt über die Aufrechthaltung bürgerlicher Gesetze gewacht und Steuer und Pacht erhoben; die Behausung der Nonnen ist in ein Amtshaus umgewandelt worden.

Wie überall, wo Klöster angelegt wurden, ist auch der Flecken Zarrentin sehr hübsch gelegen, und besonders ist es der mit schönem Laubholz umstandene Schaalsee, der dem Orte und der ganzen Gegend einen eigentümlichen Reiz verleiht.

In nicht geringem Ansehen steht der See aber dadurch, dass sich in ihm die so schmackhafte große Muräne — salmo muraena — findet. Dieser Fisch, der im mittelländischen Meere und in den Seen Italiens heimisch ist, stand schon bei den Römern wegen seines schmackhaften Fleisches in großem Rufe, so dass die Begüterten eigene Muränenteiche hatten.

Die Nonnen des Zarrentiner Klosters hatten genug von dem schönen Fische gehört, um lüstern nach ihm auszuschauen. Aber Italien mit seinen Teichen und das mittelländische Meer ist weit, — wo ist der Bote zu finden, der beflügelten Fußes das Verlangen der genügsamen Schwestern stillt?

Da naht sich ihnen, wie überall, wenn die Begierde der Sinne maßlos wächst, der Teufel, und indem er noch ihre Lust zu erhöhen sucht, bietet er sich ihnen als Bote an.

Die Nonnen beben zurück vor dem Vater der Lüge; sie wollen doch lieber dem Genusse entsagen, als mit ihm in irgend eine Gemeinschaft treten. Aber so leicht gibt Jener seine Versuchungen nicht auf, und als die Schwestern sich nicht länger der Lust erwehren können, übernimmt der Teufel die Botschaft; jedoch muss er sich verpflichten, die Muränen zu Mittags 12 Uhr auf den Tisch zu stellen, wofür sich die Nonnen ihm zum Eigentum versprechen.

Schnell macht sich der Böse auf den Weg. Doch kaum ist er von dannen, als die Schwestern Reue und Grauen vor dem Schrecklichen ergreift. Sie treten beratend zusammen und kommen bald darin überein, den Zeiger der Turmuhr, der schon auf halb zwölf steht, eine halbe Stunde weiter zu schieben.

Es geschieht, und kaum ist der letzte Schlag der Mittagsstunde verklungen, als der Teufel über den Schaalsee daher fährt und in seinem Grimme, dass ihm der Lohn entgangen, die Fische in das Wasser fallen lässt.

Der Schaalsee nahm die Fremdlinge auf und sie sollen in demselben bis auf unsere Tage herab prächtig gedeihen.

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