Die Kindesmörderin von Groß-Lukow bei Penzlin

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 1
Autor: Gesammelt und herausgegeben von M. Dr. A. Niederhöffer, Erscheinungsjahr: 1858
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage,
Wenn's draußen stürmte und tobte, wenn der Wind pfeifend durch die hohen Pappeln sauste und kreischend sich die Wetterfahne auf dem Dache herumdrehte, wenn der Regen gegen die alten Fenstern schlug, dass sie klirrend erbebten, dann hörte man früher oft in später, finsterer Stunde aus einem Zimmer des alten Herrenhauses zu Groß-Lukow ein Stöhnen und Klagen, ein Kindergeschrei und Ächzen kommen, dass es Einem gar unheimlich und grausig zu Mute wurde und dabei eiskalt durch die Glieder rieselte.

Vor mehreren Jahren ist jedoch das alte Herrenhaus teilweise niedergerissen und vollständig durchgebaut und verändert worden und seitdem ist auch das Zimmer nicht mehr vorhanden, wo's ehemals nicht recht richtig war, und auch das Stöhnen und Kindergeschrei, das sonst in demselben ertönte, hat man nach dieser Zeit nicht mehr vernommen. Mit dem Aufhören dieses Zimmers ist auch eine eiserne Krampe, die sich in der Wand desselben befand, verschwunden. An dieser Krampe nun, so erzählt die Sage, war vor vielen, vielen Jahren eine Kindesmörderin so lange festgeschlossen, bis man sie auf den Richtplatz führte und dort öffentlich enthauptete.

Obgleich noch jung an Jahren, war Anna doch schon ein wildes, liederliches und gottloses Geschöpf. Ja sie war so schlecht und verdorben, dass sie ihr neugeborenes Kind heimlich in den Schweinestall ihrer Dienstherrschaft trug und es dort auf die roheste Weise den Säuen vorwarf, die es gierig zerrissen und auffraßen. — Gefühllos hatte die Rabenmutter dem grässlichen Schauspiele so lange zugesehen, bis ihr zarter Säugling vollständig von den gefräßigen Tieren verschlungen war; dann erst entfernte sie sich, in der festen Meinung, dass Niemand ihren Mord gesehen, Niemand denselben jetzt mehr entdecken könne. Und hatte ihr nun hierbei auch wohl kein Menschenauge zugeschaut, so hatte doch Gott, der Allgegenwärtige, ihre schwarze Tat gesehen und Er war's, der sie auch durch Seine weisen und allmächtigen Fügungen an das Tageslicht brachte.

Eine dichte Bretterwand schied den Schweinestall von der Scheune; nur eine einzige kleine Spalte hatte sich im Laufe der Zeit durch Zusammentrocknen des Holzes in derselben gebildet. Auf der Tenne waren Drescher beschäftigt, und diese sahen mit Schaudern und Entsetzen die Finger der einen, von den Schweinen unverschlungen gebliebenen Hand des Kindes durch diese Spalte stecken, gleichsam als forderten sie auf, den begangenen grässlichen Mord zu rächen.

Die Gutsherrschaft erhielt sofort Nachricht von dieser grauenhaften Entdeckung; Anna wurde ergriffen, und es gelang, sie sogleich, in ihrer großen Bestürzung und unerwarteten Überraschung, zum Geständnisse der abscheulichen Tat zu bringen.

In das bereits erwähnte Zimmer des alten großlukowschen Herrenhauses brachte man die Kindesmörderin und schloss sie dort an der eisernen Krampe so lange fest, bis ihr der Prozess gemacht und sie zum Richtplatze geführt werden konnte, wo ihr durch Henkers Hand der verdiente Lohn wurde.

Als Annas Haupt gefallen, flocht man ihren Leichnam auf das Rad und stellte ihn öffentlich aus, zur Warnung für Jedermann, den Raben aber zum Fraße.

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Den Ort, wo die Kindesmörderin endete, zeigt man noch heutigen Tages. Etwa tausend Schritte von Groß-Lukow, nach Marin*) zu, liegt ein kleiner Hügel, der in dortiger Gegend Jedem bekannte und noch allgemein sogenannte „Gerichtsberg."

In dunkler Abendstunde und des Nachts sieht man noch jetzt auf diesem Hügel oft Irrlichter tanzen, was merkwürdig genug ist, da man dieselben sonst nur an feuchten Orten und auf Mooren anzutreffen pflegt. Die Leute sagen, es sei das der Geist der Anna, deren Seele noch immer keine Ruhe gefunden habe, und Jeder meidet daher auch zur späten Zeit so viel als möglich diesen Ort. Führt Einen sein Weg dann aber doch noch notwendiger Weise dort vorbei, so eilt er furchtsam und mit raschen Schritten vorüber. um möglichst schnell aus dieser unheimlichen Gegend zu kommen und bald die schützende Behausung zu erreichen.

*) Ebenfalls ein Dorf in der Nähe Penzlins
Mecklenburgs Volkssagen - Band 1

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