Die Keule unter dem Tore zu Woldegk.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 2
Autor: Von F. C. W. Jacoby zu Neubrandenburg, Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Woldegk, Keule
Zu Woldegk unter dem Tor,
Das jetzt heruntergerissen,
Sah eine Keule hervor,
Noch viel Leute davon wissen.

An einer geweißten Wand,
Da standen Worte geschrieben,
Die, wie ein lodernder Brand,
Mir im Gedächtnis geblieben.

      „Wer seinen Kindern giebet Brot
      Und selbst leidet Not,
      Den schlage man mit dieser Keulen tot!"

Es lebte ein Ackersmann
In Woldegk vor vielen Jahren,
Mit Geld und Gut angetan
Und brav, schon in Silberhaaren.

Gestorben war ihm sein Weib,
Ein Sohn sein einziger Sprosse;
Da dünkt es dem Alten Zeit,
Der Sohn werd' der Güter Genosse.

Er gibt ihm sein Geld und Vieh,
Das Haus und Hof und den Acker,
Wünscht für das, was er verlieh,
Sein Sohn sei dankbar und wacker.

Und dieser, in großer Freud,
Hat bald eine Frau genommen;
Doch mit der ist Weh und Leid
Ins Herz des Alten gekommen.

In Frieden ging es ein Jahr,
Da war geschwunden die Liebe;
Dem Alten wurde es klar,
Es fehlten dankbare Triebe.

In Kummer aß er das Brot,
Das kärglich ihm zugemessen;
An Kleidung litt er schon Not,
Nicht schämte der Sohn sich dessen.

Man gönnt ihm kein freundlich Wort,
Es hatten's besser die Knechte;
Von frühe bis Abends fort
Für ihn nur gab es das Schlechte.

Da wankt er traurig einst hin
Zum städtischen Bürgermeister
Und klagt mit betrübtem Sinn,
Was seine Kinder für Geister.

Und dieser, ein güt'ger Herr,
Holt, da nichts Rechtens zu machen,
Ein Beutlein mit Groschen schwer,
Sucht seinen Mut anzufachen.

„Hier nehmt dies Beutelein,
Verschließt es in Eure Lade,
Es sind zwanzig Thaler drein,
Sie eb'nen Euch bessere Pfade.

Holt mehrere Mal hervor
Sie täglich, dass Ihr sie zählet,
Bald wird Eurer Kinder Ohr
Durch des Geldes Klang gequälet.

Sie spannen sicherlich auf
Alsdann ganz andere Saiten,
Es wird Euren Lebenslauf
Noch einmal Freude begleiten".

Und dankend nahm auch das Geld
Der Alte und schritt nach Hause,
Am Leib verborgen er's hält,
Schafft's sicher in seine Klause.

Dort rasselt, wenn er dann weiß,
Dass nah' die hartherz'gen Kinder,
Mit seinem Gelde der Greis
Und zählt's und verschließt's nicht minder.

Bald hören's Tochter und Sohn,
Es weckt ihnen eig'ne Gedanken;
Des Geldes lockender Ton
Macht ihre Gesinnung wanken.

Die Tochter darauf begann:
„Der Alte scheint zu besitzen
Viel Geld noch, Christian,
Das müssen für uns wir nützen.

Es wird am besten wohl sein,
Damit das Geld wir einst erben.
Ihm bessere Pflege zu weih'n,
Bis an sein baldiges Sterben"".

Und so ward's denn auch vollführt.
Etwas besser hat's der Alte.
Das Geld hat ihr Herz gerührt,
Das so habsüchtige, kalte.

Noch lebte einige Jahr
Der Greis in erträglicher Lage.
Doch eh' auf der Totenbahr
Er läg', ihn zum Friedhof man trage,

Wollt er zum Beispiel gestellt
Sein und der Kinder Tun wissen,
Für Mit- und späte Nachwelt
Sollt's reden in das Gewissen.

Eine Keule unter'm Tor
Der Bürgermeister ließ hängen,
Von der Wand schauten hervor
Diese Worte, die so strengen:

      „Wer seinen Kindern giebet Brot
      Und selbst leidet Not,
      Den schlage man mit dieser Keulen tot!"

In den vierziger Jahren dieses Jahrhunderts wurde das alte sogenannte Brandenburger Tor zu Woldegk, worin die Keule mit der Umschrift sich befand, des Chausseebaues wegen niedergerissen. Die Keule hat man darauf unter eine ganz nahe dabei befindliche, gewölbte Brücke des Stadtgrabens aufgehangen, wo sie sich noch jetzt befindet.

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