Die Kanzel, der Steintanz und die Brautlade

Aus: Mecklenburgische Sagen
Autor: Studemund, Friedrich (1784-1857) Pastor an der Nikolaikirche in Schwerin, Erscheinungsjahr: 1848
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg, Sagen, Aberglauben, Mittelalter, Steinkreis, Boitin, Zernin, Dreetz, Opferplatz, Wenden
In dem Holze zwischen Boitin und Zernin, in der Nähe der von einem kleinen See umgebenen Boitiner Pfarrwiese, findet man auf einer sanften Anhöhe unter alten Buchen drei Kreise von behauenen Steinen; in jedem, etwa neun an der Zahl, einige aufgerichtet, andere schon versunken. Unter den kreisbeschreibenden Steinen ist immer einer mit einem Auftritt — daher man ihm wohl den Namen der Kanzel gegeben — versehen; in der Mitte jedes Kreises — jedoch besonders erhalten, nur in einem, in den andern zersprengt — liegt ein länglich abgeplatteter Stein, mit 13 der Länge nach eingegrabenen viereckigen Löchern.

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Anderweitige Vergleichung und genauere Beobachtung führen darauf hin, dass diese Steinkreise nichts anderes gewesen sind, als gottesdienstliche Heiligtümer aus der wendischen Vorzeit, wo dann die beiden eben besonders bemerkten Steine leicht als Opferaltar und Kanzel erscheinen dürften.

Weil es hier nun wie überall an geschichtlichen Belegen fehlt, so hat der Volksglaube, vielleicht mit Hilfe der Mönche, die die letzten Erinnerungen aus heidnischer Zeit vertilgen wollten, folgende mythische Erklärung in Form einer Legende ersonnen, die ich hier in ihrer fragmentarischen Nacktheit aus dem Munde der ältesten Leute des Dorfs getreulich wiedergebe.

Man hat die Zerstörung des ehemaligen Dorfes Dreetz, unweit des Steintanzes — (dessen Existenz eine nahgelegene Seewiese — der Petscher Hof — eine jetzt noch vermauerte Tür der Boitiner Kirche, wohin die Einwohner von Dreetz eingepfarrt waren, und selbst alte Steintrümmer, welches alles noch den Namen dieses Dorfes führt, bezeugen) — die jedoch noch vor dem dreißigjährigen Kriege, laut kirchlicher Nachricht, angenommen werden muss, mit der Entstehung des Steintanzes in Zusammenhang gebracht.

Die Bauern von Dreetz — so erzählt die Sage — in üppiger Wohlhabenheit lebend, feierten hier eine Hochzeit, wobei sie jedoch ihres Gottes und seiner Gaben so vergaßen, dass sie frevelnd sich der Würste als Kegel und des Brotes als Kugeln bei ihrem Spiele bedienten, und in wilden Tänzen mit Braut und Hochzeitsgästen sich vergnügten. Deshalb traf sie die Rache des Himmels, und verwandelte urplötzlich die Tänzerkreise mit der nebenstehenden, schatzgefüllten Lade der Braut, in Steine. Einer der Zuschauer und Mitgäste, ein Schäfer, entfloh; ihm sagte der Geist, er würde gerettet werden, wenn er sich auf der Flucht nicht umsähe; doch, weil er der Neugier nicht widerstehen konnte, versuchte er, um das Gebot zu umgehen, unten durch die Beine sich umzusehen, und teilte so das Schicksal der Andern. So liegt er, in einen Stein verwandelt, mit seinem ihm nachgefolgten Hunde, bei einem Büdnerkaten in Boitin.

Über die Brautlade besonders ist noch zu bemerken: dass unwissende Gläubige die 13 eingegrabenen Löcher — doch wahrscheinlich einst zum Auffangen des Opferbluts bestimmt — sich als gemachte Versuche, um den vermeintlich darin enthaltenen Schätzen beizukommen, erklärt und selbst ein rotes Band oder Schleife wollen heraushängen gesehen haben.

(Mitgeteilt vom Hrn. Kandidaten Franke zu Boitin.)
Boitin, Der Steintanz

Boitin, Der Steintanz

Zernin, Kirche

Zernin, Kirche