Die Grafen von Eberstein bei Retzkow.

Aus: Die Volkssagen von Pommern und Rügen
Autor: Gesammelt von Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller, Erscheinungsjahr: 1840
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Pommern, Hühnengräber, Rentzkow, Eberstein, Hühnenberg, Naugard,
Vor Zeiten lebte in Sachsen ein vornehmes und mächtiges Geschlecht, das der Grafen von Eberstein. In der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts aber wurde Graf Dietrich von Eberstein von dem Herzoge von Braunschweig mit dem Strange hingerichtet, und seine Söhne mussten in alle Welt flüchten, und ihre Güter im Stich lassen. Einer von ihnen, Graf Otto von Eberstein, floh zu seiner Mutter Bruder, einem Grafen von Gleichen, der damals Bischof von Cammin in Pommern war. Er wurde von diesem aufgenommen, und der Bischof belehnte ihn im Jahre 1263 mit der Stadt und Grafschaft Naugard. Zu dieser Grafschaft gehörte auch das Dorf Retzkow, eine Meile südwestlich von Naugard, bei welchem die Grafen späterhin eine Burg erbauten, welche sie die Wolfsburg nannten. Die Trümmer dieser Burg sieht man noch jetzt in der Nahe von Retzkow. Die Ebersteiner fingen aber mit der Zeit ein wüstes, gottloses Leben an, und besonders hatten sie ihre Freude daran, von der Wolfsburg aus, wo sie oft zum Jagen mit ihren wilden Gesellen zusammentrafen, den Bauern die Saaten zu verderben. Deshalb stehen sie noch jetzt unter den Bauern in einem schlechten Rufe, und man sagt, sie hätten keine Ruhe unter der Erde, und müssten noch immer um die Wolfsburg herum wandern. Doch sind sie jetzt nicht immer mehr böse, sondern beschenken sogar manchmal die Leute, mit denen sie zusammentreffen. So war vor vielen Jahren einmal ein Schäfer in Retzkow, der hütete am Johannistage mit seiner Herde auf dem sogenannten Hühnenberge, nicht weit von der Wolfsburg. Auf einmal versank er mit allen seinen Schafen in die Erde hinein, dass sie sich über ihm zusammentat. Unten kam ihm ein großer Hund entgegen, der ihn an eine Tür führte. Diese öffnete der Schäfer, worauf er an eine zweite Tür kam. Als er auch diese geöffnet hatte, befand er sich in einem großen Saale; in demselben saßen viele vornehme Herren am Speisen. Sie sahen dem Schäfer so stattlich aus, dass er sie für Fürsten hielt, obgleich die Leute meinen, dass es die Grafen von Ebersteingewesen wären, die in diesen Berg hineingebannt seien. Sie luden auch den Schäfer ein, mit ihnen zu essen, was er tat. Als er sie darauf aber fragte, wie er aus dem Berge wieder herauskommen möge, sagten sie ihm, dass er daran vor dem nächsten Johannistage, mithin vor Ablauf eines Jahrs, nicht denken könne. Also geschah es auch, und der Schäfer musste ein ganzes Jahr mit seiner Herde im Berge bleiben. Als das Jahr zu Ende war, verehrten ihm die Grafen einen goldenen Stab; sie sagten ihm aber dabei, dass er niemals wieder in die Nähe des Hühnenberges kommen solle.

Nicht so gut erging es einem Bauern aus Retzkow. Der befand sich eines Abends bei den Hühnengräbern, die dort auch in der Gegend liegen, als ihm vier junge Männer begegneten. Der Bauer dachte sich nichts Besonderes dabei, und sprach sie dreist an. Sie gaben ihm auch freundlichen Bescheid, und fragten ihn dann, was die Leute in der Gegend von den Grafen von Eberstein sprächen. Der Bauer, der noch immer nichts Arges dachte, antwortete ihnen ehrlich, wie man von denen noch immer nichts Gutes rede, und teilte ihnen auch mit, was sie in früheren Zeiten Alles verübt haben sollten. Da wurden die vier Männer auf einmal grimmig, fassten ihn an, und fuhren mit ihm in die Luft hinein, drei Meilen weit. Als sie ihn nun niedersetzten, waren sie plötzlich verschwunden, und er sah jetzt drei schwarze Hunde vor sich, die Feuer ausspien. Der arme Mensch hat sich vor Schreck kaum wieder nach Hause finden können, wo er Tags darauf gestorben ist.

Von der Zeit an hat man aber nur noch zwei schwarze Hunde in der Gegend erblickt, und man glaubt daher, dass der dritte seitdem erlöset sei.

Mündlich.
Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller

Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller