Die Glocke zu Mildenitz bei Woldegk

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 2
Autor: Von F. C. W. Jacoby zu Neubrandenburg, Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Mildenitz, Woldegk
Es spielten auf der Wiese am ruhigen See*)
Die Kinder des Dorfes, wie flüchtige Reh';
Sie warfen bald Strümpfe und Jacken ins Gras,
Die Luft war ja heiß und die Wiese nicht nass.

Wol ein'ge Stunden sie vergnügten sich schon,
— Wie bald sind im Spiel nicht die Stunden entflohn!
Als dem kindlichen Blick sich deutlich und klar
Nicht weit von ihnen zeiget ein Glockenpaar.

Sie forschen nicht lange, woher und wohin,
Mit der Tatsach' gnügt sich der kindliche Sinn;
Sie springen jubelnd an die Glocken heran
Und legen auf eine ihre Kleider dann.

Froh spielen sie fort bis zu der Abendstund',
Doch da tut sich ihnen plötzlich And'res kund,
Die nicht behangene Glocke sich jetzt regt
Und unter Geläut nach dem See hin bewegt.

„Susanna, nimmer wieder zu Lande!" es klingt
Und damit sie tief ins Wasser versinkt.
Es hat sie niemals Jemand wieder geseh'n;
Doch die and're blieb aus dem Lande stehn.

Sie war durch die Kleider der Kinder gebannt
Und musste drum bleiben auch auf dem Land.
Die Leute von der Arbeit laufen herbei
Und nahen sich der Stätte in furchtsamer Scheu.

Als Staunen und Wundern sich endlich gelegt,
Hat vielfach man hierhin und dorthin erwägt,
Was nun mit der Glocke zu beginnen wohl sei,
Die für Mild'nitz zu groß, zu kostbar und neu.

So kommt man schließlich dahin überein,
Die Glocke zu fahren nach Woldegk hinein
Und dort zu veräußern sie gegen bar Geld,
Das den höchsten Wert doch für sie stets behält.

Zwei Pferde man spannt vor die Glocke an,
Im langsamen Schritt geht es durch's Dorf alsdann;
Doch wie der Führer das Dorf verlassen will,
Da steht die Glocke wie angenagelt still.

Man legt bis zu vier und zwanzig Pferden vor,
Doch die Glocke steht fest wie im tiefsten Moor,
Nichts rührt sie vom Flecke und Jedermann spricht,
Mit rechten Dingen geschehe dieses nicht.

Da kehrt mit zwei Ochsen vom Felde gerad'
Ein Mann, der die Sache durchschauet bald hat.
Er ratet: „Oh lasst doch die Glocke im Ort,
Ihr schafft sie doch nimmer von hier weiter fort!"

„Was würde der Erlös in Woldegk auch sein?
Ich schaffe sie wieder ins Dorf uns hinein;
Es kann ja ihr lieblich ertönender Klang
Auch hier bei uns erschallen das Dorf entlang!"

Sie folgen den Worten und er spannet an;
In wenig Minuten ist das Werk getan.
Leicht schaffen die Ochsen die Glocke jetzt fort,
Der Friedhof wird ihr einstweil'ger Ruheort.

Bald d'rauf hat einen Glockenstuhl man erbaut,
Darin hat das Auge die Glocke erschaut;
Und feierlich tönte ihr helles Geläut
Über's Dorf und die Fluren von Mild'nitz weit.

Als später ein Kirchlein das Dorf hat geziert
Und man einen Turm daran hat aufgeführt,
Da bracht' in den Turm diese Glocke man auch,
Und heute noch dient sie zum frommen Gebrauch.

*) Dieser See ist schon seit Jahren ausgetrocknet und zur Wiese geworden.

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