Die Glocke im See bei Sülten, unweit Sternberg.

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 2
Autor: Von L. P. in S., Erscheinungsjahr: 1862
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Sternberg, Sülten
Unweit des Dorfes Sülten liegt ein kleiner See, und bei diesem soll, der Sage nach, sich folgende Begebenheit zugetragen haben.

Viele hundert Jahre schon sind es her, als man in früher Morgenstunde, auf dem damals noch sehr schlechten Wege von Sternberg nach Sülten, sich langsam ein Fuhrwerk fortbewegen sah.

Auf einem mit zwei Pferden bespannten Wagen stand eine große Kirchenglocke; ein junger Fuhrmann leitete die Gäule.

Die Glocke gehörte der christlichen Gemeinde zu Sülten, welche dieselbe für ihre neuerbaute Kirche angekauft hatte.

Langsam und mühevoll zogen die keuchenden Gäule, denn die Last war groß.

Es war Mittag geworden und noch ein hoher Berg war zu passieren, bevor die Glocke ihren Bestimmungsort erreicht hatte.

Der Fuhrmann, ein roher Geselle, klatschte unbarmherzig auf die armen Tiere los und rief dabei spöttelnd: „Was so hoch und so nahe der Gottheit wohnen will, das sollte Einem doch auf Erden auch nicht so viel Last und Mühe machen."

Doch all sein Fluchen und Toben half ihm nicht, und noch lange war der Gipfel des Berges nicht erreicht, als die Pferde ganz erschöpft stehen blieben.

Da rief in seinem Unwillen der Fuhrmann: „So hilf denn Du mir jetzt, Teufel, die Glocke bis zur Spitze des Berges hinauf!"

Alsbald geschah ein gewaltiges Sausen und Zischen, und aus der Tiefe des nahe liegenden kleinen Sees kam ein riesiger Mann herangebraust. Mit furchtbarer Kraft packte er den Führer und das ganze Fuhrwerk und im Nu war der Gipfel des Berges erreicht.

Jetzt begann aber der Teufel, denn kein Anderer war der Mann, also: „Nicht umsonst helfe ich und habe ich Dir geholfen. Du und auch die Glocke seid mir verfallen; Ihr seid mein!"

Bei diesen Worten packte er seine Beute, schwang sich auf, und im Umsehen waren alle Drei in der Tiefe des Sees verschwunden.

Das laute Ächzen des Fuhrmanns, das Schnauben des Höllenfürsten und der leise, klagende Ton der Glocke war Alles, was der bestürzte Zuschauer dieser Szene noch einige Zeit lang vernahm.

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Noch heute soll diese Glocke dort im See bei Sülten liegen, und der so freche Fuhrmann muss dieselbe, zur Strafe seiner argen Sunden, fortwährend Tag und Nacht ziehen.

Nur einmal des Jahres, in der heiligen Weihnachtsnacht, verlässt der Bann die Glocke. Frei und ungebunden kommt sie dann an die Oberfläche des Sees und lässt, Vergebung für den armen Fuhrmann erflehend, weithin ein ernstes, frommes Glockenlied erschallen.

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