Die Glocke – Pommersche Volkssage

Aus: Sundine: Unterhaltungsblatt für Neu-Vorpommern und Rügen, 18. Band 1844
Autor: Redakteur: F. v. Suckow, Erscheinungsjahr: 1844
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sagen und Märchen, Volkssagen,
Hunderte von Jahren wären seit dem schrecklichen Gerichte, was der Herr über den Schmied und seine Konsorten gehalten, vergangen, und die Gebeine der zur Zelt dieses Ereignisses lebenden Einwohner waren längst zu Stand zerfallen, die Nachricht aber von dieser schauervollen Begebenheit hatte sich stets lebend im Munde der Enkel und Urenkel erhalten, bestätigt durch das Bestehen von groß und klein Saalsbruch, dem eine unergründliche Tiefe beigegeben wurde, und deren Ufer zur Nachtzeit von Jedem, mit der Sage von ihrem Entstehen bekannten, eben so sorgfältig gemieden wurden, als Beelzebub die Nähe des heiligen Kreuzes flieht.

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Mancher wollte das Läuten der Glocken vom Bruche her gehört und Andere sogar bei klarem Wetter Kirche und Schmiede unter dem Wasserspiegel gesehen haben, so wie denn auch das Gerücht ging, dass am Johannistage in der Mittagsstunde beide Kirchenglocken nach oben kämen, um sich, auf dem Wasser schwimmend, an den Strahlen der Sonne zu wärmen.
Da begab es sich, dass einst am Johannistag die Gänsehirten des benachbarten Dorfes mit ihren geflügelten Untergebenen in der Gegend des Bruches hüteten und um die Mittagszeit nach dem Bruche trieben, die durstigen Tiere zu tränken.
Sorglos übten beide Knaben am Ufer des Bruchs ihre kindischen Spiele und der ältere von beiden nahm einen allen leinenen Lappen, den er auf der Brache gefunden hatte, wusch Ihn im Wasser des Bruches und deckte ihn hernach auf einen großen, nahe am Ufer aus dem Wasser hervorragenden bemoosten Stein. — Kaum hatte er jedoch dies getan, als urplötzlich ein zweiter in der Nähe befindlicher größerer Stein unter Geläute in die Tiefe versank, der mit dem Lappen bedeckte aber völlig ans Ufer schwamm und sich zum größten Erstaunen der barfüßigen Buben in eine große Kirchenglocke verwandelte.
Alt und jung staunte, durch den Bericht der Buben herbei gelockt, die der Oberwelt durch den Bann des leinenen Lappens wieder gegebene Glocke an; denn es stand fest, dass nur das auf die Glocke gedeckte Stück Leinwand diese verhindert habe, wieder in den Abgrund zu entweichen, da sie in ihrer Gewissenhaftigkeit nichts der Oberwelt angehörende mit in die Tiefe nehmen konnte.
Von den Behörden wurde die Glocke der Kirche zu Gristow geschenkt, so viel Müde man sich aber gab, die derweile auf einen Wagen gebrachte Glocke durch vorgelegte Pferde dem Orte ihrer Bestimmung zuzuführen, so wenig wollte es gelingen, den Wagen auch nur einen Schritt vorwärts zu bringen, und man sah sich genötigt, endlich von diesem Vornehmen abzustellen, überzeugt, dass der Glocke der ihr bestimmte Ort nicht behage, da ihrer Größe und der Leichtigkeit nach, mit der man sie auf den Wagen gebracht hatte, ein Gespann Pferde sie sonst bequem hätte dahin führen können.
Was aber jetzt mit ihr beginnen? Da war guter Rat teuer. Ein weiser Mann indes, den man als das Orakel der Umgegend verehrte, schlug endlich vor, man solle 4 junge Stiere vor den Wagen spannen und diese gehen lassen, wohin sie wollten. Es geschah — und siehe, diese Tiere brachten, wie weiland die Kühe die Bundeslade aus der Philister Lande, mit Leichtigkeit den Wagen nach Horst, wo die Glocke dem Turm anvertraut wurde und durch ihre herrlichen Töne von der Zeit an allsonntäglich die gläubige Gemeinde zum Tempel des Herrn ladete.

Bemerkung. Besagte Glocke hat bis in diesem Jahre (1843) sonder Fehl dort ihre Dienste verrichtet, erhielt aber im Frühling einen Sprung, in Folge dessen ihr Umguss veranlasst werden musste; Einsender hatte die Glocke freilich früher gesehen, ohne jedoch, da ihm die Sage noch unbekannt war, ihrer Betrachtung besondere Aufmerksamkeit zu weihen, und jetzt ist es leider zu spät, da ihr Umguss schon vollendet ist. — Was er über dieselbe nachträglich erfahren hat, ist Folgendes: Ihr Gewicht betrug nicht volle 20 Ztr. und eine rings herumlaufende Inschrift war Runenschrift, wovon früher einmal eine Abschrift genommen und von Sprachforschern dahin bestimmt worden ist, dass sie den Namen der Glocke enthielte; sie soll gelautet haben:
,,Hochtönende bin ich genannt!“
Auch soll sich beim Umguss, der durch den Herrn Zach in Stralsund vollendet ist, ihr bedeutender Silbergehalt dadurch ergeben haben, dass sie einigt Stunden länger hat in der Schmelze stehen müssen; jeden Falls stammt sie aus grauer Vorzeit. —
Gristow, Kirche

Gristow, Kirche

Horst, Dorfkirche

Horst, Dorfkirche