Die Feier der Mainacht auf dem Jülchendorfer Berg bei Brüel

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 3
Autor: Von weiland J. Mussäus, Pastor zu Hansdorf, Erscheinungsjahr: 1860
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Jülchendorfer Berg, Brüel, Mainacht, Hexen, Schwerin, Eichengehölz
In der Mainacht kam einstmals ein Bote von Schwerin aus bei Jülchendorf vorbei. Dort ist ein Eichengehölz und in demselben ein Berg.

Beim Vorübergehen hebt er seine Augen auf und sieht auf dem Berge ein großes Getümmel von Menschen, tanzend, speisend, trinkend, die Gläser anstoßend. Kaum fasst der Gipfel den dichten Haufen; weit über Alle ragt aber hoch empor ein stattlicher Riese.

Der Bote legt sich ermüdet im Tal nieder, um den Ausgang der Sache zu sehen. Da weht es plötzlich durch die hohen Eichen, und der Riese steht vor ihm. „Alter”, spricht er, „bist hungrig und durstig, willst mitessen und mittrinken? Sei nicht blöde! komm! Dir soll ein köstliches Mahl werden!"

Mancher Schnurrbart würde sich nicht lange besonnen haben, was zu tun sei, der Mann ging aber mit.

Eine Tafel war auf des Berges Spitze gedeckt, an derselben muss er obenan sitzen. Köstliche Speisen, dicker Reis und Grapenbraten werden aufgetragen und feines Broo. Vor ihm auf dem Tische tanzen gruppenweise in größter Eilfertigkeit kleine, daumenlange Menschen und besorgen die Aufwartung. Unter ihnen erkennt er mit Schrecken eine Bauernfrau aus seinem Dorfe. Silberne Löffel und Messer werden vor ihm hingelegt. Er soll essen, er will, köstlich ist ja die Speise; allein er kann Löffel und Messer nicht heben. Das verdrießt ihn.

Da kommt die alte Bauerfrau auf ihn zu und spricht: „Willst essen und kannst nicht? Armer Mensch! Der Dir gegenüber sitzt, hindert Dich. Spei ihm ins Angesicht, so wird's Dir gelingen mit Messer und Löffel!"

Er zögert, aber der Reis ist braun gezuckert, der Pfannkuchen fett und das Schwarzsauer duftet lieblich. Er ermannt sich, hebt sich halb vom Stuhle und speit dem gehässigen Gegner ins Angesicht,

Da fasst ihn plötzlich ein Sturmwind und wirft ihn rücklings den Berg hinab, dass die veralteten Glieder zerschellen und er ohnmächtig daliegt. Reisende treffen ihn am andern Morgen und bringen ihn nach Hause. Lange muss er krank liegen.

So raten Hexen.

.

.

.