Die Eichen im Tiergarten zu Ivenack

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 1
Autor: Gesammelt und herausgegeben von M. Dr. A. Niederhöffer, Erscheinungsjahr: 1858
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage,
Schönere Eichen, als die im gräflich pless’schen Tiergarten zu Ivenack, kann man gewiss wohl nicht leicht finden, wenigstens gibt's in unserm lieben Mecklenburgischen Landen keine, die diese an Alter, Stärke und Kraft überträfen, und wahrlich, es verlohnt sich der Mühe, eigends dieserhalb nach dem kleinen Flecken Ivenack zu reisen, um diese seltenen und mit Recht berühmten Bäume in Augenschein zu nehmen.

Ein eigentümliches Gefühl von Staunen, Ehrfurcht und Bewunderung befällt Einen beim Betrachten dieser altersgrauen Eichen, über deren Häuptern schon Jahrhunderte hingegangen, die schon so manche Geschlechter, ja ganze Stämme entstehen und wieder untergehen sahen, unter denen schon so Viele Schutz und Schirm gesucht und gefunden, in deren Schatten schon so Manche geruht haben. So viele, viele Jahre, vielleicht schon ein Jahrtausend trotzten diese ehrwürdigen Bäume der Alles vernichtenden Zeit, dem Sturme und Wetter; jeden Frühling erwachten sie wieder und immer wieder zu neuem Leben, schmückten sich mit jungem Grün, blühten und trugen Früchte, während alles Andere um sie her nach und nach abstarb, verging und durch Neues ersetzt wurde! —

Wenn der Wind durch ihre Äste streift, wenn in der lauen Sommernacht ein sanfter West ihre Blätter bewegt, dann ist's, als erzählten sie einander aus jenen dunklen Zeiten ihrer Kinderjahre, als sprächen sie über das seit ihrem langen Bestehen Erlebte und Gesehene, dann ist's, als priesen sie Gott, als redeten sie zu uns von Seiner Allmacht und Größe. Aber wir verstehen sie nicht ihre Sprache; vernehmen wir auch deutlich ihr Geflüster, ihr heimliches Rauschen, wir können's doch nicht deuten; für uns bleiben sie nur die stummen Zeugen längst vergangener Jahrhunderte.
Doch ist auch ihnen, diesen herrlichen Eichen, von der Vorsehung wohl ein längeres Leben beschieden, so werden doch auch sie dermaleinst vergehen, auch sie werden hinsinken in Asche und Staub, — und sie selbst erinnern uns schon daran. Durch die dichten Laubkronen einiger dieser Prachtbäume hindurch strecken sich uns schon mahnend einzelne dürre Äste und Zweige entgegen; ja die eine der Eichen ist schon über die Hälfte verdorret, der Wind hat ihre abgestorbenen Zweige durchbrochen und zu Boden geschleudert, und nur noch stellenweise schmückt sie saftiges Grün. Und so werden denn auch sie hinsinken und untergehen, wie alles andere Große und Schöne; es wird eine Zeit kommen, wo auch sie verschwunden, wo auch sie vergessen sein werden; — denn das ist ja das Los alles Irdischen! —

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Mecklenburgs Volkssagen - Band 1

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