Die Drachen

ein Beitrag zur Schilderung des meklenburgischen Volksaberglaubens
Autor: Johann Christ. Friedrich Günther, Erscheinungsjahr: 1859
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De Draken.

Der Teufel ist ein gar großer Herr und wie sich die großen Herren ihre Diener hatten, so hat auch der Teufel seine Diener. Es würde ihm viel zu ungelegen sein, sollte er alle seine Dinge selbst beschicken; nein, vieles läßt er durch seine Domestiken ausrichten, die wir Menschenkinder "de Draken" nennen. Draken sind aber nicht des Teufels Bartscherer, Stiefelputzer, Perrückenmacher oder sonst eine Art von Leibgesinde, wie manche unerfahrne Leute meinen, - besonders die pfiffigen Stadtleute mit ihrer knirpelkleinen, nicht über die Stadtmauer hinaussehenden Weisheit in solchen Dingen. Nein, den Dienst am eigenen Leibe verrichtet der Böse eigenhändig, und Dienerschaft hält er sich nur um seiner Freunde und Feinde willen. Des Teufels Freunden tragen die Draken Gold und Silber, Stroh und Futter, Korn und Flachs, Milch und Butter, Reis und Fleisch, Backobst und andere Nahrungsmittel zu und die nämlichen Dinge nehmen sie ihres Herrn Feinden weg, wie das uns Landbewohnern oft genug vor Augen und zu Ohren kommt.

Zu Bresegard wohnte einmal ein Bauer, der hatte allezeit die fettesten Pferde, die blanksten Kühe, und Korn und Futter wurde ihm nimmer all. Wenn's in den Scheunen anderer Bauern heller Tag war, waren in der seinigen kaum die Abseiten leer, und das Viehsterben, das oft der Reihe nach die Nachbaren traf, ging an seiner Hofstelle allemal vorüber. Und Geld hatte er, wie wenn's ihm auf den Bäumen wüchse. Wenn andere Bauern beim "Mühlenfahren" nicht selten sich den "Mahlschilling" leihen mußten, hatte er so viel, daß er wohl für alle hätte zahlen können. Natürlich war dies den übrigen Dorfleuten auffällig genug und selten unterließ man es, des fetten Bauern zu gedenken, wenn die Nachbarsfrauen zusammenkamen. Da rieth man hin und her und kreuz und quer, woher gerade diesem Bauern all das Glück komme, und wenn's auch allen klar war wie das Sonnenlicht, daß hier nicht alles mit rechten Dingen sei, so wußte doch niemand der Sache völlig auf den Grund zu kommen. Es war aber noch nicht des fetten Bauern aller Tage Abend und "nichts ist so fein gesponnen, ‘s kommt doch endlich an die Sonnen", sagt die Weisheit auf der Straße, und - "Sprichwort ist Wahrwort!"

"Schultenvatter" war zur Stadt gegangen und hatte sich so sehr verspätet, daß er erst zur Nachtzeit wieder auf den Rückweg kam. Sein langes Ausbleiben machte "Schultenmutter" unruhig und sie schickte ihm, just als ob es so hätte sein sollen, statt des Knechts ihren Schwager entgegen, der ein Zwillingsbruder ihres Mannes war. Als nun beide Brüder dem Dorfe nahe kamen, da schaueten sie in weiter Ferne einen Feuerstreifen am Himmel, der lang war wie ein Wiesebaum und eiligen Fluges auf das Dorf zuzog. Er kam ihnen immer näher und näher, und je näher er kam, desto heller leuchtete er um sie, und als er über ihre Häupter dahinflog, da konnten sie ganz deutlich gewahr werden des feurigen Drachen hell leuchtende Augen und seinen weit aufgesperrten Rachen mit der flammenden Zunge und seinen lang gestreckten glühenden Leib mit dem dünnen beweglichen Schwanze, und eben so deutlich sahen sie es, wie er auf die Hofstelle des reichen Bauern zuzog und durch's "Eulenloch" in's Haus einging. Das also war der saubere Teufelsgeselle, mit dem der Bauer im Bunde stand, wie nun am Tage lag, und der ihm zuführte, was andern Leuten fehlte. Des Bauern ehrbarer Wandel, den er als Christenmensch bislang geführt hatte, war also nichts denn eitel Blendwerk gewesen, bloß um die Leute hinter's Licht zu führen, was bis zur Stunde ihm auch gut genug gelungen war. Aber von nun an "pfiff er aus dem letzten Loche", denn diesmal "war seine Sache just vor die rechte Schmiede gekommen". "Vör Unrath is ümmer ok Rath, wenn man' t blôt wêt", sprach ein Zwillingsbruder zu dem andern und beide faßten den Beschluß, den Draken im Hause des gottlosen Bauern "zu bannen". Sie machten sich eilig zu dessen Hofstelle hin, zogen von dem dort stehenden Wagen die Räder ab und schoben sie dergestalt auf die Schenkel, daß die concaven Seiten nach innen waren, und rückten den Wagen hart vor die "große Thür" des Hauses hin. Durch ein solches Mittel können Zwillingsbrüder ein Haus, in welchem ein Drake sitzt, so fest für ihn versperren, daß selbst der Teufel nicht den Bann zu lösen im Stande ist. Folglich mußte auch hier der Drake gebannt bleiben und konnte weder durch die "Oken", noch durch die "Rauch- und Eulenlöcher" in's Freie kommen, durch welche er sonst seine Passage zu nehmen pflegt. Allein das Haus vermochte auf die Dauer der großen Gluth nicht Widerstand zu leisten, die der geängstigte Drake von sich blies, und derselbe hatte, ehe noch der Hahn den Morgen ankrähete, "einen rothen Hahn auf das Dach gesetzt". Er selbst jedoch war "feuerfest". Aus den lodernden Flammen entsprang er in eine große schwarze Sau verwandelt, umkreiste in dieser Gestalt noch siebenmal das Haus und machte dann vor aller Augen sich unsichtbar.

Aber wie ging es nun dem fetten und gottvergessenen Bauern? "As ick minen Rock holl, sitt he in de Foll" und "wie man's treibt, so geh's". Er hatte vom Bösen sich dienen lassen, so mußte er nun ihm wieder dienen. Sein Leib kam jämmerlich in dem durch Teufelsgewalt entstandenen Feuer um und die Seele kam in's höllische Feuer, - dem Teufel zur Lust, wie dieser ihm zur Lust gewesen war.

Dem Draken aber war der langgewohnte Aufenthalt im Dorfe lieb geworden. Schon in den nächsten Nächten machte er sich wieder sichtbar und zog abermals über das Dorf hin, um neue Freunde für seinen Herrn zu gewinnen. Doch diesmal "kam er an wie die Sau im Judenhause", - es sollte ihm nicht glücken. Der Schweinehirte, ein kluger und dreister Mann, verstand es mit ihm umzugehen und ließ ihn "abladen", ohne dafür sein Freund zu werden. Alle Draken sind nicht bloß von ärgerlicher, sondern auch von neulicher und eitler Natur und mögen sich fast eben so gern im Spiegel beschauen, als unsere junge und ältere Damenwelt. Dies war dem Hirten wohl bekannt und hierauf bauend stellte er sich zur Nachtzeit unter das vorspringende Dach des Hirtenkatens hin, um des Draken Ankunft abzuwarten. Als dieser nun nach kurzer Zeit herangezogen kam, da machte der Hirte, nachdem er ihm den Rücken zugekehrt, sofort einen gewissen Theil seines Leibes bloß, hockte nieder und hielt ihn dem Draken zum Spiegel vor Augen. Und, siehe, der ungewohnte, neckische Anblick versetzte den ärgerlichen Draken in eine so gräuliche Wuth, daß er sich aufblies, wie ein Blasebalg, bis sein Leib immer dicker und dicker wurde und zuletzt zerplatzte und alles, was er geladen hatte, auf die Straße fallen ließ. Der kluge Hirte blieb aber wohlweislich unter dem schützenden Dache des Katens stehen. Wäre er im Freien gewesen, der erzürnte Drake würde unzweifelhaft ein schlimmes Spiel mit ihm getrieben haben. Die ganze Ladung würde er auf ihn geworfen haben und zwar zu einer Substanz verwandelt von so anklebender und ekelhafter Natur, daß er allseinlebtag den Schmutz und Gestank derselben nicht wieder los geworden wäre. So aber, o Jemine, was gab's für ein Wundern und Handschlagen unter Klein und Groß der guten Dorfleute über die Menge des Hafers, den man am andern Morgen auf der Straße fand, wo der gefoppte Drake abgeladen hatte. Wohl manchem stand der Sinn darnach, das schöne Korn an sich zu nehmen. Doch that man's nicht, und niemand machte sich durch dessen Annahme dem Bösen unterthan, sondern alles ließ man ruhig liegen, bis nach und nach des Hirten Schweine es verzehrten.

Das war nun aber ganz und gar nicht nach des Draken Sinn gethan. "Er schleift nicht gerne ohne Wasser" und "schmeißt nur mit der Mettwurst, wenn er den Schinken damit treffen kann". Und doch war's ihm hier nicht gelungen, für all seinen schönen Hafer auch nur eine einzige Seele für seinen Herrn zu gewinnen. Den schweren Aerger über dies und alles, was man ihm im Dorfe hatte angethan, wußte er nun aber auch den armen Dorfbewohnern gründlich einzutränken. War er bisher ein "zutragender Drake" gewesen, so wurde er nun ein "wegtragender" und stahl den Leuten alles, was er nur erwischen konnte. Es währte nichts, so war das ganze Dorf im Aufruhr wegen der zahllosen Diebereien, die allenthalben auf Aeckern und Wiesen, in Häusern, Scheunen und Gärten verübt wurden, ohne daß man sich dagegen zu schützen wußte. Denn da jeder Drake die Teufelskunst besitzt, sich in alle möglichen Gestalten zu verwandeln, wenn er auf Diebeswegen aus ist, so hält es schwer, vor seinen Spitzbübereien sich in Acht zu nehmen. Die Enten- und Hechts-Gestalt kann er freilich nicht annehmen, denn der Hecht trägt in seinem Kopfe, die Ente vor ihrem Kopfe das Zeichen des mächtigen Kreuzes, vor dem auch Satanas sammt allen seinen Dienern zukreuzekriechen muß. Dagegen aber machte sich unser Drake bald zum "Heister" und bald zum Hasen, bald zum "Währwolf" und bald zum Fuder Heu und nahm in solcher Verkleidung selbst bei hellem Tage den Leuten alles unter den Händen weg. Was Wunder, wenn die ganze Dorfschaft auf nah und fern und weit und breit nach Rath aus war, wie dieser heillosen Wirthschaft ein Ende zu machen sei. Doch wollte das lange Zeit nicht glücken, bis man endlich zu einem Weibe kam, das einer im Walde hausenden "Tater-Bande" angehörte. Die kluge Frau ließ zur Vertreibung des Draken erstlich alles Feuer auslöschen, was im ganzen Dorfe sich befand. Darauf ließ sie ein dürres Holzstück so anhaltend und kräftig reiben bis es Feuer fing und mußten alle Dorffrauen von diesem "Nothfeuer" sich das Feuer für ihren Herd anholen. Ueber solches Feuer mußte jede Hausfrau ihren größten Kessel, gefüllt mit fließendem Wasser und "Hexenkraut", in das dritte Gelenk der Kesselkette hängen und mußte den Kessel kochen lassen unaufhörlich, drei Tage und drei Nächte lang. Und wirklich durch all den Dampf, der aus allen diesen Kesseln aufstieg, wurde der Drake richtig "ausgeräuchert".

Das Mittel war freilich ein wenig unbequem, dazu nicht ohne Ausgaben, denn die Zigeunermutter ließ sich gut begaben; aber dafür war es auch probat, denn von Stund an ließ der Drake das Dieben sein und wird vermuthlich bis zum heutigen Tage die guten Bresegarder nicht weiter belästiget haben.


1)
Einsender gedachte bei der Schilderung dieses Gegenstandes in den Jahrbüchern VIII, S. 202 flgd., nur beiläufig der "Draken" und geht hier auf die Stellung, die sie im Aberglauben unsers Volkes einnehmen, noch etwas ausführlicher ein.

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