Die Bekehrung der Stettiner.

Aus: Die Volkssagen von Pommern und Rügen
Autor: Gesammelt von Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller, Erscheinungsjahr: 1840
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Pommern, Rügen,
Von Julin, wo er so schmählich hatte abfahren müssen, begab sich Sankt Otto nach Stettin, um allda sein heiliges Werk mit desto größerem Eifer wieder zu beginnen. Die Stettiner nahmen ihn zwar nicht so feindselig auf, wie die Juliner getan hatten; aber er konnte doch auch hier lange Zeit gar nicht zu seinem Zwecke gelangen. Er predigte bei zwei Monate lang alle Tage, und unterrichtete das Volk; und wie es in Quatember war, ließ er alle Morgen ein silbernes Kruzifix vor sich her tragen, und ging mit seinen Priestern auf den Markt. Doch wollte Niemand hinan, und es hat Keiner das Christentum annehmen wollen. Sie fragten ihn, warum sie doch den neuen Glauben annehmen sollten? Dass sie daraus frömmer werden sollten? Das glaubten sie nicht, denn sie sähen, dass unter den Christen größere Laster wären, denn unter ihnen, nämlich Raub, Mord, Dieberei, Lügen und Trügen, ja auch so großer Übermut, Hoffahrt und Ehrsucht, dass sie oft ihren Glauben selbst darum verachteten und schmähten. Einen solchen Glauben begehrten sie nicht.

Doch schickte es unser Herr Gott um ihres eignen Besten willen anders. Denn es war damals ein gewaltiger Mann in Stettin, Dobislav geheißen, in solcher Achtung, dass auch der Fürst Wartislav nichts gern tat ohne ihn, und von großem Geschlecht, also dass er beides, in der Stadt und auf dem Lande viele Freundschaft, Verwandtschaft und Schwägerschaft mit dem Adel hatte. Derselbe war schon früher, als er unter den Sachsen gewesen, getauft, aber als er wieder zu den Wenden kam, achtete er das Christentum nicht mehr und begab sich zu der Heidenschaft zurück. Er hatte eine Frau von vornehmem Adel aus Sachsen, welche in ihrer großen Jugend von den Wenden ergriffen und weggeführt, und an den Dobislav verkauft war. Damit hatte er zwei junge Söhne gezeugt, Tepitz und Borant geheißen. Da nun St. Otto nach Stettin kam, war Herr Dobislav nicht daheim; daher trug sein Gemahl, welche noch immer an ihrem Christentum hing, groß Verlangen, dass ihre beiden Söhne getauft werden möchten. Sie hielt sie deshalb heimlich dazu an, dass sie sich zu Sankt Otto halten, aber nicht sagen sollten, dass sie es ihnen geheißen hätte. Das taten die Knaben, und St. Otto gefiel ihnen wohl, denn er gab ihnen Obst, und andere Geschenke, welche Kinder gern haben, und ließ sie dabei das Vaterunser und den Glauben lernen, und bat sie oft wieder zu kommen. Zuletzt beredete er sie, dass sie sich taufen ließen, womit sie zufrieden waren. Denn nach der Taufe schenkte er ihnen schöne weiße seidene Röcke mit goldenen Streifen und goldenem Gürtel, und bunte Schuhe. Da das andere Kinder sahen, ließen sie sich auch taufen, damit sie schöne weiße Kleider und bunte Schuhe bekämen.

Als nun also schon viele Kinder getauft waren, da bekam Dobislavs Gemahl endlich Mut, auch zu dem Bischofe hinzugehen. Da war es denn nun herrlich anzusehen, wie die fromme Frau, die so lange ihren Glauben hatte geheim halten müssen, zu dem heiligen Manne kam. Ihre beiden Knaben waren gerade bei diesem, und saßen ihm zu beiden Seiten, angetan mit ihren weißen Kleidern. Als nun die Mutter kommt, stehen die Kinder auf, und verneigen sich gegen den Bischof, als bäten sie um Urlaub, und gehen alsdann der Mutter entgegen. Die Mutter wird darüber so voller Freuden, dass sie anfängt zu weinen, und in die Knie sinkt. Sie herzet und küsset ihre Söhne und spricht: Gelobet seist du, Herr Jesus Christus, dass du meine Kinder zu deinem Sakrament hast kommen lassen, dass du endlich meine Bitten erhöret und an ihnen getan hast, was nun geschehen ist. Sie spricht darauf auch den Bischof an, und danket Gott für seine Ankunft, und bittet, er wolle sich nicht die Zeit lang werden lassen, es werde alles noch gut gehen. Sie nahm sodann die Absolution und Buße von St. Otto an, und ließ alle ihr Gesinde von ihm taufen. Da dies bekannt wurde, kamen viele Bürger und ließen sich auch taufen. Obgleich dieses nun aber geschehen war, so hatte man doch große Furcht, wenn Dobislav von seiner Reise zurückkehren werde. Da trug sich aber das Wunder zu, dass ein heidnischer Pfaff in Stettin, der einen harten Zorn auf den Bischof fasste und auf den christlichen Glauben schimpfte, nachdem er auch einmal des Tages wieder viel höhnische Worte gegen die Christen geredet hatte, über Nacht plötzlich tot gefunden wurde, also dass sein Leib aufgeschwollen und geplatzt war. Das war sichtbarlich nur Strafe Gottes, und wer noch nicht getauft war, der ließ sich nun taufen.

Als nun nach solchen Ereignissen Dobislav endlich wieder zu Hause kam, da kehrte auch er von seinem Irrtume zurück, ließ sich absolvieren vom Bischofe, empfing Buße von ihm und war ihm fortan in allem behilflich. — Also wurde Stettin bekehrt.

Th. Kantzow, Pomerania, l. S. 101-109.
Micrälius, Altes Pommerland, I. S. 149. 150,
Cramer, Gr. Pomm. Kirch-Chron. I. S. 39. 40.
Kanngießer, Pomm. Gesch. S. 623—655.

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Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller

Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller