Die Bauern zu Conerow.

Aus: Die Volkssagen von Pommern und Rügen
Autor: Gesammelt von Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller, Erscheinungsjahr: 1840
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage, Pommern, Conerow, Greifswald, Wolgast
In dem Kreise Greifswald liegt ein kleines Dörfchen, Namens Conerow, das schon seit vielen Jahren nur von drei Bauern bewohnt wird. Die drei Bauern in Conerow hatten einst gehört, wie schlecht es ihrem Könige, Karl dem Zwölften, in Russland ergangen war, und wie er hatte zu den Türken flüchten müssen, und dort gar große Not und Elend erleide. Das tat ihnen in der Seele weh, und sie brachten Alles an Gelde und Geldeswert zusammen, was sie nur eben notdürftig entbehren konnten. Das setzten sie zu Wolgast in blankes Gold um, und nun nahm Einer von ihnen ein Pferd, und ritt mit dem Golde nach Bender hin, um es dem Könige zu bringen; der hieß Hans Müsebeck.

Der König war damals wirklich in arger Not. Er hatte keinen Pfennig Geld mehr, und er wusste nicht, wie er sich und die paar Getreuen, die um ihn waren, vor dem Hungertode erretten solle. Alle seine und der Seinigen Pferde hatte er schon erschossen, um die allgemeine Not zu erleichtern. Nur seinen besten Rappen, der ihn durch so manche Lebensgefahr getragen, hatte er noch verschont. Aber auch diesen konnte er nicht mehr halten. Schweigend nahm der König daher eines Tages selbst die Pistole, und setzte es dem treuen Tiere hinter das Ohr, und schoss es also nieder. Dann setzte er sich auf dem Bauch des Rosses, und gedachte seines Unglücks. Da hörte er auf einmal unweit von sich, auf gut Pommersch die Worte: Helf Gott, wo finde ich meinen König? — Und wie er aufblickt, da sieht er einen Bauern, der ganz allein daher geritten kommt. Der wird zu ihm geführt. Es war der Bauer aus Conerow. Er stieg von seinem Pferde, und kniete vor dem König, und zog aus seinen Stiefeln zwei große Rollen mit Gold hervor. Die überreichte er dem König, und bat ihn, sie anzunehmen, denn die Bauern aus Conerow gäben sie ihm gern. Er erzählte nun, wie sie von seinem Elend gehört, und wie sie darauf das Geld zusammen gebracht, und wie er allein damit den weiten Weg hergeritten sei, da sie sonst nicht gewusst hätten, wie es in seine Hände kommen möge.

Da fing der wilde König Karl der Zwölfte an zu weinen, dass ihm die hellen Tränen das Gesicht herunter liefen. Er zog sein Schwert aus der Scheide und hob es hoch empor, und sagte: Solche edle Treue haben mir die Höchsten meines Adels nicht bewiesen. Du sollst fortan der Erste unter meinen Edlen sein. Knie nieder, dass ich Dich zum Ritter schlage.

Dem Befehle gehorchte der Bauer, und er kniete von Neuem nieder, aber nicht um den Ritterschlag zu empfangen; denn er bat vielmehr den König, ihn nicht also bei seines Gleichen zu beschämen, und ihm den ehrlichen Namen zu lassen, den seine Vorfahren getragen; wolle ihm aber Seine Majestät eine Gnade erzeigen, so bitte er, dass den drei Bauern zu Conerow ihre Pacht auf ewige Zeiten erlassen werde.

Das beschwor ihm der König, und er ließ auch sogleich eine Urkunde darüber ausfertigen. Wie aber der Kanzler nun auf diese das Siegel aufdrücken wollte, da riss sich der König aus seinem Barte drei Haare, die drückte er mit dem Knopfe seines Schwertes in das flüssige Siegelwachs hinein, dass sie auf ewig von seinem königlichen Worte Zeugnis geben sollten.

Darauf ritt Hans Müsebeck froh und vergnügt nach Conerow zurück. Die Urkunde verwahren die drei Bauern zu Conerow noch, und sie sind auch noch jetzt frei von allen Abgaben; denn wer wüsste Untertanen-Treue besser zu schätzen, als das Preußische Königshaus?

Vgl. Freiberg, Pommersche Sagen, S. 78—87.
Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller

Temme, Jodocus Donatus Hubertus (1798-1881) Politiker, Jurist und Schriftsteller