Des frommen Trompeters Untergang auf der Elbe bei Broda, unweit Dömitz

Aus: Mecklenburgs Volkssagen. Band 1
Autor: Gesammelt und herausgegeben von M. Dr. A. Niederhöffer, Erscheinungsjahr: 1858
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Sage, Volkssage,
Früh Morgens sattelte ein Husaren-Trompeter in der preußischen Stadt Lenzen seinen Schimmel und ritt hinaus zum Tore, der nahen Elbe zu. Es war im Frühlinganfang; noch bedeckte zwar dickes Eis den mächtigen Strom, aber schon begann es sich zu lösen und morsch zu werden und somit die Passage nach dem jenseitigen Ufer zu stören.

Ein frischer Westwind hatte sich erhoben, als der Reiter bei dem Wasser anlangte. Trotz der warnenden Worte eines alten Fischers, — der den plötzlichen Eintritt des Eisganges wohl kannte und also auch wusste, wie gefährlich es oft werden könne, die Elbe zu einer solchen Zeit zu überschreiten, — gab er doch furchtlos seinem Pferde die Sporen und sprengte hinauf auf die glanzlose Eisfläche, um so schnell als möglich das gegenüber liegende hannöversche Gebiet zu erreichen. Er hatte dort ja etwas Wichtiges zu besorgen, und gerne wollte der an Disziplin und Gehorsam gewöhnte Krieger auch seinen Auftrag ausführen.

Kaum aber hatte der wackere Husar die Mitte des Stromes erreicht, als es plötzlich unter ihm donnerte und krachte und ein furchtbares Heulen und Dröhnen die Luft erschütterte. Mit dumpfen Knallen, gleichsam als würden Kanonen gelöst, sprang und zerborst das Eis und aus den tiefen Rissen quoll sofort, zischend und schäumend das Wasser hervor.

Schon begann sich das Eis unter seinen Füßen in Bewegung zu setzen und von den sich immer mehr Bahn brechenden Wellen mit fortgerissen zu werden. Der alte Soldat, keine Angst und Furcht kennend, gab seinem Rosse aufs Neue die Sporen. Hochauf bäumte sich das edle Tier, schon setzte es an zum mächtigen Sprunge, doch scheu wich es wieder zurück; es war unmöglich die nächste große Eisscholle zu erreichen, ein zu breiter, wild schäumender Wasserstrom lag dazwischen. Schnell wendete der Reiter sein Pferd auf die andere Seite, aber auch hier war es nicht mehr möglich sicheres Eis, geschweige denn festen Boden zu erreichen. Allenthalben umgaben ihn brausende, schwarzgraue Wellen, in denen sich klirrend und einander zerschmetternd große und kleine Eisblöcke bewegten. Der arme Trompeter befand sich mit seinem Pferde auf einer großen Eisplatte, die wie ein Floß in dem wilden Durcheinander von Eis, Wasser und Schaum umhergeworfen wurde.

Und immer wütender tobte der Elbstrom; immer neue Eisberge türmten sich auf, stürzten zusammen und verschwanden wieder; immer höher erhoben sich die Fluten, Alles zerstörend und vernichtend, und immer schneller trieb der Reitersmann dahin, den Strom hinunter, jeden Augenblick seinen Untergang erwartend; denn wie leicht und schnell konnte nicht auch sein schwaches Fahrzeug in die Tiefe geschleudert, zerschellt und zertrümmert werden.

Viel Volks hatte sich nach und nach an beiden Ufern gesammelt und sah mit klopfenden Herzen dem traurigen Schauspiele zu. So gerne auch mancher Brave helfend hervorgetreten wäre, so gerne auch Dieser oder Jener Alles gewagt hätte, um den Unglücklichen zu retten, es wäre doch vergebens gewesen, und nur seinen eigenen gewissen Untergang würde er dabei gefunden haben. Sie alle, die kundigen Leute wussten dies nur zu gut; ach sie wussten nur zu gewiss, dass hier menschliche Kraft und Hilfe nichts mehr vermöge, dass der alte Husar rettungslos verloren sei. Und er selbst sah und fühlte dies auch vollkommen, darum bereitete er sich nach alter Kriegermanier gefasst auf sein nahes Ende vor. Hatte er doch schon in so mancher blutigen Schlacht unerschrocken dem Tod ins Auge gesehen, deshalb zitterte er auch jetzt nicht. Ruhig stieg er vom Pferde, hing die Zügel seines treuen Schimmels über den rechten Arm, entblößte darauf sein graues Haupt und verrichtete ein kurzes Stoßgebet, indem er Gott um ein seliges Ende bat. Dann setzte er die Bärenmütze mit den flatternden roten Schnüren und dem wallenden Haarbusche wieder auf, nahm die Trompete von der Schulter und begann mit tiefer Rührung das alte herrliche Kraft- und Kernlied unserer lutherischen Kirche: „Nun danket Alle Gott" anzustimmen. Und durch das Brausen und Toben der Elemente drangen weithin, ernst und feierlich die reinen Klänge des frommen Trompeters.

Es war ein erschütternder, ein schrecklich erhabener Anblick, der sich dem zuschauenden Volke jetzt darbot. Hoch aufgerichtet, sicher und fest wie eine Eiche im Sturme, stand er da, der alte markige Husar auf seiner zerbrechlichen, mit rasender Eile dahinschießenden Eisscholle. Zu seiner Rechten aber schnaufte, ebenso ruhig, stolz und mutig wie er selbst, sein prächtiger Schimmel, sein treuer Gefährte in Freud und Leid, in Krieg und Frieden. — So manches Jahr schon hatte das kluge Tier dem Alten gedient, hatte stets Gutes und Böses kameradschaftlich mit ihm geteilt und ertragen, deshalb schien es denn auch jetzt nicht, in der letzten Stunde seinen Herrn verlassen zu wollen, sondern treulich bei ihm auszuharren, um an seiner Seite mit unterzugehen. — Keine Spur von Unwillen oder Unmut war in dem ehrwürdigen, wettergebräunten Gesichte des alten Kriegers zu entdecken, wohl aber leuchtete deutlich aus demselben fromme Ergebung in des Höchsten Willen hervor; wahre Seelenruhe, himmlischer Frieden verklärte seine ernsten, schönen Züge.

Und immer kräftiger, immer durchdringender und herrlicher entströmten die frommen Melodien den Lippen des begeisterten Trompeters, wie überirdische Töne aus höheren Himmeln erklangen sie und drangen tief, tief in die Seele des am Ufer versammelten Volkes. Ein heiliger Schauer durchzitterte Aller Herzen und hingerissen von höchster Bewunderung, ergriffen von tiefster Rührung trauerte und weinte Alles um des braven Kriegers Geschick. Selbst der abgehärtete, raue Bootsmann zerdrückte ergriffen eine Träne zwischen den grauen Wimpern und flehte still zu Gott, um ein baldiges seliges Ende für den frommen Husaren.

So trieb er blasend fort, die Elbe immer weiter hinunter, an Dömitz vorbei, und viel Leute aus der Stadt und Festung sahen ihm bewundernd nach mit feuchtem Auge und inniger Betrübnis. Eben hatte er die letzten Strophen des zweiten Verses:

            „Und uns in Seiner Gnad'
            Erhalten fort und fort,
            Und uns aus aller Not
            Erlösen hie und dort."

beendet, und schon begann er auch den dritten und letzten Vers anzustimmen, als plötzlich, in der Nähe des Gehöftes Broda, ein hoher Eisberg wankte und vorüberstürzend Alles mit sich fort in die Riefe riss. Hoch auf spritzte der weiße Gischt, und verstummt war das fromme Lied, verschwunden war der wackere Trompeter und sein Ross. —

Und fort und fort brausten die Wellen; dumpfer heulte der Sturm. Immer schauriger erklang das Tosen der empörten Elemente, die im grausigen Chore dem verschlungenen frommen Reitersmann ein Totenlied sangen.

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Lange schon ist's her, als sich vorstehende Begebenheit zugetragen haben soll, doch lebendig und frisch hat sich die Sage davon bis jetzt erhalten, und wohl Jedermann in der Stadt und Festung Dömitz, wie auch in den nahen, an der Elbe gelegenen Dörfern weiß vom frommen Trompeter und seinem heldenmütigen Tode zu erzählen.

Wenn's im Frühling draußen heult und tobt; wenn das Eis auf der Elbe unter fürchterlichem Donnern und Heulen plötzlich zerspringt und sich nach und nach in Bewegung setzt, Alles mit sich fortreißend, Alles vernichtend und zerschmetternd, was sich hemmend in den Weg stellt; wenn sich die Schollen häuserhoch auftürmen, zu gewaltigen Eisbergen, die sich mit ungeheurem Getöse gegenseitig zersplitternd und zermalmend in die Tiefe stürzen, dass es weithin dröhnt und kracht, dass die Splitter rings umherfliegen und Wasser und Schaum hoch in die Lüfte spritzen; wenn dann die Strandbewohner mit Schaudern und Schrecken an die Unglücklichen denken, die sich während dieser schrecklichen Revolution auf der tückischen, kurz zuvor noch so ruhig und sicher scheinenden Eisdecke befinden; wenn sie ihren gewissen Tod beklagen und ein stummes Gebet für ihre Rettung zum Himmel senden, dann tritt ihnen wiederum die Sage vom Untergange des Trompeters so recht anschaulich und grell vor die Seele, und mit frommen Grausen erzählen die Alten dann den hochaufhorchenden Kleinen, wie kühn und mutig der alte Husar und sein prächtiger Schimmel in den Tod gegangen. Mit lebhaften Farben malen sie ihnen dann aus, was der alte Reitersmann wohl gelitten, als er, seinen Untergang jeden Augenblick erwartend, auf der zerbrechlichen Eisscholle dahin getrieben sei, wie geduldig und ergeben er sich aber in Gottes Willen gefügt, wie rührend und herzerschütternd es gewesen, als er „Nun danket Alle Gott" geblasen; wie dann plötzlich sein herrliches Lied verstummt, wie er untergegangen und in den dunklen Fluten seinen seligen Tod gefunden habe etc. Und doppelt werden die Kleinen ergriffen, wenn sie dann mit noch nassen Augen durchs Fenster hinaus blicken auf den wilderregten Elbstrom. Sinnend lassen sie alsdann noch einmal die eben gehörte Begebenheit in ihrer ganzen Größe und Erhabenheit vor ihrem jungen Geiste vorüberziehen; denn so ganz können sie sich ja die Lage des frommen Trompeters vergegenwärtigen, sich Alles so recht lebhaft denken und vorstellen. Und tief und bleibend ist der Eindruck, den diese Geschichte auf das kindliche Gemüt machte, noch fürs ganze Leben. Sind sie nach Jahren aber selbst alt geworden und die Elbe geht dann im Frühling wieder auf, so erzählen auch sie den Kindern wieder, was sie in ihrer Jugend vom alten seligen Großvater oder der alten Großmutter, die schon längst beim Herrn sind, gehört haben.

So ist's denn nun gekommen, dass diese Sage, — obgleich sie bis jetzt vielleicht noch nicht niedergeschrieben und gedruckt war, — sich so besonders frisch und lebendig in dortiger Gegend erhalten hat. Es bildet dieselbe ja gleichsam ein Stück aus dem Leben der guten Elbufer Bewohner, — denn fast jährlich fordert der mächtige Strom beim Eisgang sein Opfer, — und deshalb hat sich, denn die alte Geschichte vom Trompeter, allein schon durch mündliche Überlieferung, unverkümmert bis auf das jetzige Geschlecht fortgepflanzt. Möge das noch ferner so bleiben und somit des alten heldenmütigen Husaren gerechter Ruhm noch lange fortleben und gepriesen werden! —

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Mecklenburgs Volkssagen - Band 1

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